Unterwegs nach Cold Mountain

Erstellt am: September 18th, 2007

Während des amerikanischen Bürgerkrieges wird der auf Seiten der Südstaaten kämpfende Soldat Inman verwundet.

Als der junge Mann so weit wieder hergestellt ist, dass seine Kräfte für eine Flucht ausreichen, desertiert er und macht sich zu Fuß auf den Weg zurück in seine Heimat in den Bergen North-Carolinas, wo, so hofft er, seine Liebste Ada auf ihn wartet. Der Weg ist voller Gefahren, denn im Lande herrscht Gesetzlosigkeit. Stets muss Inman auf der Hut sein – vor Milizionären, die Deserteure wie ihn jagen, vor Banditen, Plünderern und anderen Desperados. Doch immer wieder trifft der Fahnenflüchtige auf hilfsbereite Menschen – auf ein altes Hutzelweiblein, das seine Wunden pflegt und ihn, der seit Tagen nichts gegessen hat, mit Nahrung versorgt oder auf eine junge Witwe, die selber so arm ist, dass sie kaum weiß, wie sie den kommenden Winter überstehen soll. Während der geflohene Soldat sich mühsam Meile für Meile in Richtung Heimat schleppt, muss seine Braut Ada nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters lernen, eine Farm zu versorgen und von den Produkten, die das Land hergibt zu leben.

Ohne die heimatlose Ruby, die eines Tages wie vom Himmel gesandt hereinschneit, wäre das ihr, der Bürgertochter kaum gelungen. Ruby kann, obwohl sie noch recht jung ist, so ziemlich alles – sie kann den Boden bearbeiten, sie kann pflanzen und säen, kochen und backen, Bäume fällen und Häuser reparieren, sie kann die Zeichen der Natur deuten, à là Monty Roberts Pferden etwas zuflüstern und auch sonst hervorragend mit Tieren umgehen, Wunden und Krankheiten heilen und noch vieles mehr.

Dank ihrer Hilfe ist es möglich, kurz vor Beginn des Herbstes noch genügend Lebensmittel zu erzeugen, so dass den beiden Frauen vor dem nahenden Winter nicht bange zu sein braucht.

Der Autor erzählt durchaus spannend und einfühlsam, zum Teil im Stile eines Märchens, von gefahrvollen Wanderschaften, vom Bösen, das am Wegrand lauert, von kleinen Wundern und großen Überraschungen. Doch allzu oft gerät sein Roman reichlich langatmig und häufig nervt mich seine Idealisierung des ländlichen Lebens. Vor etwa fünfzehn Jahren, während meiner hochalternativen Phase, bekam ich einmal „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ geschenkt, das dem zivilisationsmüden Städter mit warmen Worten die Freuden des zwar arbeitsreichen aber durch und durch befriedigenden einfachen Landlebens nahe bringen wollte. Fraziers Roman erscheint mir zeitweise wie die literarische Version dieses Handbuches. Wie leicht und problemlos Ada und vor allem Ruby die Arbeit von der Hand geht – alles gelingt ihnen fast mühelos!

Innerhalb weniger Wochen schaffen es die beiden Frauen aus Adas heruntergekommenen Besitz eine florierende Farm zu machen, zu säen, zu ernten, Schadhaftes zu reparieren, Regale voller Vorräte im Keller aufzuhäufen, Heu zu machen, Äpfel zu pflücken und zu verarbeiten, Saft zu keltern, Bäume zu fällen, Holz zu spalten und ganz nebenbei auch noch zu lesen oder zu malen und selbstverständlich zu kochen, zu backen und das Haus sauber zu halten. Im tiefsten Winter, bei Eis und Schnee genügt den Frauen eine Stunde um im Wald Holz für ein wärmendes Feuer zu sammeln, eine verlassene, heruntergekommene Hütte zu säubern und Tannenäste zu schlagen um damit ein Loch in der Decke dieser Hütte zu flicken – eine Leistung, die der Würdigung im „Buch der Rekorde“ bedarf!

Viele Fragen bleiben offen– wo zum Beispiel hat Ruby all‘ ihre enormen Fähigkeiten erlernt?

