„Sie Vollpfosten!“ neu im Dudenverlag – Gepflegte Beleidigungen für jeden und jede



Nicht nur tierisch ernste und fast staatstragende amtliche Titel gibt es im mittlerweile in Berlin ansässigen Dudenverlag im Angebot. Die deutsche Sprache bedient sich vor allem im Alltag auch weniger geschätzter Vokabeln, die man teilweise als vulgär bezeichnen kann. Nachdem es auf dem Wörterbuchmarkt schon mehrere verschiedene Ausgaben etwa mit Jugendsprache gibt, folgt jetzt mit „Sie Vollpfosten!“ ein alphabetisch angeordneter Übersetzer und Erklärer von vielen bekannten und weniger bekannten Schimpfwörtern. Damit wird eine bedeutende Marktlücke geschlossen. Die meisten Schimpfwörter werden durch Mundpropaganda und einfaches Nachahmen verbreitet. Nur wenige denken sich etwas dabei, wenn sie ihren Geschäftskollegen oder Teamkameraden im Fußball mit irgendeinem weniger freundlichen Attribut versehen. Dieses Büchlein will durchaus mit wissenschaftlichem Anspruch, wie man es bei Duden gewohnt ist, auch die Vulgärsprache erklären. Schließlich haben sich auch bedeutende Dichterfürsten in ihren Dramen dieser Vokabeln bedient, man denke nur an den vielzitierten Ausspruch des Götz von Berlichingen.

Das mit witzigen Cartoons von Pascal Heiler illustrierte Büchlein „Sie Vollpfosten!“ bietet zahlreiche neue und überraschende Erkenntnisse über den Gebrauch und die Herkunft unserer beliebtesten und witzigsten Schimpfwörter. In sieben Kapiteln erfahren Interessierte, wer wem am liebsten was an den Kopf wirft. Das gilt in der Beziehung, unter Jugendlichen, unter Kollegen, im Straßenverkehr, unter Bayern und Sachsen und sogar im internationalen Zusammenhang.

Als Einführung stellt Autor André Meinunger eine kleine Theorie des Schimpfens und Beleidigens vor. Dabei wird betont, dass Schimpfen komplexer ist, als es zunächst scheint. Denn es gehört zur menschlichen Kultur als eine Form des Drohens, das ohne Worte auch im Tierreich üblich ist. Das menschliche Schimpfen bezeichnet einen Überbegriff für Handlungen wie fluchen, verbal einschüchtern, beschimpfen, beleidigen, verhöhnen und Ablehnung zum Ausdruck bringen. Fluchen gilt als Abbau von Aggressionen, was sich gegen andere oder gegen ein eigenes Missgeschick richten kann. In der Regel stammen Schimpfwörter aus Tabuzonen etwa des fäkalen oder religiösen Bereiches. Auch harmlose Tiere müssen öfter dafür herhalten: Ochse, Esel, dumme Gans, Kuh oder Sau. Auch „rassistische“ Tabus werden gerne beim Schimpfen benutzt, wobei Besserwessi noch harmlos ist. Oft ist nicht bekannt, dass die meisten Schimpfwörter ursprünglich gar nicht beleidigend gemeint sind. Ein Beispiel dafür sind Haustiere.

In diesem Buch werden die Schimpfwörter nicht wissenschaftlich eingeteilt, sondern nach Lebensbereichen, wie es sogar in akademischer Literatur angewandt wird. Besonders Bereiche, die mit Emotionen verbunden sind, gelten als besonders anfällig für Schimpfwörter. Dazu gehören Beziehung und Partnerschaft, Schule und Arbeit, Straßenverkehr, die tägliche Konfrontation mit Mitmenschen wie Nachbarn. Schimpfen darf schließlich nicht nur negativ gesehen werden. Nach Erkenntnissen von Psychologen, Medizinern und Sprachwissenschaftlern dient es dem wichtigen Abbau von Aggressionen. Wenn es beim Schimpfen bleibt und nicht in körperliche Gewalt umschlägt, kann es als ein Sieg der Kultur über die Natur gesehen werden. Schimpfen und Beleidigen hat also auch viele gute Seiten und fördert die sprachliche Kreativität.

Einige Beispiele mögen diese Vielfalt verdeutlichen. Was sich Männer und Frauen gegenseitig an den Kopf werfen: Egoist, Mimose, Macho, Tussi, Schlampe, Zicke, Weichei, Muttersöhnchen, Schlappschwanz. So kreativ sind Kinder und Jugendliche: Hosenscheißer, Angsthase, Honk (Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse), Streber, Schwachmat, Petze, Gehirnamputierter, Nerd, Bitch (Schlampe, Nutte), Hurensohn (kommt bereits in Schillers „Fiesco zu Genua“ vor). Arbeitskollegen untereinander: Amateur, Dilettant, Fachidiot, Pfeife, Drückeberger, Arschkriecher, Prahlhans, Fuzzi (männliche Tussi), Kotzbrocken, Simulant, Stinkstiefel, Kollegenschwein, Sesselfurzer, Winkeladvokat, Rechtsverdreher. Beleidigungen für vermeintlich dumme und hässliche Mitmenschen: Armleuchter, Dumpfbacke, Klugscheißer, Kretin, Hohlkopf, Idiot, Intelligenzler, Prolet, Bauer, Giftzwerg, Vogelscheuche. Wüstes aus dem Straßenverkehr: Schleicher, Lahmarsch, Raser, Sonntagsfahrer, gesengte Sau, Vollpfosten, Geisterfahrer. Einheimische Freundlichkeiten sind auf bestimmte Regionen Deutschlands beschränkte Ausdrücke: Büxenschieter, Dödel, Motzki, Raffke, Sempel, Säckel, Pfennigfuchser, Bazi, Hirsch. Im letzten Kapitel werden einige Schimpfwörter in anderen Sprachen erklärt, die durch Touristen und Einwanderer verbreitet werden: motherfucker, bastard, stronzo, cazzo, hijo de puta (spanisch Hurensohn), putain (französisch Hure), göt (türkisch Arsch), sobaka (russisch Hund). In diesem Zusammenhang werden auch Völkerbeschimpfungen (Ethnophaulismen) erwähnt, die andere Volksgruppen abwerten wollen: Polacke, Kümmeltürke, Froschfresser oder Spaghettifresser. Wir Deutsche werden von Österreichern Piefke und von Niederländern mof (Menschen ohne Freunde) genannt, bei den Franzosen sind wir boche (halsstarrig). (Johannes Kösegi)

André Meinunger: Sie Vollpfosten! – Gepflegte Beleidigungen für jeden und jede; Dudenverlag Berlin; 159 Seiten; ISBN 978-3-411-74525-8; 9,99 Euro

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