Ein rundherum tolles Land

Erstellt am: September 20th, 2007

Da der erste Teil der Lebenserinnerungen von Frank Mc Court „Die Asche meiner Mutter“ zu den meiner Meinung nach erfreulichsten Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt der letzten Jahre gehört, war es für mich nur naheliegend schon kurz nach der ersten Veröffentlichung auch die Fortsetzung dieses Romans zu lesen.

Nach seiner schwierigen Kindheit in Irland macht sich der Autor mit neunzehn Jahren auf den Weg in die USA. Da er dort, als Sohn irischer Eltern, geboren wurde, besitzt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und kann sich dort ohne weitere Formalitäten niederlassen, doch trotz dieses Vorteils sind die ersten Monate, die der junge Mann in den USA verbringt alles andere als leicht. Er wohnt bei einer geizigen, engherzigen Dame zur Untermiete, muss schwere und niedrige Arbeiten verrichten und erhält nur kärglichen Lohn, von dem er einen Großteil seinen notleidenden Angehörigen in Irland schicken muss; zu allem Übel bricht auch noch sein altes Augenleiden, ein Überbleibsel aus der elenden Zeit in Irland, wieder auf. Die Einberufung zur Army erscheint ihm daher wie ein Geschenk des Himmels. Zu seinem Glück muss der Autor nicht nach Korea, wo gerade Krieg herrscht, sondern er kann seine Dienstzeit in Bayern verbringen, zunächst als Hundeführer und später als Schreiber.

Nachdem er in die USA zurückgekehrt ist, absolviert der Autor ein Lehrerstudium. Doch auch nach Beendigung desselben geht es mit dem sozialen Aufstieg des jungen Mannes nur langsam voran. Er muss sich in einer Berufsschule mit mehr oder eher weniger lernbegeisterten Schülern herum ärgern, verdient immer noch erbärmlich wenig Geld und hat obendrein mit einem gewissen Hang zu Kneipenbesuchen Besäufnissen, der ihn ebenso wie viele seiner irischen Landsleute plagt, zu kämpfen. So ist das Scheitern seiner ersten Ehe vorprogrammiert. Nach und nach finden auch die drei Brüder Mc Courts und am Ende sogar seine Mutter Angela den Weg in die USA, so dass die Familie, mit Ausnahme des nichtsnutzigen Vaters wieder vereint ist. Doch die Eintracht, die Mutter und Söhne trotz der bitteren Armut in Irland verband, lässt sich in Amerika nicht so leicht wieder herstellen. Zu sehr hat sich die Lebenseinstellung der jungen Leute von der irisch katholischen Haltung ihrer Mutter fort entwickelt.

Mit der gleichen direkten, klaren und schnörkellosen Sprache, die mich schon bei „Die Asche meiner Mutter“ so sehr begeisterte, erzählt Mr. Mc Court auch diesen Teil seiner Autobiographie, insgesamt reicht der Roman jedoch nicht an die Klasse des Erstlingswerkes heran. Er ist ohne Frage spannend, lesbar und humorvoll geschrieben, doch fehlt im die große Eindringlichkeit des Vorgängerbuches. Einen Roman wie „Die Asche meiner Mutter“ bringt man halt nicht alle Tage zu Papier. Dieses Buch hat Mc Court mit Herzblut geschrieben, das merkt man Satz für Satz, bei dem nun vorliegenden zweiten Band seiner Erinnerungen hingegen hat er ganz einfach Tinte oder Schreibmaschine benutzt. Ein gutes Buch ist „ein rundherum tolles Land“ trotzdem. Mc Court bringt, ohne unangenehm belehrend zu wirken, viele kluge Gedanken zu Papier, er entwirft ein glaubwürdiges Bild der amerikanischen Gesellschaft während der fünfziger und sechziger Jahre, lässt seine Leser teilhaben am Leben der ärmeren Amerikaner, der Hotelgehilfen und Hafenarbeiter, erzählt von den Sorgen und Nöten eines jungen Lehrers, zeigt uns die tiefe Kluft, die sich zwischen den etablierten alteingesessenen protestantischen Upperclass- Amerikanern und den katholischen Zuwanderern aus Irland und Italien auftut. Mc Court demonstriert immer wieder seine große Sympathie für die kleinen Leute, die fröhlichen trinkfesten Iren, und vor allen Dingen die bildungshungrigen jungen Schwarzen und er macht seinen Lesern Mut, trotz schwieriger äußerer Bedingungen, Wagnisse einzugehen, und sich von dem Weg, den man einmal als richtig erkannt hat, nicht abbringen zu lassen.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Ein rundherum tolles Land
Autor: Frank McCourt
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seiten: 487
ISBN: 3630870341