Insgesamt erscheint mir der Roman in weiten Teilen unglaubwürdig, obwohl Frazier sich darauf beruft, einen Teil seiner Familiengeschichte erzählt zu haben.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Unterwegs nach Cold Mountain
Autor: Charles Frazier
Verlag: Heyne
ISBN: 3453152522

Nirgendwo in Afrika

Erstellt am: September 17th, 2007

„Der herrliche Duft, der Owours Haut entströmte, roch wie Honig, verjagte Angst und ließ ein kleines Mädchen zu einem großen Menschen werden. Regina machte ihren Mund weit auf, um den Zauber besser schlucken zu können, der Müdigkeit und Schmerzen aus dem Körper trieb. Erst spürte sie, wie sie in Owours Armen stark wurde, und dann merkte sie, dass ihre Zunge fliegen gelernt hatte.
„Toto“, wiederholte sie das schöne, fremde Wort.“

Stefanie Zweig lieferte mit „Nirgendwo in Afrika“ ein kleines Meisterwerk ab, der die Flucht einer jüdischen Familie in ein unbekanntes Land wiedergibt. In Deutschland in akuter Lebensgefahr, finden sie sich in der Ferne erst nicht zurecht, bevor sie sich an Rituale, Gebräuche, Riten und Einwohner gewöhnen und schließlich mit ihnen verschmelzen. Die Geschichte ist aus der Sicht der kleinen Regina geschildert, die am wenigstens Probleme mit der neuen Umgebung hat, sondern sich schnell heimisch fühlt in dem heimischen Land mit den unbekannten Gerüchen und aufregenden Farben. Die anfangs gefährlichen Tiere und die bedrohlichen Fremden werden schnell zu ihren Freunden, während besonders ihre Mutter große Probleme damit hat, in der Wildnis zu leben und sich an die Armut zu gewöhnen. Für Regina hingegen ist die neue Welt voller Reichtümer, die sie um keinen Preis wiederhergeben will…

Regisseurin Caroline Link hatte mit „Nirgendwo in Afrika“ eine Vorlage, die reich an farbenprächtigen Motiven und einer packenden, emotional geladenen Story war. Und ihre Verfilmung schafft es, das hohe Niveau des Buches auf kongeniale Weise auf die Leinwand zu bannen. Auch die Musik von Niki Reiser trägt viel zum Gelingen bei, denn er schafft es auf famose Art, die Stimmung der Bilder ins Trommelfell zu transportieren. Wer den Film liebt, wird auch das Buch lieben. Und umgekehrt!

Fazit: „Nirgendwo in Afrika“ ist eine Liebeserklärung an den geheimnisvollen Kontinent, die sich vor einem tragischen Hintergrund abspielt. Glänzend geschrieben und packend erzählt, kann Autorin Stefanie Zweig den Leser vollkommen in den Bann ziehen. (Tino Hahn)

Titel: Nirgendwo in Afrika
Autor: Stefanie Zweig
Verlag: Heyne Verlag
Seiten: 364
ISBN: 345318565X

Eine Billion Dollar

Erstellt am: September 17th, 2007

Was wäre, wenn einer unserer Urahnen vor 500 Jahren ein paar Florin angelegt hätte, die dank Zins und Zinseszins in der Gegenwart zu einem unvorstellbar großen Vermögen angewachsen wären? Für einen armen Schustersohn aus New York namens John Fontanelli wird dieses nette Gedankenspiel Realität: Am 23. April 1995 erfährt er, dass ihm sein Vorfahre als derzeit jüngstem Sprössling in der Fontanelli-Ära die unglaubliche Summe von einer Billion Dollar vererbt hat. Dadurch ändert sich sein Leben radikaler, als er sich jemals hätte träumen lassen: Gestern fuhr er noch Pizza aus, heute hat er mehr Geld als die reichsten 200 Menschen der Welt zusammen.

