Die Seele meines Vaters

Erstellt am: September 20th, 2007

Wie nehmen wir fremde Kulturen und Traditionen wahr? Diese Frage wird bei uns häufig diskutiert. Auch wenn die Wahrnehmung anderer Kulturen noch manches zu wünschen übrig lässt, so sind wir doch im allgemeinen gegenüber fremden Menschen und Kulturen etwas sensibler geworden durch schlimme Ereignisse und Vorfälle, die mit Kolumbus ihren Anfang nahmen. Der unfreiwillige Entdecker Amerikas kam mit Indianern nach Europa zurück. Auch andere Entdeckungsreisende verschleppten in den folgenden Jahrhunderten häufig Bewohner neu entdeckter Gebiete nach Europa, entweder als „Souvenirs“, zu Studienzwecken oder als Beweis dafür, dass sie tatsächlich in unbekannte Breiten vorgestoßen waren. Nicht selten verstarben die „lebenden Mitbringsel“ bald nach ihrer Ankunft. Depressivität, Heimweh, das ungewohnte Klima oder auch schlechte Behandlung setzten ihrem Leben ein allzu rasches Ende.

Von solch einer traurigen Geschichte handelt das Buch „Die Seele meines Vaters“ von Kenn Harper. Im Jahr 1897 brachte der Polarforscher Robert Edwin Peary (1856-1920) aus dem Polarkreis Eskimos nach New York City für die anthropologische Abteilung des American Museum of Natural History. Zu dieser Gruppe gehörte auch der Knabe Minik mit seiner Vater. Bis auf den Jungen starben bald danach alle Eskimos. Minik wurde daraufhin von William Wallace und seiner Familie liebevoll aufgenommen. Aber finanzielle Probleme und private Schicksalsschläge in der Familie Wallace bereiteten dem Idyll bald ein Ende. Mittlerweile hatte Minik seine Muttersprache verlernt und war ein halber Amerikaner geworden. Doch dann machte er eine traurige Entdeckung. Seinen Vater hatten sie Museumsleute nicht, wie versprochen, auf einem Friedhof beerdigt, sondern als Skelett im Museum ausgestellt. Nun hielt Minik nichts mehr in Amerika, und er kehrte, zwölf Jahre nach seiner Ankunft, nach Grönland zurück. In seiner alten Heimat konnte er allerdings nicht mehr heimisch werden und verließ sie bald wieder in Richtung Amerika. Nach vielen Irrfahrten und Umwegen fand Minik schließlich Unterkunft und freundliche Aufnahme bei einem Holzfäller im Norden von New Hampshire. Hier starb er nach kurzer Krankheit am 29.Oktober 1918.

Kenn Harper, der selbst lange Zeit unter den Eskimos gelebt und ihre Geschichte und Kultur genau erforscht hat, hat Miniks Geschichte und alle ihre Begleitumstände gründlich recherchiert und detailliert aufgezeichnet. Dabei erhält der Leser zugleich einen anschaulichen Einblick in die Geschichte der Polarexpeditionen, in die Erforschung Grönlands sowie in die Sitten und Gebräuche der Eskimos. Der Autor beleuchtet die Hintergründe des Geschehens und des Vorgehens von Peary und anderer Personen und fügt Zeitungsberichte über diese Vorgänge mit ein. Besonders packend und spannend liest sich die Geschichte immer dann, wenn Kenn Harper Minik selbst zu Worte kommen lässt. (Ursula Homann)

Titel: Die Seele meines Vaters
Autor: Kenn Harper
Verlag: Diana Verlag / Heyne
Seiten: 415
ISBN: 3453191439

Die Seele meines Vaters

Erstellt am: September 20th, 2007

Sie war stets die Frau, die auf eigenen Füßen stand und der die Arbeit wichtiger war als das Private. Sie ist „ein absoluter Profi“, bemerkte einmal einer ihrer Freunde, „eine verlässliche Person“, die, wie sie selbst einmal gesagt hat, immer „ihren Kram“ gemacht habe. Die Rede ist von Marianne Hoppe, der großen Schauspielerin.

