„Schubert hören – Eine Anleitung“ von Michael Wersin im Reclam-Verlag – Ein Meister zwischen Klassik und Romantik



Schubert hörenNach „Bach hören“ hat Michael Wersin ebenfalls im Reclam-Verlag „Schubert hören“ veröffentlicht. Der Autor wurde 1966 in Bielefeld geborenen, lehrt heute in St. Gallen, Augsburg und Luzern Kirchenmusik, tritt als Sänger und Continuo-Organist mit verschiedenen Profi-Ensembles auf und schreibt als Musikjournalist für verschiedene Magazine. „Schubert hören“ ist eine fundierte Einführung auch für Laien, aber dennoch auf hohem Niveau. Die musikalischen Analysen mit Werken der wichtigsten Gattungen in Schuberts Werk (Lied, Sinfonie, Kammermusik, Klaviersonate, Messe) sind immer an der Musizierpraxis orientiert und dienen nicht dem theoretischen Selbstzweck. Franz Schubert ist der bedeutendste Komponist am Stilepochenübergang von der Klassik zur Romantik. Er konnte sich früh vom Stil Haydns und Mozarts lösen und schaffte es mit Originalität, der großen Herausforderung durch die Werke seines übermächtigen Zeitgenossen Beethoven zu begegnen. Der Autor geht ausführlich darauf ein, wie es dem Komponisten der Übergangszeit gelang, durch neue Ansätze für traditionelle Formen zeitgenössische Ausdrucksmittel zu entwickeln. Epochemachende Werke wie „Gretchen am Spinnrade“, die „Unvollendete“, die späte Klaviersonate c-moll und die „Winterreise“ sind einige Beispiele, die für jeden verständlich und veranschaulicht durch Notenbeispiele vorgestellt werden. Die analytischen Betrachtungen werden eingebettet in historische Ereignisse und biografische Daten des Meisters. Praktisch ist der Anhang mit einer tabellarischen Biografie Schuberts, weiterführender Literatur und CD-Tipps.

Als Sohn eines Volkschullehrers wurde Franz Schubert (1797-1828) früh in das Internat der Wiener Hofkapelle aufgenommen. Seine hohe Begabung wurde von Antonio Salieri gefördert. Viele Kompositionen des 13jährigen zeigen bereits eine beeindruckende Vielfalt und technische Gewandtheit. Unterstützt von seinem Freund Franz von Schober lebte er ab 1818 ohne Anstellung als freier Komponist in Wien. Einige Reisen mit dem Sänger Johann Michael Vogl brachten etwas Abwechslung in sein von materiellen und gesundheitlichen Problemen geprägtes Leben. Bekannt wurden seine Zusammenkünfte („Schubertiaden“) mit Künstlerfreunden wie dem Maler Moritz von Schwindt oder den Dichtern Franz Grillparzer und Johann Mayrhofer. Erst allmählich wurde Schuberts Musik durch Aufführungen, Drucke und Rezensionen einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Trotz seiner sich verschlechternden Gesundheit schuf er in seinem Todesjahr 1828 zahlreiche bedeutende Werke. Er starb an den Folgen einer Behandlung seiner Syphilis durch Quecksilberdämpfe und Immunschwäche.

Schuberts musikalisches Schaffen orientierte sich anfangs an Haydn, bildete später zugleich einen entscheidenden Neuansatz und ersten Höhepunkt der deutschen Romantik. Seit 1820 war seine stilistische Entwicklung geprägt von hohem Respekt und deutlicher Distanz zu Beethovens Werk. Besonders im Lied gelang er sehr früh zu eigenständigen neuartigen Gestaltungen, was an den Beispielen „Gretchen am Spinnrade“ und „Erlkönig“ gezeigt wird. In den letzten beiden Sinfonien („Unvollendete“, C-Dur), in den späten Streichquartetten und Klaviersonaten sowie im Streichquintett C-Dur verändert Schubert klassische Strukturen durch romantische Gehalte in ihrem Wesen. Im Gegensatz zu Beethovens dramatisch-dialektischen Werken herrscht bei Schubert das lyrische Element mit flächigen Klangbewegungen und ruhigen Themenentfaltungen vor. Auch die vollendete Ausprägung kleinerer Formen wie Impromptus, Moments musicaux oder Tänzen mit der Tendenz zu volkstümlich einfachen Melodien zeugen von Schuberts enormer lyrischer Begabung. Kaum klassifizierend zu beschreiben ist die Fülle an Einfällen in seinen Liedern, vom strophischen bis zum durchkomponierten, vom spielerisch naiven bis zum schicksalhaft düsteren. Seine Messen und anderen kirchenmusikalischen Werke vermitteln eine individuelle Religiosität, die den Katholiken eher fremd ist. So verwundert es nicht, dass Schubert in Distanz zur katholischen Amtskirche bei seinen Messvertonungen die Credo-Zeilen „et in unam sanctam catholicam ecclesiam“ in keiner seiner Messen vertonte. Schuberts Nachwirkung auf spätere Komponisten des 19. Jahrhunderts ist vor allem bedeutend auf dem Gebiet des Liedes (Schumann, Brahms, Wolf), aber auch in der Klaviermusik (Schumann, Chopin) und Sinfonik (Bruckner, Dvo?ak). Er hat die stilistische Entwicklung der Hoch- und Spätromantik bis zu Liszt und Mahler entscheidend beeinflusst. (Johannes Kösegi)

Michael Wersin: Schubert hören – Eine Anleitung; mit Notenbeispielen und Abbildungen; Reclam-Verlag Stuttgart, 210 Seiten; ISBN 978-3-15-010872-7; 19,95 Euro

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