Die Mütze oder Der Preis des Lebens

Erstellt am: September 20th, 2007

Roman Frister, der mit diesem Roman seine Autobiographie veröffentlicht, wurde 1928 in Polen als Sohn gutbürgerlicher jüdischer Eltern geboren. Von den Nazis wird die Familie aus ihrer Heimat vertrieben und ins KZ verschleppt, wo der Junge die Ermordung seiner Mutter durch den SS-Schergen Kunde und den Hungertod seines Vaters miterleben muss.

Im Vernichtungslager ganz auf sich allein gestellt, muss Frister Tag für Tag aufs Neue um sein Überleben kämpfen. Es gilt der Selektion zu entkommen, Hunger und Krankheiten zu überleben, er muss Quälereien durch die KZ-Aufseher und sadistische Mitgefangene erdulden und jederzeit darauf gefasst sein, durch irgendeinen dummen Zufall sein Leben zu verlieren. Er wagt einen Fluchtversuch, entgeht dabei nur knapp dem Tode und weiß am Ende keinen anderen Ausweg, als ins Lager zurückzukehren.

Als die Nazis 1945 die besetzten Gebiete in Polen räumen müssen, wird Frister, gemeinsam mit anderen Insassen eines Außenlagers von Auschwitz, nach Mauthausen transportiert. Dieses Lager ist die absolute Hölle!

„Ich ahnte nicht einen Moment, daß ich an der Schwelle zu einem Ort stand, der mich dazu bringen würde, Auschwitz zu vermissen.“ schreibt Frister.

Unbeschreibliche Qualen müssen die Insassen erdulden, bevor man sie im Frühjahr, auf den Marsch in Richtung Wien schickt. Die ausgemergelten Gefangenen haben auf ihrem fünftägigen Marsch kaum etwas zu essen und viele überleben die Strapaze nicht. Doch im Chaos der letzten Kriegstage werden die Elendsgestalten noch einmal zurückgeschickt. Als endlich die Befreier kommen, ist der Autor mehr tot als lebendig.

Nur langsam erholt er sich, er hat Tbc, Darminfektionen und Hungerödeme.

Doch nach seiner Genesung taucht er in Polen ein ins volle Leben. Er wird ein erfolgreicher Journalist, vielfacher Herzensbrecher, heimlicher Schmuggler und ist immer obenauf. Doch dann fällt er bei den Kommunisten in Ungnade und wird vorübergehend inhaftiert. 1957 entschließt er sich zur Emigration nach Israel.

Die gesamte Geschichte ist nicht streng chronologisch erzählt, sondern der Roman besetzt immer wieder mehrere Zeitebenen. Frister berichtet über seine Kindheit und Jugend, dann wendet er sich ab und erzählt von den Nachkriegsjahren in Polen, von seiner Zeit im Vernichtungslager, und gelegentlich auch von seinem Leben in Israel.

Das Hauptthema des Romans ist aber das Leben unter den grausamen Bedingungen im KZ. Hier erzählt Frister mit einer schonungslosen Eindringlichkeit, die wirklich unter die Haut geht. Er beschönigt nichts, auch nicht sein eigenes Verhalten.

In der Schlüsselszene, die den Namen für das Buch liefert, erzählt Frister, wie ihm von seinem Feind, einem sadistischen Funktionshäftling, die Gefangenenmütze gestohlen wird, ohne die ein Häftling den morgendlichen Appell nicht überlebt. Frister weiß nur einen Ausweg: Er selber muß sich bei einem Mitgefangenen schadlos halten. Heimlich entwendet der junge Mann einem schlafenden Unbekannten die Kopfbedeckung, was dessen Ende besiegelt.

Die Schilderungen des Autors über sein späteres Leben, sind jedoch meist weniger bedeutend. Sein zahllosen Frauengeschichten und die Händel mit polnischen Behörden, israelischen Zeitungen und weltweit bekannten Pressetycoonen sind für mich ohne großes Interesse.