Die Theaterwissenschaftlerin und Kulturredakteurin Petra Kohse hat die Stationen ihres Lebens und ihrer künstlerischen Entwicklung gründlich und detailreich beschrieben. Geboren wurde Marianne Hoppe 1909 in Rostock. Als Gutsbesitzertochter wuchs sie hinein in eine wohlhabende Welt mit Stubenmädchen, Kutscher und Kinderfrau. Schon früh zog es sie zur Bühne und zum Film. Sie war eine emanzipierte Blonde in einigen Filmen der dreißiger und vierziger Jahre. Ihren größten Erfolg hatte sie 1932 in „Mädchen in Uniform“. Doch die eigentliche Karriere der Hoppe begann unter den Nazis. Als Filmstar und Staatsschauspielerin stützte sie das Nazisystem und genoss dessen Privilegien, ohne der Ideologie zu verfallen. In diesen Jahren spielte sie unter anderem die junge Sekretärin Inken Peters in Veit Harlans „Der Herrscher“ (1937), die Effie Briest in „Der Schritt vom Wege“ (1939) und eine junge moderne Frau in Helmut Käutners „Romanze in Moll“ (1942). „Der einzige Film von Rang“, befand Jahrzehnte später der Kritiker Georges Sadoul, „der in Deutschland während des Krieges gedreht wurde.“

Als Frau mit Haltung war Marianne Hoppe im Theater der Nachkriegszeit zu sehen. Heute wirkt sie mitunter als charaktervolle Alte im Fernsehen mit oder tritt als vollendete Sprecherin bei Lesungen auf.

Marianne Hoppe war zehn Jahre lang mit Gustaf Gründgens verheiratet und eng befreundet mit Künstlern wie Ödön von Horváth, Carl Dreyfuss oder Thomas Bernhard, den die Schauspielerin für den größten Dichter hält.

Noch immer ist Marianne Hoppe, die 1976 das Bundesverdienstkreuz erhielt, in der Arbeit das Neue lieber als das Alte. Davon zeugen auch ihre kleinen Rollen, die sie noch mit fünfundachtzig Jahren bei Frank Castorf und Werner Schroeter spielte. Vor einigen Jahren verkörperte sie in einem Frankfurter Theater sogar den König Lear. Abgesehen von einigen sprachlichen Schnitzern und wenig eleganten Formulierungen ist Petra Kohse eine fesselnde Darstellung gelungen. Zudem ist der Band, nicht zuletzt wegen seines ausführlichen Anhangs und der vielen Fotografien, die Marianne Hoppe privat und im Theater oder im Film zeigen, sowie der eingefügten Originalbeiträge ihres Sohnes Benedikt Hoppe und ihrer Freunde und Kollegen, eine wahre Fundgrube für alle Theater- und Filmfreunde. (Ursula Homann)

Titel: Marianne Hoppe
Autor: Petra Kohse
Verlag: Ullstein Verlag
Seiten: 432
ISBN: 3898340287

Tour des Lebens

Erstellt am: September 20th, 2007

Spätestens jetzt, nach dem dritten Sieg der „Tour de France“ in Folge, sollte jeder von dem Mann aus Texas gehört haben, der eine so unglaubliche Lebensgeschichte zu erzählen hat.

Erst einmal handelt es sich bei Lance Armstrong um einen „normalen“ Rennsportprofi, der seinen Weg im Sport gegangen ist und auf seinem Höhepunkt dreimal das Radsporthighlight der Saison gewonnen hat.

Doch dann gibt es da noch etwas sehr wichtiges aus seinem Leben zu erwähnen: Er hatte Krebs! Und er hat ihn besiegt! 1996 ist Lance an Hodenkrebs erkrankt, mit 2 Tumoren im Hirn und Metastasen in der Lunge. Die Überlebenschancen lagen bei ca. 2 Prozent. Doch mit guten Ärzten und einem eisernen Willen hat es der Texaner geschafft, sich wieder an die Weltspitze zu kämpfen. Das Buch gibt einen Überblick über sein Leben, seine Kindheit, vor dem Krebs, nach dem Krebs und wie er es schaffte, die „Tour de France“ zu gewinnen.

„Ich möchte sterben, 100 Jahre alt, mit der amerikanischen Flagge auf dem Rücken und dem Stern von Texas auf dem Sturzhelm, wenn ich gerade auf dem Rennrad mit 100 Sachen einen Alpenpass hinuntergerauscht bin.“

So beginnt Lance Armstrong sein Buch, was mich wirklich tief berührt hat. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich lange Zeit nicht wirklich für den Radsport interessiert habe. Doch erst kam der Wunderknabe Jan Ullrich daher und dann gewann ein gewisser Lance Armstrong dreimal hintereinander die „Tour de France“. Irgendwie hat es mich dann irgendwann gepackt und ich habe das Buch gelesen.