Doch ohne Haken läuft auch diese Sache nicht ab: Im Testament wird von einer Vision berichtet, die besagt, dass John Fontanelli mit all dem Geld der Menschheit ihre verlorene Zukunft zurückgeben soll. Doch kann John mit der ihm aufgebürdeten Verantwortung überhaupt umgehen? Da erscheint ein mysteriöser Fremder und behauptet zu wissen, wie die Vision zu erfüllen ist…

Drei Jahre arbeitete Andreas Eschbach an seinem 734 Seiten umfassenden Mammutwerk und recherchierte dafür ausgiebig in allen Standardwerken zum Thema VWL, Bevölkerungspolitik, Ökologie und allen artverwandten Wissenschaften. Dabei hat er es mit der Detailtreue gelegentlich übertrieben, denn ausführliche Beschreibungen des Wetters an besagten Tagen und der allgemeinen politischen und popkulturellen Umstände drängen unwillkürlich Erinnerungen an „American Psycho“ auf, obwohl die Bücher unterschiedlicher kaum sein könnten, lediglich in punkto Details nehmen sich beide nicht viel. Doch bei „Eine Billion Dollar“ wirken sie oft fehl am Platz und hemmen den Lesefluss, sind also kein besonders geeignetes Stilmittel, sondern unterstreichen in erster Linie die Eitelkeit des Autors, sich als allwissend zu präsentieren. Doch egal, wie man darüber denkt, sein Schreibstil ist eine gelungene Mischung aus Fiktion und Wirtschaft, der stets spannend und unterhaltsam rüberkommt, von kleineren Hängern mal abgesehen. Die Story entwickelt sich dabei immer weiter und wird im Laufe immer komplexer und beschäftigt sich meistens mit ökologischen Fragen und Thesen, die Eschbach meisterhaft mit einbezieht. Und gegen Ende des Buches kristallisiert sich dann heraus, dass hier eines der Bücher entstanden ist, dass man zu Recht mit der Bezeichnung Lebenswerk versehen kann. Zumindest solange, bis Eschbach seinen nächsten Roman schreibt…

Fazit: „Eine Billion Dollar“ ist ein sehr spannender und unterhaltsamer Roman geworden, dessen Detailbesessenheit jedoch manchmal kontraproduktiv ist. Doch die genial aufgebaute Handlung, die zahlreichen Ideen und wirtschaftlichen Thesen machen das Buch zu einem wirklich lesenswertem Exemplar! (Tino Hahn)

Titel: Eine Billion Dollar
Autor: Andreas Eschbach
Verlag: Lübbe Verlag
Seiten: 734
ISBN: 3785720491

Das Winterhaus

Erstellt am: September 17th, 2007

In einem verschwenderischen Gesellschaftsepos schildert Judith Lennox die Geschichte dreier Freundinnen in England, beginnend mit dem Jahr 1918 und endend im Jahr 1938. Es ist die Zeit zwischen den zwei großen Weltkriegen mit wirtschaftlichen Nöten und in deren Folge mit größeren politischen, sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen.

1918 sind die Freundinnen sieben Jahre alt. Sie leben in der Nähe von Cambridge. Der Gartenpavillon der Familie Summerhayes, auch Winterhaus genannt, ist Zufluchtsort für die drei Mädchen. Sie beschließen, regelmäßig an diesem Ort zusammenzukommen, um sich hier alle wichtigen Lebensereignisse mitzuteilen. Sie sind sehr unterschiedlicher Herkunft: da ist Robin Summerhayes, deren Eltern Lehrer und sehr liberal gesinnt sind. Bei ihnen herrscht ein freundliches , herzliches Familienklima mit großer Offenheit und Freiheit. Getrübt wird dieses feine Familienklima allerdings durch den Tod des im ersten Weltkrieg gefallenen Sohnes Stevie und des auch durch diesen Krieg an Leib und Seele verletzten Sohnes Hugh. Robin , die einzige Tochter, ist eine zielstrebige Frau mit zeitweise revolutionären Ambitionen, die sich aber nach sozialen und politischen Engagements am Ende dem Medizinstudium widmet.