Trotzdem ist das Buch insgesamt ein wichtiges Stück Literatur, das ich gerne weiterempfehlen möchte.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Die Mütze oder Der Preis des Lebens
Autor: Roman Frister
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 3442755360

Elegie für Iris

Erstellt am: September 19th, 2007

In einem anrührenden Rückblick über ihr gemeinsames Leben beschreibt der Literaturwissenschaftler und Romanschriftsteller John Baley die Geschichte seines Lebens und seiner Ehe mit der in England zu ihrer Zeit sehr bekannten und angesehenen Philosophiedozentin und Romanschriftstellerin Iris Murdock.

Als sich die beiden kennen lernten , ist er erst 28 , sie dagegen schon 34 Jahre alt. Sie scheint lebenserfahren und reif , mit einiger Menschenkenntnis ausgestattet und nicht ohne die Erfahrungen diverser Liebesbeziehungen.

Er hingegen bezeichnet sich zu jener Zeit als jung und naiv.

Diese gewisse Jugendlichkeit ihr gegenüber und auch, in meinen Augen, naive Bewunderung für sie durchzieht das ganze Buch.

Bemerkenswert ist die innige Lebensgemeinschaft, in die diese beiden Menschen hineinfinden bei offensichtlich gleichzeitig bewahrter Autonomie.

Iris Murdock erkrankt etwa im Alter von 75 Jahren an der Alzheimerschen Krankheit. In einer bewegenden Ehrung für seine Frau berichtet John Balay in diesem Buch über sein Zusammenleben mit ihr, den langsamen Verlust ihres Gedächtnisses, ihrer Handlungsfähigkeit und dem Versinken in das Dunkel der Krankheit.

Sie sind ein humorvolles und liebevolles Paar miteinander, voll spielerischer Vergnügungen, ernsthaft in ihrem Austausch über ihre Arbeit , gesellig, gleichzeitig die Eigenständigkeit des anderen achtend.

Auf der Ebene des Humors, gleicher Lebensgewohnheiten und gewisser häuslicher und intimer Rituale gelingt es John Baley, sich die liebevolle Zuneigung zu seiner Frau trotz ihrer lebenseinschränkenden Erkrankung zu bewahren. Sie bleibt eine fröhliche Frau , auf deren Temperament er sich einlässt, so dass sie weiterhin in einer zärtlichen und bis zu ihrem Tode liebevollen Beziehung zueinander zu verbleiben vermögen.

Zuweilen ist seine fast durchgängige Bewunderung, liebevolle Fürsorge und Rücksichtnahme für sie fast unglaublich. Aber sicher legt das Buch Zeugnis ab von einer ungewöhnlichen Liebe und hingebungsvollen Beziehung zwischen zwei Menschen, wie sie selten zu finden sein wird. John Baley schreibt in einen schönen Stil, lebendig und fesselnd .

Es ist keine Trauerbuch, kein Sterbensbuch, sondern schlicht und einfach eine Liebesgeschichte von ungewöhnlichem Format. (Claudine Borries)

Titel: Elegie für Iris
Autor: John Baley
Verlag: C.H. Beck
Seiten: 260
ISBN: 340646064X

Zeitensprünge

Erstellt am: September 19th, 2007

Die Lebenserinnerungen des österreichischen Autors und Musikers Hugo Wiener bieten viel heiteres aber auch tragisches. Seine Karriere begann in den 20er-Jahren in Wien. Er schrieb Lieder- und Operettentexte, Sketches für Kabarett und Fernsehen und hauptsächlich spielt Klavier, später in erster Linie als Begleiter seiner Frau Cissy Kraner.

Als Jude floh er nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich nach Südamerika und schlug sich dort mehr schlecht als recht mit seiner Frau durchs Leben. Er verlor seine gesamte Familie und viele Freunde in den Konzentrationslagern der Nazis.

Bald nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück und feierte dort schnell wieder zahlreiche Erfolge. Er textete unter anderem mit an den berühmten Doppelconférencen von Farkas und Waldbrunn und begegnete während seines langen Lebens zahllosen Berühmtheiten aus der Unterhaltungsbranche. Über diese sind auch zahlreiche Anekdoten in dem Buch zu finden. Vor allem Liebhaber alter Filme, Fernsehstücke, Operetten und Kabaretts werden viele bekannte Namen wiederfinden.