Es ist sehr einfach geschrieben und es liest sich sehr schnell weg, doch die Worte sind sehr intensiv. Ich musste das Buch oft weglegen und das Gelesene verarbeiten, weil es sehr emotional ist.

Ein Mensch mit Hodenkrebs, 2 Tumoren im Hirn und Metastasen in der Lunge, so dass das gesamte Röntgenbild weiß erscheint, überlebt, und gewinnt eines der härtesten Events im Sport.

Ist das eigentlich normal oder einfach nur unglaubliches Glück? Vielleicht hat auch der unglaubliche Wille und verdammt gute Ärzte dazu beigetragen, dass der Mensch noch lebt. Niemand wird es je erfahren, doch so ehrlich, wie Armstrong über seine Gefühle, seine Krankheit und seine Geschichte erzählt, so nebensächlich erscheinen doch so einige alltäglichen Dinge im Leben.

Es muss unglaublich schwer sein, so offen über Dinge wie Impotenz zu reden, doch Lance schafft es; er hat seine Geschichte verarbeitet. Das Buch war wahrscheinlich eine große Hilfe dafür. So kommt es mir jedenfalls vor, wenn ich diese unglaublich bewegende Geschichte lese. Es zeigt mir so deutlich, wie sehr man jeden Tag im Leben genießen muss. (Christian Schmidtchen)

Titel: Tour des Lebens
Autor: Lance Armstrong
Verlag: Bastei Lübbe
Seiten: 333
ISBN: 3404614704

Glenn Gould oder Die Kunst der Interpretation

Erstellt am: September 20th, 2007

„Neben der Frage, ob dem Interpreten eine schöpferische Rolle zukommt, interessiert im Zusammenhang mit Glenn Gould auch, warum das so sein könnte. Zu welchem Ende drängt der schöpferische Interpret dem Werk seine Persönlichkeit auf oder, vielleicht genauer, bringt sie ins Werk hinein? Fordert er seinen Anteil an der kreativen Autorität des Komponisten nur aus willkürlicher Spielerei?“

Mit diesem kurzen Ausschnitt aus Kevin Bazzanas Buch „Glenn Gould oder Die Kunst der Interpretation“ ist bereits eine der grundlegenden Fragestellungen genannt worden, die auf 329 Seiten auf einem bisher nicht gesehenen Niveau beantwortet wird. Kein anderes Buch über Glenn Gould nähert sich auch nur ansatzweise auf diese kompetente Art und Weise einem der musikalischen Genies der heutigen Zeit, der sich selber als „Komponisten, der Klavier spielt“ bezeichnet.

Glenn Gould polarisiert seit jeher sein Publikum und spaltet es in zwei unvereinbare Fraktionen. Für die einen ist er eine Kultfigur, ein Jahrhundertgenie und eine Pop-Ikone, während er für andere ein Narr, Provokateur und Besessener ist.

Egal, auf welcher Seite man steht, man muss eingestehen, dass Bazzana in seinem Werk den Stil von Gould seziert und eine Anatomie vornimmt, die an Detailverliebtheit alles in den Schatten stellt. Deshalb wurde das Werk auch von der internationalen Kritik als epochales Werk bezeichnet, weil es erstmals das Spielen und vor allen Dingen das Denken eines eigenwilligen Künstlers darstellt, der sich als Mitschöpfer des Werks versteht. Dabei ist Bazzanas Auseinandersetzung mit Glenn Gould zwar schwierig zu lesen und setzt viele Grundkenntnisse voraus, doch gemessen an den vermittelten Einsichten ist es sehr einfach zu lesen. Vielfältige Einblicke in ästhetische und moralische Ansichten und Haltungen erwarten den Leser und machen so den Sinn seiner interpretatorischen Entscheidungen und seinen Stil verständlich und für Interessierte nachvollziehbar. Der hohe theoretische Anteil erfordert allerdings eine hohe Dosis an Geduld und Konzentration, die sich aber definitiv auszahlt.