Maia ist schön und kommt aus gebrochenen Verhältnissen .Sie sucht den reichen Mann, der sie ihre Armut vergessen lässt

. Helen entstammt einem Pfarrhaus. Sie wird tyrannisiert von einem despotischen , heuchlerischen und verlogenen Vater, der sie nie aus den Augen lässt, so dass sie fast an der Enge ihres Lebens zerbricht. Judith Lennox versteht es, fesselnd zu schildern, wie jede einzelne der drei Figuren sich entwickelt. Ausbildung, Charakterentwicklung, erste Lieben, unterschiedlichste Ziele, menschliche Begegnungen, erste Enttäuschungen, nach und nach zu Reife gelangende Persönlichkeitsentwicklungen, aber auch die krankhafte , weil unter eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten leidende Helen, gehören zu dem bilderreichen Erzählstil von Judith Lennox.

Wir bekommen ein einfühlsames und lebendiges Bild aus dem England und London der zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, anschauliche Bilder von den ländlichen Begegnungen und Festen, auch teilweise von sehr morbiden Gesellschaften, wie sie wohl in ihrer Vielfalt charakteristisch für die Zeitläufe jener Jahre sind.

Zuletzt, erwachsen geworden, und nach bitteren Erfahrungen teils in der Ehe, im Pfarrhaus und als Helferin im spanischen Bürgerkrieg, findet das Buch für jede der drei Frauen ein eigenes, von der jeweils anderen sich unterscheidendes Finale.

Es ist eine facettenreiche, vielschichtige Lebens- und Kulturbeschreibung, die uns Judith Lennox bietet, ein spannendes, sehr unterhaltsames und gefühlvolles Buch. Man bleibt bis zur letzten Zeile gefesselt.

Ich empfehle diesen Schmöker für kalte, regnerische Abende, an denen man es sich in der Couchecke gemütlich machen will! (Claudine Borries)

Titel: Das Winterhaus
Autor: Judith Lennox
Verlag: Piper München Zürich
Seiten: 541
ISBN: 349222962X

Witwe für ein Jahr

Erstellt am: September 17th, 2007

Auch fünf Jahre nach dem tragischen Unfalltod ihrer beiden Söhne kann Marion Cole ihre Trauer nicht überwinden. Als sie eines Tages alle Verbindungen zum Rest ihrer Familie abbricht und spurlos verschwindet, bleiben vor allem ihre nach dem Tod der beiden Jungen geborene Tochter Ruth, und Eddie, ihr dreiundzwanzig Jahre jüngerer Geliebter ratlos zurück.

Ruth wächst bei Ted, ihrem Vater, einem notorischen Schürzenjäger, auf und wird später zu einer gefeierten Schriftstellerin. Auch Eddie versucht sich als Autor, doch ist sein Erfolg nur gering.

Nach Jahren kreuzen sich Ruths und Eddies Wege erneut. Sie stellen fest, dass beide in all den Jahren nie das Interesse an der verschwunden Marion verloren haben. Ruth und Eddie haben in ihrem bisherigen Leben wenig Glück mit ihren Partnern gehabt, denn Eddie, der immer noch auf ältere Frauen steht, vergleicht jede neue Frau mit der Entschwundenen und Ruth hat Angst vor allzu engen Bindungen und gerät stets an den falschen Mann – einer vergewaltigt sie sogar.

Als sie in Amsterdam Augenzeugin eines Mordes wird und fast zur gleichen Zeit in Amerika ihr Vater Selbstmord begeht, beschließt Ruth, das eigene Leben neu zu gestalten; sie heiratet Allan, ihren Lektor. Bald kommt Sohn Graham auf die Welt und endlich fühlt sich Ruth zufrieden und geborgen. Ihr Glück ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn nach lediglich vier Jahren Ehe wird sie zur Witwe.

Es braucht ein Jahr bis Ruth langsam wieder ins Leben zurückfindet, und Harry Hoekstra, ein Polizeibeamter aus Amsterdam hilft ihr dabei.

761 Seiten voller Leben, interessanter Personen, skurriler Geschichten, trauriger, lustiger und bewegender Ereignisse in einer knappen Inhaltsangabe unterzubringen, ist nicht ganz einfach und wird diesem Roman auch keineswegs gerecht.