Kritik wurde geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von www.buchkritik.at

Titel: Zeitensprünge
Autor: Hugo Wiener
Verlag: Ullstein
Seiten: 309
ISBN: 3548354416

Roman eines Schicksallosen

Erstellt am: September 19th, 2007

Imre Kertész war selber von 1944-1945 im Alter von fünfzehn Jahren in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Buchenwald. In seinem Roman eines Schicksalslosen beschreibt er aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Jungen seine eigene Geschichte. Mit tiefer Beklemmung geht man seinen Weg mit : naiv und unvoreingenommen beginnt er seine Reise ,ja, es fällt ins Auge , dass seine Berichte fast durchweg von den Attributen“ verständlicherweise“ und “natürlich“ komplettiert werden. Es scheint ihm in der Tat vieles logisch und schlüssig, so wie er seine Erfahrungen macht. Nach und nach sieht man sich den unmenschlichen Transporten in die Lager, dem Hunger, dem Durst, der Kargheit der Unterkünfte, schließlich Krankheit , Entmenschlichung und dem Tod gegenüber. Am Ende beschreibt er seine Erfahrungen als eine, in der die “ Zeit“ eine gewichtige Rolle spielt. Ohne die Zeit , die langsam vergeht, und die immer weiter geht, wie er selbst, die langsam zu den unmenschlichen Orten und Zuständen führt “könnte man das nicht ertragen haben “. Wie ein Somnambuler erscheint einem der Erzähler im Laufe des Berichtens. Dass das Erlebte eigentlich nicht beschreibbar ist,– so wird es dem Leser am Ende bedeutet. Nur im Miterleben durch die Augen des Jungen bekommt man eine Ahnung des Grauens. Und dass sogar an diesen Orten so etwas wie Glück möglich war , dass diese Erfahrung des Gefühls von Glück wichtig war, als Ausdruck dessen , was den Menschen ausmacht. Daß er sein nicht fortsetzbares Dasein fortsetzen werde,– weil das Leben zu leben am Ende alles andere übertönen wird. Wer eine Vorstellung vom Grauen in den Konzentrationslagern erlangen will, der sollte das Buch unbedingt lesen. Es ist sensibel und still geschrieben und berührt den Leser sehr. (Claudine Borries)

Titel: Roman eines Schicksallosen
Autor: Imre Kertész
Verlag: Büchergilde Gutenberg ,Rowohlt Verlag
Seiten: 487
ISBN: 3763246770

Ron Chernow ist einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren. Sein Buch „John D. Rockefeller – Die Karriere der Wirtschafts-Titanen“ beschreibt die Lebensgeschichte des John D. Rockefeller.

Die Biographie des Moguls Rockefeller ist mit ungewöhnlicher Objektivität geschrieben. Chernow gibt ein aufschlussreiches Bild über Rockefeller, einst der reichste Mann der Welt. Rockefeller baute mit Standard Oil das mächtigste Imperium Amerikas auf.

Chernow schreibt in dem Buch die eindrucksvolle Geschichte des Rockefeller. Geboren als Sohn eines Verkäufers von Wunderheilmitteln wurde er zum reichsten Mann der Welt.

Chernow gibt einen Überblick über den Milliardär und seine Familie. Ein Stammbaum gibt Aufschluss über die Familienverhältnisse, bevor sich der Autor tiefergehend mit Rockefeller beschäftigt.

Chernow beschreibt das junge Leben des Rockefellers, beginnend mit der Schule, der Jugend und der Kirche. Dann wird Rockefeller auf dem Weg zum Reichtum von Chernow begleitet. Ein Großteil des Buches behandelt Rockefeller in seiner Zeit als Unternehmer, als Öl-Milliardär.

Ron Chernow legt ein beeindruckendes Portrait von John Rockefeller vor. Er liefert damit ein detailliertes Bild und Klarheit über den Tycoon. (PF)

Titel: John D. Rockefeller – Die Karriere des Wirtschafts-Titanen
Autor: Ron Chernow
Verlag: Börsenverlag
Seiten: 300
ISBN: 3930851393

Die endlose Reise

Erstellt am: September 19th, 2007

In den Jahren 1993-1997 im European erschienene Kolumnen über die jeweiligen Reiseziele des umtriebigen Weltbürgers Ustinov.

Er beschreibt Land und Leute fast immer mit großer Zuneigung und selbst bei widrigen Erlebnissen nur mit relativ sanfter Ironie.