Fazit: „Glenn Gould oder Die Kunst der Interpretation“ setzt neue Maßstäbe im Bereich der Sekundärliteratur über Glenn Gould und liefert anatomisch genaue Informationen und Einblicke in das Werk eines der eigenwilligsten Virtuosen der heutigen Zeit. (Tino Hahn)

Glenn Gould auf DVD

Titel: Glenn Gould oder Die Kunst der Interpretation
Autor: Kevin Bazzana
Verlag: Bärenreiter & Metzler
Seiten: 329
ISBN: 3761814925

Hoch hinaus

Erstellt am: September 20th, 2007

„Das helle Licht vor meinen Augen trübt sich, und eine Anzahl scharlachroter Drachenköpfe zoomt in mein Blickfeld und wieder hinaus. Ich habe das Ende meines Seiles und stürze, stürze, stürze in die Dunkelheit….. Es ist warm, und der Schmerz, genauso wie die Einsamkeit und die Furcht, ist verschwunden. Dies scheint der Ort zu sein, den ich gesucht habe. Ich bin so lange geklettert, obwohl es besser gewesen wäre, einfach zu stürzen, zu stürzen…. zu stürzen.“ Resignation und der unbedingte Wille, es dennoch zu schaffen, stehen im Mittelpunkt von Tom Whittakers Lebensgeschichte. Whittaker ist Bergsteiger aus Passion: keine Herausforderung ist zu gering, um nicht angenommen zu werden, kein Risiko zu groß, um ihn davon abzuhalten. Doch in der Nacht des 21.11.1979 trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag, als er auf verschneiter Strasse in einen Unfall verwickelt wird. Als Resultat muss ihm sein rechter Fuß amputiert werden, was für ihn einem Henkersspruch gleichkommt. Es scheint unmöglich zu sein, weiter seiner großen Leidenschaft nachzugehen und Tom Whittaker fällt in ein schwarzes Loch, in dem Depressionen und Selbstmordgedanken auf ihn lauern, um ihn aus den Schatten heraus zu attackieren. Doch irgendwann öffnet Whittaker seine Augen wieder und erkennt, dass er keine zwei gesunden Beine braucht, um den höchsten Gipfel der Welt zu erklimmen. Und sein Traum von der Besteigung des Mount Everests wird zu seinem Lebensinhalt, an dem er verbissen festhält und sich auch durch Rückschläge nicht abhalten lässt. Dabei ist sein Traum kein purer Egoismus, denn durch sein Vorbild hat er vielen Behinderten geholfen, neuen Lebensmut zu finden und die Ausgrenzung durch die Gesellschaft nicht mehr tatenlos hinzunehmen. Whittaker gründete als promovierter Sportlehrer Outdoor-Trainingscenter für Behinderte und arbeitete außerdem verbissen daran, die von ihm verwendeten Prothesen so zu optimieren, dass sie den extremen klimatischen Bedingungen standhalten können, denen sie beim Sturm auf den Gipfel ausgesetzt sind. Und nach vielen Abbrüchen aufgrund von unberechenbaren Wetterschwankungen und anderen Gründen gelingt ihm endlich die Erfüllung seines Lebenstraum, doch Whittaker hat noch lange nicht genug…

Seine spannende und bewegende Geschichte hat Tom Whittaker in Zusammenarbeit mit Johnny Dodd emotional und auf literarisch erfreulichem Niveau verfasst. Stellenweise lesen sich seine Ausführungen spannend wie ein Abenteuerroman, während seine Phasen der Depressionen anrührend und dennoch motivierend sind. Ihm gelingt es mit seinem Werk, große Reserven freizusetzen, die man schon lange vergessen geglaubt hatte und motiviert dazu, wieder mit allem Nachdruck und ohne Rücksicht auf Verluste an seine Träume zu glauben und alles zu tun, um sie zu verwirklichen.

Fazit: „Hoch hinaus“ ist die Lebensgeschichte des Bergsteigers Tom Whittaker, der nach einem Unfall ein Bein verliert und dennoch den höchsten Gipfel der Welt bezwang. Die Lektüre seiner Geschichte wirkt motivierend und liest sich spannend wie ein reinrassiger Roman. (Tino Hahn)

Titel: Hoch hinaus
Autor: Tom Whittaker, Johnny Dodd
Verlag: Lübbe Verlag
Seiten: 446
ISBN: 3785720742

Johann Sebastian Bach

Erstellt am: September 20th, 2007

Korff vermittelt einen einprägsamen Einblick in Bachs Lebenslauf und in seine facettenreiche faszinierende Persönlichkeit. Zugleich entwirft er ein anschauliches Bild von Bachs Umfeld und geschichtlicher Situation. Geboren wurde Bach am 21.März 1685 in Eisenach als Sohn des Stadtpfeifers Johann Ambrosius Bach. Fast alle seine väterlichen Vorfahren waren Musiker. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf.