In gewohnt souveräner Art und Weise vermag es Irving seine Leser zu fesseln. Dieser Roman macht süchtig – nachdem man einmal mit der Lektüre begonnen hat, kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Es wimmelt von liebevoll gezeichneten Figuren. Irving lässt seine Leserschaft nicht nur am Schicksal von Ruth Cole, der Hauptperson teilnehmen, sondern auch die Geschichten von Marion, Ted, Eddie, der Hure Rooie, dem Polizisten Harry und so weiter und so weiter werden mit viel Liebe fürs Detail erzählt. Selbst relativ unwichtige Figuren werden bis zur kleinsten Einzelheit genau entwickelt. So dürfte fast jeder von uns im Laufe seines Schülerlebens einem Lehrer wie Minty O‘ Hare begegnet sein.

Genial ist auch Irvings Kunstgriff mit der zweiten Erzählebene, denn so ganz nebenbei lernen wir auch noch die Romane und Figuren der zahlreichen Autoren kennen, die das Buch bevölkern. Teilweise verschmelzen Fiktion und Wirklichkeit miteinander.

Ein Schriftsteller, der über eine Schriftstellerin schreibt, die über einen Schriftsteller schreibt – irre!

Ohne jemals in kitschige oder allzu sentimentale Gefilde zu entgleiten, schildert Irving Gefühle wie die Verlassenheit Ruths nach dem Weggang der Mutter, die große Liebe Eddies zu Marion oder vor allem die entsetzliche, nie enden wollende Trauer, die diese nach dem Tode ihrer Söhne ergreift.

Die „Witwe für ein Jahr“ ist ein Buch das mich zum Schwärmen bringt. Ich werde es sicher irgendwann noch einmal lesen. Ansonsten freue ich mich schon auf den nächsten Roman von John Irving.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Witwe für ein Jahr
Autor: John Irving
Verlag: Diogenes
Seiten: 761
ISBN: 3257233000

Die fünfte Frau

Erstellt am: September 17th, 2007

Herbst 1994.
Eine schreckliche Mordserie hält das südschwedische Schonen in Atem. Drei Männer sind auf bestialische und äußerst schmerzvolle Weise ermordet worden. Kommissar Wallander und seine Kollegen und Kolleginnen von der Polizei in Ystad tappen lange Zeit im Dunkeln. So sehr sie auch versuchen, Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern zu finden, sie können keine entdecken . Ihre Berufe waren unterschiedlich, ihre familiären Verhältnisse und ihre Hobbys weisen keinerlei Übereinstimmungen auf. Nur die Tatsache, dass es sich bei allen drei Männern um relativ unauffällige und durchaus angesehene Mitglieder der Gesellschaft handelte und dass sie jetzt tot sind scheint sie zu verbinden. Nach langen frustrierenden und erfolglosen Ermittlungen stellt sich heraus, dass sämtliche Opfer gelegentlich zur Brutalität neigten und ihre Partnerinnen misshandelten und quälten. Zwei der Toten geraten gar in Verdacht, vor Jahren selber gemordet zu haben.

Nachdem die Polizei zunächst einen männlichen Täter vermutet, kristallisiert sich im Laufe der Zeit heraus, dass die Männer vermutlich von einer Frau, einem selbsternannten Racheengel, ins Jenseits befördert wurden. Langsam wird ein Muster, nach dem die Täterin vorgeht erkennbar und so kommt man ihr schließlich auf die Spur.

Dieser Krimi wurde von den verschiedensten Kritikern und Feuilletonisten in den höchsten Tönen gelobt. Ich kann jedoch diese Preisungen nicht so ganz nachvollziehen. OK, das Buch ist durchweg spannend und die Idee, einmal altbewährte Klischees zu durchbrechen und eine Frau statt als Opfer, als Täterin zu präsentieren, hat ohne Frage einen gewissen Reiz. Meiner Meinung nach hat es Mankell jedoch mit seiner Gesellschaftskritik etwas zu gut gemeint und reichlich dick aufgetragen.

