Das neue Herkunftswörterbuch von Duden mit vielen Verbesserungen – Etymologie der deutschen Sprache



Duden HerkunftswoerterbuchIn der beliebten zwölfbändigen Duden-Reihe erscheint „Das Herkunftswörterbuch“ (Band 7) in einer Neuauflage mit vielen Verbesserungen. Es verzeichnet über 20.000 Wörter in mehr als 8.000 Artikeln. Dazu gehören neben Erb- und Lehnwörtern sowie den traditionellen Fremdwörtern auch moderne Wortschöpfungen wie Beamer, Blog, shoppen oder Tsunami. In Infokästen wird die Herkunft von über 300 Redewendungen erklärt. So erfährt man, dass der Spruch „Jemanden einen Bärendienst erweisen“ von der Fabel „Der Bär und der Gartenliebhaber“ stammt. In dieser Fabel zerschmettert ein Bär eine lästige Fliege auf der Nase seines Herrn mit einem Stein. Damit ist die Fliege tot, leider aber auch der Herr. Die Aussage „mit allen Wassern gewaschen sein“ bezieht sich auf Seeleute, die schon auf den Wassern vieler Ozeane unterwegs waren und somit weit gereist und sehr erfahren waren.

Neu aufgenommen wurde außerdem eine Reihe von Überblicksartikeln, die kulturgeschichtlich interessante Etymologien erläutern und den Zusammenhang von Wortgeschichte und kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung aufzeigen. Ein interessantes Beispiel dafür ist „Adams Apfel“, was seit dem 18. Jahrhundert den vorstehenden Schildknorpel beim Mann bezeichnet. Die Bezeichnung stammt von der bei vielen europäischen Völkern weitverbreiteten Vorstellung, dass Adam ein Stück des verbotenen Apfels, den ihm Eva im Paradies reichte, als Zeichen der Sünde im Halse stecken geblieben sei. Auch die unterschiedliche Bedeutung von Frau und Weib im Laufe der Zeit wird ausführlich beschrieben. Unwörter und Wortungeheuer, die im Duden normalerweise als umgangssprachlich aufgeführt werden, wie „Nichtsdestotrotz“ werden auch erklärt. Diese sinnlose Kreuzung von „nichtsdestoweniger“ und „trotzdem“ wurde gerne von Sprachkritikern wie Kurt Tucholsky oder Komikern wie Heinz Erhardt auf die Schippe genommen. Die Wortgeschichte dieses Tabuwortes beweist, dass Sprache nicht nur ein Mittel der Kommunikation ist, sondern auch für die Einordnung und Bewertung von Menschen in der Gesellschaft mitverantwortlich sein kann.

Gerade diese amüsanten Artikel im neuen Herkunftswörterbuch von Duden zeigen, dass die Geschichte und Entwicklung der Wörter über die Jahrhunderte nicht nur für Sprachwissenschaftler interessant ist. Auch interessierte Laien lernen den Eingang der Wörter in unsere Sprache sowie ihren Weg und Bedeutungswandel von frühen Zeiten bis in die Gegenwart. Die Worterklärungen zeigen die Geschichte der Einzelwörter aber nicht isoliert, sondern in einem größeren Zusammenhang von Wortfamilien und Verwandtschaften mit Wörtern fremder Sprachen. Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei die inhaltliche Seite der Wörter, das Motiv für die Benennung, die eigentliche Bedeutung und deren Entwicklung im Laufe der Zeit.

Vor dem eigentlichen Wörterbuch gibt es eine kleine Sprachgeschichte des Deutschen. Sie liefert das nötige Hintergrundwissen über die Entwicklung der deutschen Sprache von den rekonstruierten Formen des Indogermanischen über das Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutsche bis in die Gegenwart. Die Sprache verrät viel über Lebensweise und Kultur der Altgermanen und ihre Einflüsse von Kelten, Römern oder christlichen Mönchen, später auch aus Frankreich (Kultur) und Italien (Bankwesen). Den größten Einfluss auf die deutsche Sprache hat bis heute Martin Luther durch seine Bibelübersetzung, mit der er zur Ausbildung und Verbreitung einer einheitlichen Schriftsprache beitrug. Seit dem Barock dominieren französische (Tablett, Service, Limonade) und italienische (Spalier, Skizze, Korridor) die deutsche Sprache, ab dem 19. Jahrhundert dann vor allem englische Wörter (Klub, Parlament, Trick). Nach dem Zweiten Weltkrieg haben absurde Wortschöpfungen der Nationalsozialisten (entartete Kunst, Endlösung, Sonderbehandlung) ausgedient und viele Amerikanismen und Anglizismen halten Einzug in die deutsche Sprache. In der DDR dagegen gibt es bis 1990 eigene Wortschöpfungen, die teils aus dem Russischen übernommen werden (Kollektiv, Kombinat, Politbüro, Datsche, Kulturhaus). In neuerer Zeit bestimmen neue angloamerikanische Begriffe aus Videotechnik und Internet nicht nur die Fachsprache. Die 1300-jährige Geschichte der deutschen Wort- und Sprachgeschichte ist weder kontinuierlich noch zielgerichtet verlaufen. In verschiedenen Phasen wird die Bedeutung der Sprache für die Kulturgemeinschaft in jeder Generation neu bestimmt. Die aktuelle Standardsprache ist ein Ergebnis eines jahrhundertelangen räumlichen, sozialen, politischen und kulturellen Prozesses, der auch in Zukunft ständig an aktuelle Gegebenheiten angepasst werden wird.

Fazit: Das neue Duden Herkunftswörterbuch bietet eine gute Übersichtlichkeit durch zweifarbige Gestaltung und ein Griffregister. Für 20.000 Wörter werden Bedeutung und Herkunft in fachlich präzisen und doch für Laien leicht verständlichen Worten erklärt. Neben der Darstellung des Erbwortschatzes sowie des Fremd- und Lehnwortgutes wird auf Wortfamilien und Verwandtschaften mit Wörtern aus anderen Sprachen hingewiesen. Als Zugabe zum alphabetischen Teil gibt es die Herkunft von etwa 400 Redewendungen, eine unterhaltsame und informative Geschichte der deutschen Sprache und Großartikel zu kulturgeschichtlichen interessanten Etymologien und etymologischen Zusammenhängen. (Johannes Kösegi)

Duden Das Herkunftswörterbuch – Etymologie der deutschen Sprache; Duden Bibliographisches Institut; 960 Seiten; ISBN 978-3-411-04075-9; 24,99 Euro

 

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