Sein Alltag war geprägt vom christlichen Glauben und der Musik. Nach dem frühen Tod der Eltern kam Bach nach Ohrdruf zu seinem älteren Bruder Johann Christoph. Später wechselte er nach Lüneburg. Im Sommer 1703 wird er Organist in Arnstadt und heiratet bald darauf in Dornheim seine Cousine Maria Barbara Bach.

Korff schildert Bach als unnachgiebig und halsstarrig, sobald er das Recht auf seiner Seite weiß. Sieht er sich mit Dummheit oder Dreistigkeit konfrontiert, verliert er mitunter die Beherrschung. Bach unternimmt viele Reisen, zum Beispiel nach Lübeck, um sich bei Dietrich Buxtehude fortzubilden. Mühlhausen und Weimar sind seine weiteren beruflichen Stationen. In Weimar hat er das Gefühl, sich endlich unbehelligt und frei entfalten zu können und macht sich hier nicht nur als Virtuose, sondern auch als Orgelsachverständiger einen Namen. Nach Differenzen mit dem dortigen fürstlichen Hof wird er 1717 in Köthen Hofkapellmeister. Als im Sommer 1722 in Leipzig das Amt des Thomaskantors neu besetzt werden muss, bewirbt sich Bach und kehrt, nachdem er fünfzehn Jahre lang in Weimar und Köthen in höfischen Diensten gestanden hat, in den Bereich städtischer Musikpflege und Kirchenmusik zurück, „nun allerdings auf höchster Ebene“.

In Leipzig komponiert Bach einige seiner wichtigsten Werke.

Aber der Komponist hat in Leipzig auch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Bedingungen an der Thomasschule sind miserabel, und die zunehmenden Auseinandersetzungen mit dem Leipziger Rat – bei der Verteilung der Zusatzverdienste geht Bach einmal sogar leer aus – führen bei ihm schließlich zu Enttäuschung und Verbitterung. (UH)

Titel: Johann Sebastian Bach
Autor: Malte Korff
Verlag: Deutscher Taschenbuchverlag
Seiten: 160
ISBN: 3423310308

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Erstellt am: September 20th, 2007

Der niederländische Barockmaler Johannes Vermeer van Delft (1632-1675) ist einer der größten Maler des 17.Jahrhunderts. Seine Bilder beschreiben vor allem das tägliche Leben in einer Sphäre von Klarheit und Harmonie: eine Frau beim Spitzenklöppeln, eine andere beim Lesen eines Briefes und eine weitere beim Musizieren. Eines seiner berühmtesten Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ schuf er 1665. Auf diesem Bild (es hängt heute im Mauritshuis in Den Haag) wirft ein sehr junges Mädchen, fast noch ein Kind, aus großen dunklen Kugelaugen mit halb geöffnetem Mund, dem Betrachter einen halb ängstlichen, halb verführerisch sinnlichen Blick zu. Um dieses Porträt hat die amerikanische Autorin Tracy Chevalier kunstvoll eine spannende Geschichte gewoben. In dieser schildert sie, wie und unter welchen Begleiterscheinungen das Bild entstanden sein könnte. Dabei hat sie, da über das Leben des Malers wenig bekannt ist, ihrer Fantasie viel Raum gegeben.

Aus der Sicht der von Vermeer porträtierten Dienstmagd Griet erzählt Tracy Chevalier, wie diese als 16-jährige, aus ärmlichen Verhältnissen stammend – ihr Vater hatte Kacheln für die berühmte Delfter Fliesenproduktion bemalt und bei der Explosion eines Brennofens sein Augenlicht verloren – in das Haus des Malers kommt. Kleine Schikanen und Eifersüchteleien in der immer größer werdenden Familie machen dem Mädchen oft das Leben schwer. Doch sie findet Trost und Abwechslung in den Bildern des großen Malers, den sie still und scheu verehrt. Auch der Hausheer ist von der neuen Magd sehr angetan. Eines Tages lässt er sie für seine Bilder die Farben mischen. Rasch lernt sie, Farbnuancierungen zu unterscheiden, und verfolgt nebenbei das langsame Entstehen der Bilder. Der Maler und seine Gehilfin kommen sich näher. Schließlich malt er von ihr das bekannte Bild. Als er sie bittet, die Perlenohrringe seiner Frau anzulegen, beschwört er eine kleine Katastrophe herauf. Geschickt hat Tracy Chevalier daneben ein farbenprächtiges Sitten- und Zeitgemälde entworfen und das alte Delft um 1664 bis 1676 mit seinen schmalen Backsteinhäusern und steilen roten Dächern, mit seinen grünen Grachten und mächtigen Stadttoren wieder lebendig werden lassen, so wie wir das alte Holland von den Bildern niederländischer Maler her kennen. Auch das gesellschaftliche Klima mit all seinen Vorurteilen und Klassenschranken sowie die häusliche Atmosphäre im Haus des Malers hat sie vortrefflich eingefangen. Kurzum, ein gelungener detailreicher und fesselnd zu lesender Roman, der nicht zuletzt durch leise Töne besticht. (UH)