Nur der Politik widmet er ätzendere Kommentare. Und bei ihren mörderischen Vertretern fließt ihm oft angesichts des angerichteten Elends Wut und Ärger aus der Feder. Und auf Grund seiner Verpflichtungen für UNICEF und andere Hilfsorganisationen kommt es sehr oft in Länder mit Tragödien in ihrer jüngsten Vergangenheit.

Aber Humor und ein überzeugter Glaube an das Gute im Menschen haben bei den kurzen, launischen Berichten aus allen Winkeln der Welt immer die Überhand.

Ustinov schreibt wie man ihn als begnadeten Erzähler aus dem Fernsehen kennt, und das will etwas heißen. Fast sieht man ihn während des Lesens mit seinem verschmilzten Gesichtsausdruck mit dem Schalk eines Kindes nach einem gelungenen Streich in den Augen vor sich sitzen und mit diebischen Vergnügen erzählen. Immer etwas unbeholfen dasitzend, die teuren Markenkleider wie aus einer Kleidersammlung des Roten Kreuzes am Leib tragen.

Kritik wurde geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von www.buchkritik.at

Titel: Die endlose Reise
Autor: Peter Ustinov
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 192
ISBN: 3462027719

Johann Sebastian Bach

Erstellt am: September 16th, 2007

Am 12.September 1950 hielt der Komponist Paul Hindemith zum 200.Todestag von Johann Sebastian Bach unter dem Titel „Ein verpflichtendes Erbe“ in Hamburg eine Rede. Der Insel-Verlag war gut beraten, die Rede aus Anlass des diesjährigen Gedenktages neu herauszugeben. Hier wird Bach als Musiker beschrieben, der „in moderner Weise mit dem mittelalterlichen Künstlertyp brach“ und „in sich den streng durchgebildeten Wissenschaftler und den freischweifenden Phantasten zu vereinigen“ verstand. Doch zunächst beklagt Hindemith, dass Bach nach seinem Tod zum Denkmal geworden und uns der Blick für die wahre Gestalt des Menschen Bach und seines Werkes verstellt worden sei. Auch was die bisherigen Bach-Biographien zutage gefördert hätten, habe uns durchweg ein Standbild statt eines lebendigen Menschen gezeigt. Man habe Bach vielfach zum Märtyrer gestempelt, der sich für seine Kunst aufopferte, oder zu einem aufrechten Biedermann, der weder Falsch noch Furcht kannte, zu einem allumfassenden Weisen, der nicht nur täglich Wunder in seiner Kunst vollbrachte, sondern auch um die direktesten Zugänge zum Universum wusste und den Weltgeist sozusagen persönlich kannte. So sei er zu einer lebensfernen Gestalt im Schoßrock mit einer niemals abgelegten Perücke auf dem Kopf geworden. Mit all diesen Fabeln und Legenden räumt Hindemith auf. Er porträtiert den Komponisten als einen, trotz seiner Schwächen, liebenswerten Menschen aus Fleisch und Blut und streift auch kurz seine nicht immer ganz einfachen Familienverhältnisse, seine häuslichen Schwierigkeiten und Schicksalsschläge, die er im Laufe seines Lebens erdulden musste.

Der Autor geht ferner auf Bachs Tätigkeit als Erzieher und auf seine indifferente Haltung zu den theoretischen Hintergründen seiner Kunst ein. Bachs Musik habe sich in unser Gemüt eingenistet wie kaum ein anderes musikalisches Werk.

Doch in seinen letzten zehn Lebensjahren ist er erlahmt, als sei der Schatten der Melancholie über sein Schaffen gefallen. Wahrscheinlich musste er, vermutet Hindemith, nachdem er alles erreicht hatte, was er erreichen konnte, den Preis der Trauer dafür zahlen, alle früheren Unvollkommenheiten verloren zu haben und mit ihnen die Möglichkeiten weiteren Voranschreitens. Wir aber hätten mit Bachs Musik das Wertvollste geerbt, die Schau einer dem Menschen möglichen Vollkommenheit. „Ist es einer Musik gelungen, uns in unserem ganzen Wesen nach dem Edlen auszurichten, so hat sie das Beste getan. Hat ein Komponist seine Musik so weit bezwungen, dass sie dieses Beste tun konnte, so hat er das Höchste erreicht“, meint Hindemith und fügt hinzu: „Bach hat dieses Höchste erreicht.“ (UH)

Titel: Johann Sebastian Bach
Autor: Paul Hindemith
Verlag: Insel Verlag
Seiten: 45
ISBN: 3458085750

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