Dass beispielsweise der Mann, der von einer Bürgerwehr als Dieb abgestempelt und halbtot geprügelt wird, ein völlig unbescholtener Bürger ist, der sich nur verirrt hat, mag ja noch angehen; aber muss dieser Mensch nun auch noch Mitglied bei Amnesty-International sein???
Dass Bürger über die Untätigkeit, oder auch – je nach politischer Einstellung – über die Brutalität der Polizei meckern, ist nichts Neues, aber dass die Tochter eines Beamten auf dem Schulhof misshandelt wird, nur weil ältere Mitschüler ihrem Unmut über die Polizei Luft machen wollen, ist bei aller Brutalität, die heutzutage auf Schulhöfen herrscht, doch wohl etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Inhaltlich erscheint mir der Roman gelegentlich reichlich wirr und unlogisch. An einigen Stellen kommt es mir so vor, als habe sich der Autor in seinem eigenen Netz verstrickt und finde nur noch unter Mühen wieder hinaus. Hanebüchene Zufälle werden konstruiert, Cousinen in Entbindungskliniken erschaffen, mehrere Jahre alte Fahrpläne mit kryptischen Anmerkungen in Geheimfächern entdeckt.

Auch was das Stilistische angeht, habe ich etwas zu mäkeln : Zu viele Handlungsstränge bleiben in der Luft hängen und enden im Nichts. Ich kann mir zwar sehr gut vorstellen, dass Polizeiarbeit häufig tatsächlich ähnlich aussieht – Irrwege werden eingeschlagen, falsche Spuren werden aufgegriffen und später verworfen oder einfach nicht mehr weiter verfolgt. Doch muss man jede noch so aberwitzige Nebenhandlung in aller Länge und Breite auswalzen? Und was sollen die ständig wiederkehrenden Hinweise auf intuitive Empfindungen des Kommissars? – Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, wusste aber nicht wieso – die Situation erinnerte ihn an etwas, doch er kam nicht mehr darauf woran – etwas erschien ihm wichtig, aber er hatte keine Ahnung, was es war – usw.

Trotz aller Kritik habe ich bei der Lektüre des Romans jedoch durchaus gelegentlich Vergnügen empfunden. Er ist unterhaltsam und liest sich flott. Ein passabler Krimi. Nicht weniger, aber für meine Begriffe eben auch nicht mehr!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Die fünfte Frau
Autor: Henning Mankell
Verlag: dtv
ISBN: 3423203668

Die Glut

Erstellt am: September 17th, 2007

Dieses ist eines der schönsten Bücher, das mir in letzter Zeit begegnet ist. Es ist 1942 zuerst erschienen und kürzlich neuentdeckt und wiederaufgelegt worden. Voller Melancholie erscheint vor unserem Auge die Zeit des untergegangenen k.u.k.-Reiches.

Zwei gute Freunde , wie sie unterschiedlicher als sie sind nicht sein könnten, begegnen sich nach 41 Jahren der Trennung wieder: der eine, Henrik, begütert, der andere, Konrad, arm. Henrik ist Soldat aus Tradition, Berufung und Herkunft, Konrad ist sensibel, den schönen Künsten und der Literatur zugetan und Soldat nur wider Willen.

Bei dem Wiedersehen ,das Konrad herbeigeführt hat ,erscheint in langen Gesprächen , vor allem einem langen Selbstgespräch von Henrik, vor dem geistigen Auge des Lesers noch einmal das gemeinsame Leben der beiden in ihrer Jugend; die zusammen verbrachten Jahre auf der Kadettenanstalt, die enge Freundschaft, Begegnungen mit dem Vater von Konrad, dem General, Gespräche über das Dasein , das Verschiedensein der Menschen, über die Welt und die Frauen. Die Sehnsucht von Henrik ,zu denen zu gehören, die musikalisch und poetisch veranlagt sind: sie begleitet sein ganzes Leben und lässt ihn tiefe Einsamkeit empfinden.