Das Mädchen mit dem Perlenohrring – DVD

Titel: Das Mädchen mit dem Perlenohrring
Autor: Tracy Chevalier
Verlag: List Verlag
Seiten: 279
ISBN: 3471772502

Franz Kafka

Erstellt am: September 20th, 2007

Das Ganze beginnt mit leiser stimmungsvoller Musik von Leos Janacek (im Nebel, zweiter Satz). Auf dem Titelbild erscheint im Hintergrund im gedämpften Licht die dunkle Silhouette von Prag. Bald darauf schaut uns Kafka mit ernsten großen Augen an, und dann – hat man die Qual der Wahl: Stürzt man sich gleich in die Lektüre von „Amerika“, „Der Prozess“, „Das Schloß“ oder auf „Sämtliche Erzählungen“ wie „Das Urteil“, „Die Verwandlung“, „Ein Hungerkünstler“ und „In der Strafkolonie“, oder läßt man sich unter dem Stichwort „Bibliothek“ erst einmal von kompetenten Leuten in Kafkas Leben einführen, in seine Epoche und in sein Werk?

Man kann allerdings auch die „Galerie“ aufsuchen und sich von bekannten Persönlichkeiten sagen lassen, was sie von Kafka halten oder gehalten haben, zum Beispiel von Anna Achmatowa, Herbert Achternbusch, André Gide, Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Martin Walser und vielen anderen. Die Lesung der Erzählungen „Das Urteil“, „Der Landarzt“, „Schakale und Araber“, meisterhaft vorgetragen von Hubert Mulzer, macht die Beschäftigung mit Kafka dann vollends zum Genuss. So ermöglicht ein modernes, gut genutztes Medium dem einen die Bekanntschaft mit einem der bedeutendsten Dichter unseres Jahrhunderts. Andere dagegen werden vielleicht angeregt, sich wieder einmal mit dem Dichter auseinanderzusetzen, zumal Installation und Bedienung der CD-Rom denkbar einfach sind.

Wer über Windows 95 verfügt, braucht die CD-Rom nur einzulegen. Nach kurzer Zeit ist das Programm automatisch geladen und das Hör-, Seh- und Leseerlebnis kann beginnen. (Ursula Homann)

Titel: Franz Kafka
Autor: Axel Sanjosé (Hrsg.)
Verlag: Xlibris
Seiten: CD-ROM
ISBN: 3931450503

Es wird mir fehlen, das Leben

Erstellt am: September 20th, 2007

Eine junge Frau, erst zweiunddreißig Jahre alt, Journalistin von Beruf, erhält die Diagnose : Krebs! Sie hat Zwillinge, erst 1/2 Jahr alt.

Die junge Frau ist außergewöhnlich intelligent , agil, lebensfreudig. Sie ist voller Pläne und voller Erwartungen an das vor ihr liegende Leben gewesen.

Sie beschreibt in der Folge ihren gesundheitlichen Niedergang und Verfall in einer Sprache der Selbstironie und Wahrhaftigkeit, wie sie mir in dieser Form noch nicht vorgekommen sind.

Ruth Picardie versucht alles, um die Krankheit zu besiegen oder wenigstens aufzuhalten.So versucht sie, auch Behandlungen in Anspruch zu nehmen , die mehr mit “ Glauben“ als mit wirklichen Heilmethoden zu tun haben .Sie durchschaut jedoch jede Selbttäuschung bei sich selbst und stellt sich immer wieder der unerbittlichen Realität. Ihre Aufschreie der Empörung, der Auflehnung, der Verzweiflung, ja zuweilen auch Wut, gehen in Form von E- Mails an Freundinnen und Freunde in aller Welt,aber natürlich nur an diejenigen, die ihr nahe stehen.

Diese Form eines Bewältigungsversuches von Tod und Sterben ist neu : die Sprache der Jugend bietet eine Selbstwahrnehmung ohne Verleugnung, ohne Beschönigung, ohne Selbstmitleid,–oder doch nur in der Form ,dass auch dieses Selbstmitleid als solches glasklar erkannt und ausgesprochen wird.

Mit äußerst klarer Präzision beschreibt sie ihren todgeweihten Lebensweg. Sie sieht , wie die Kinder, der eigene Mann ihr entgleiten, wie sie immer ferner rückt von allem.

Ihr Mann kann ihr am wenigstens helfen.

Die Freunde hören und lesen von ihren Gedanken, ihren Gefühle ,ihren schwindenden Hoffnungen .

Am Ende steht das kreatürliche Vergehen. Ihre Mutter ist diejenige, die ihren letzten Weg mit ihr geht.
Sie stirbt mit 32 Jahren.

Es ist eine wahre , tragische, schreckliche Lebensgeschichte, anrührend gerade auch in der nüchternen und ohne Pathos angegangenen Beschreibung eines abgebrochenen und unvollendet gebliebenen Lebensweges. (Claudine Borries)

Titel: Es wird mir fehlen, das Leben
Autor: Ruth Picardie
Verlag: Rowohlt
Seiten: 175
ISBN: 3805206615

Heimatkunde

Erstellt am: September 20th, 2007

Der Autor erzählt in diesem kleinen Band Episoden aus seinem Leben. Er berichtet von seinen frühesten Kindheitserlebnissen, von seinen Eltern, die einen Tabakladen unterhielten und von ihren treuesten Kunden, die fast ausnahmslos an Lungenkrebs oder Gefäßleiden verstarben.

In einer ostwestfälischen Kleinstadt geht Treichel zur Schule. Er erzählt von dem Heimatkundeunterricht, der ihm dort erteilt wurde und von Klassenausflügen zu den Externsteinen, dem Hermannsdenkmal und zur Adlerwarte Berlebeck.

Später zieht der Autor nach Berlin um dort zu studieren. Nun informiert er die Leser über seine Erfahrungen in Theaterseminaren, führt uns die Macken von Professoren und Mitstudenten vor. Auch die unerfreulichen Seiten studentischer Jobs und Kurzarbeitsverhältnisse bleiben Treichel nicht erspart, hier darf er reichlich Erfahrungen sammeln.

Später, als anerkannter Wissenschaftler und Schriftsteller besucht er mit einem französischen Kollegen die Wannseevilla, wo die „Endlösung“ beschlossen wurde. Der bedauernswerte Franzose. der durch die Nazis mehrere Angehörige verloren hat, muss zu seinem Leidwesen mit ansehen, wie eine Schulklasse dort zum vergnüglichen Ausflug einkehrt.

Zum Schluss erzählt uns der Autor noch etwas über einige Reisen, die er gemacht hat – nach Amrum, nach Portugal oder Venedig. Doch auch seine Reiseerfahrungen sind nicht unbedingt nur angenehmer Natur.

Wie auch in dem Band „Der Verlorene“ besticht Treichel auch in diesem Buch mit äußerst knappen, stimmigen und unerhört präzisen Milieu- und Situationsschilderungen.

„Woher kennt der Kerl eigentlich meinen früheren Heimatkundelehrer“, fragte ich mich bei der Lektüre des entsprechenden Kapitels.

Die Beschreibung, der nahezu erdrückenden räumlichen und geistigen Enge während der fünfziger Jahre ist so treffend, dass ich einige Bilder fast plastisch vor mir sehe.

Auch die Stimmung, die in West-Berlin während der siebziger und achtziger Jahre – vor der Wende im Osten- herrschte ist sehr genau eingefangen. Alles stimmt hundertprozentig, kein falscher Ton, keine missratene Metapher.

Die letzten Kapitel des Buches lassen dann allerdings doch etwas zu wünschen übrig. Treichels Erlebnisse mit portugiesischen Dichtern oder seine Enttäuschung über Venedig, interessieren mich weniger und sind – zumindest für mich – auch ohne besondere Bedeutung.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Heimatkunde
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 130
ISBN: 3518396110

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