Die Ehe von Henrik und Krisztina, die sich in der Rückschau als Lug und Trug erweist, spielt eine zentrale Rolle in der gemeinsamen Lebensgeschichte der Freunde. Um sie herum kristallisiert sich ein Drama , das Henrik erst nach und nach erahnt hat. Konrad, der offensichtlich die Frau seines Freundes Henrik geliebt hat, auch in Versuchung war, seinen Freund auf einer Jagd zu erschießen, ist eines Tages Hals über Kopf verschwunden. Henrik hört und sieht ihn nie wieder bis zu diesem Augenblick des Wiedersehens nach 41 Jahren.

Aber Rache und Aufklärung , wie Henrik sie über Jahre herbeigesehnt hat, ist im Angesicht des Alters plötzlich gar nicht mehr von Bedeutung .

Es ist ein Buch voller Altersweisheit, Empfindungen der Vergänglichkeit und sogar Vergeblichkeit. Wie ein Autor den Bogen vom sprudelnden, leidenschaftlichen und lebensneugierigen Alter der Jugend zum abgeklärten, schon fern dem Leben stehenden , auch der Leidenschaften verlustig gegangenen Abschnitt des Alters beschreiben kann,– das wir Sándor Márai so schnell niemand gleichtun können.

Ein sehr empfehlenswertes Buch ! (Claudine Borries)

Titel: Die Glut
Autor: Sandor Marai
Verlag: Piper
Seiten: 223
ISBN: 3492041620

Das Vermächtnis der Eszter

Erstellt am: September 17th, 2007

Das Buch ist 1939 erstmals erschienen.
Wieder, wie in dem Roman “ Die Glut“ vom selben Autor, geht es um eine Lebensgeschichte, die aus der Rückschau eines längst gealterten Menschen erzählt wird.

Eszter, die Erzählerin, berichtet über Lajos, ihre einzige Liebe. Aber die Geschichte ist sehr lange her.

Es stehen sich Menschen gegenüber, von denen die einen naiv, lauter, ehrlich und ehrbar sind; die anderen sind von unstetem Charakter, unehrlich, gerissen, auf den eigenen Vorteil bedacht und das ohne jede Rücksicht auf die Folgen für die, die sie schädigen.

So hat Lajos entgegen allen Erwartungen die Schwester von Eszter geehelicht. Diese ist schon lange verstorben. Die aus diese Ehe hervorgegangenen Kinder haben denselben berechnenden Charakter wie ihr Vater Lajos.

Es ist eine Geschiche von Lug und Betrug, und davon, wie Menschen rücksichtslos jene, von denen sie geliebt werden, zugrunde richten können. Auch davon, wie einzelne Charaktere mit Selbstinszenierungen und Theaterspiel als Lebenselixier sich selber und andere zu täuschen vermögen.

Die Geschichte ist grausam in ihrem psychologischen Darstellungsgehalt und dennoch wahr trotz der scheinbaren und fast unglaubhaften Überzogenheit.

In einem kurzen Vorspann wird wieder einmal die Lebensweisheit und Lebensmüdigkeit des Autors, aber auch die Resignation darüber, was Menschen einander antun können, in wunderbarer Weise in Worte gefasst.

Es ist ein empfehlenswertes Buch für alle jene, die bei der Auswahl ihrer Romanlektüre einen philosophischen und psychologischen Hintergrund suchen. (Claudine Borries)

Titel: Das Vermächtnis der Eszter
Autor: Sándor Márais
Verlag: Piper
Seiten: 165
ISBN: 3492041981

Das Haus der Schwestern

Erstellt am: September 16th, 2007

Die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel 1996/1997 möchte die erfolgreiche deutsche Strafverteidigerin Barbara gemeinsam mit ihrem Mann Ralph auf Westhill, einem einsamen Gutshof in Yorkshire, im Norden Englands, verbringen. Sie hofft, auf diese Weise in ihre Ehe, die in eine schwere Krise geraten ist, noch mal ein wenig frischen Wind bringen und ihr damit eine neue Chance gegen zu können.

Doch wie der Zufall so spielt – kaum ist hat sich das Ehepaar in seiner Ferienbehausung wohnlich eingerichtet, bricht ein heftiger Schneesturm los, durch den das Haus schließlich völlig von der Außenwelt abgeschnitten wird. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, die Telefone bleiben stumm, die Heizung funktioniert nicht mehr und obendrein sind im ganzen Haus bis auf ein paar kärgliche Reste kaum noch Lebensmittel zu finden. Barbara und ihr Mann müssen Hunger leiden und um nicht zu erfrieren sind sie gezwungen, das in einem Schuppen lagernde Holz ofenfertig zu verarbeiten. Die Stimmung zwischen den Eheleuten wird immer unfreundlicher. Da findet Barbara durch Zufall im Schuppen unter einer losen Fußbodendiele ein viele Seiten umfassendes Tagebuch, das im Jahre 1980 von Frances, der ehemaligen Besitzerin von Westhill, kurz vor deren Tode geschrieben wurde.

Die Aufzeichnungen beginnen mit der Jugend der Verfasserin zur Zeit der Jahrhundertwende und enden im Jahre 1943 mit einem dramatischen Finale. Frances, eine intelligente, selbstbewusste und unbeugsame Frau hat viel erlebt. Sie unterstützte die Suffragetten bei ihrem Kampf um das Frauenwahlrecht und ging dafür sogar ins Gefängnis, half während des ersten Weltkrieges in einem Lazarett in Frankreich, verhalf der in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen elterlichen Farm in Westhill zu neuer Blüte, nahm später, während des zweiten Weltkrieges die Töchter ihrer Londoner Freundin in ihren Haushalt auf. Doch das schlimmste Trauma ihres Lebens konnte sie nie verwinden: Ihr Nachbar John, mit dem sie seit frühester Jugend eine besondere Beziehung verband, ehelicht ihre hübsche Schwester Victoria. Doch es ist nicht die Treulosigkeit Johns oder Victorias, die zu dieser Verbindung führt – Frances muss es ihrem eigenem Zögern und ihrer Unentschlossenheit zuschreiben, dass der einzige Mann, den sie je geliebt hat, ausgerechnet ihre Schwester, zu der Frances seit jeher ein von Eifersucht und Missverständnissen geprägtes Verhältnis hat, heiratet.

Barbara beginnt in Frances Autobiografie zu lesen und kann sich nicht mehr davon losreißen, auch weil sie glaubt, viele Gemeinsamkeiten zwischen sich und der längst verblichenen Autorin zu entdecken.

Als Barbara schließlich herausfindet, dass die Geschichte noch immer nicht zu Ende ist, als sie erkennt, welche Rolle Fernand, der reichste Mann des Ortes und Laura, die alte Dame, die ihnen das Haus vermietet hat, spielen, kommt es, kurz bevor endlich die Räumfahrzeuge eintreffen, und den Anschluss von Westhill an die Welt wieder herstellen, zum Eklat …

Charlotte Link erzählt die Lebensgeschichte von zwei Frauen und entwirft auf diese Weise ein Panorama unseres Jahrhunderts. Sie erzählt dabei so plastisch, dass wir eintauchen in die englische, ländliche Idylle des Sommers 1907 und in die Londoner Gesellschaft des Jahres 1910. Wir nehmen teil an den Empfindungen einer jungen Frau, die sich den Gräueln des Krieges gegenübersieht und spüren ihre persönliche Verletzung und Demütigung, die sie empfinden muss, als sie sich plötzlich und unerwartet auf der Hochzeit ihrer Schwester und ihres Freundes John wiederfindet. Die Personen des Romans sind klar gezeichnet und die unterschiedlichen Charaktere sind glaubwürdig. Was mich allerdings stört, ist die große Zahl von Depressiven, die das Buch bevölkern. Fast jede Romanfigur schleppt eine nicht heilen wollende Seelenwunde mit sich herum.

Sicher ist es weder wünschenswert noch sinnvoll, ein Buch ausschließlich mit Clowns, Spaßvögeln, frohgemuten Sonnenkindern und anderen fröhlichen Gemütern auszustatten, doch eine winzige Prise Heiterkeit, ein kleiner Hauch Humor hätte Charlotte Links Roman gewiss sehr gut getan.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Das Haus der Schwestern
Autor: Charlotte Link
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 599
ISBN: 3442448360

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