Adressat Unbekannt
Erstellt am: September 21st, 2007Ein kleines Büchlein nur, sehr knapp, sehr kurz, aber dem Inhalt nach ein dramatisches Geschehen.Schon 1938 in der New Yorker Zeitschrift” Story “erstmals erschienen, erregte dieser fiktive Briefwechsel zwischen einem Amerikaner und einem Deutschen großes Aufsehen und Interesse in Amerika. Deutete sich doch ” das zersetzende Gift des Nationalsozialismus” in diesem Briefwechsel an.
Zwei Freunde haben in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kalifornien eine Kunsthandlung aufgemacht und mit Erfolg betrieben. Beide stammen aus Deutschland. Der eine, Max, ist jüdischer Herkunft, der andere, Martin, ist Deutscher und kehrt just 1932 nach Deutschland zurück. Beide haben gutes Geld verdient, so dass Martin sich ein Schlösschen in München und eine Frau mit vielen Söhnen/ Kindern leisten kann.
Die Geschichte wird durch einen Briefwechsel zwischen den beiden erzählt. Max beneidet Martin, dass er nach Deutschland zurückkehren kann. Er hingegen wird für beide weiter die Geschäfte in der Galerie Schulse-Eisenstein in San Francisco führen .
Während die ersten Briefe noch von gegenseitiger Herzlichkeit und brüderlicher Verbundenheit beinahe überströmen, setzen bei Martin schon sehr bald Zweifel und Hoffnungen ob der Machtübernahme Adolf Hitlers ein.
Wie ein Sog scheint aber die Hoffnung auf Erneuerung für das deutsche Volk nach den Jahren der Demütigung und verbitterter Scham über den verlorenen ersten Weltkrieg und die Folgen Martin in seinen Bann zu ziehen. Er distanziert sich sehr bald verletzend, abwertend und abwehrend gegenüber dem einst ihm so eng verbundenen jüdischen Freund, mit dessen schöner Schwester er vermutlich vor Zeiten eine kurze Affäre hatte.
Am Ende bittet er Max, ihm nicht mehr privat zu schreiben und die Galerie umzubenennen, da ihm der Kontakt und die Gemeinschaft mit einem Juden in seinem Ansehen und beruflichem Fortkommen im Deutschland des Nationalsozialismus schaden könne.
Schließlich , dramatisch und schnell, geben die Veränderungen in Deutschland Anlaß, dass Max um das Leben seiner in Deutschland verbliebenen Schwester bangen muß. Er fleht den Freund brieflich um Hilfe für sie an, die dieser nicht leistet, vielleicht auch nicht mehr leisten kann. Er ist strammer Nazi in hoher Position geworden. Die Schwester stirbt unter der Verfolgung durch die Nazis.
In einer wiederum nur als dramatisch zu bezeichnenden Form schreibt Max daraufhin weitere Briefe , die Martin vor den Nazischergen ins Zwielicht bringen, vielleicht sogar bringen sollen! Martin ist daraufhin von Verfolgung bedroht, und er fürchtet, dass er in einem Konzentrationslager enden könnte. Unverdrossen adressiert Max seine Briefe an die Privatadresse seines Freundes,– und die letzte Seite des kleinen Büchleins endet mit der Abbildung eines Briefcouverts an Martin Schulse und dem Stempel darauf : Adressat unbekannt.
Man liest die Zeilen mit atemberaubender Spannung, kann den politischen Sog und die Veränderungen der Menschen in dieser Zeit nicht fassen, legt das Bändchen erschüttert beiseite.
Sehr zu empfehlen nicht nur für politisch Interessierte ,sondern auch für alle jene, die sich ein Bild über die politischen Verhältnissen von einst machen möchten. (Claudine Borries)
Titel: Adressat Unbekannt
Autor: Kressmann Taylor
Verlag: Hoffmann & Campe
Seiten: 69
ISBN: 3455076742
Diese Einsamkeit ohne Überfl
Erstellt am: September 21st, 2007Sigrid Damm ist uns als historisch gut recherchierende Schriftstellerin bekannt, die sich mit Cornelia Goethe und dem Buch über Christiane und Goethe ehrenden Ruhm erworben hat.
Hier legt sie einen ungewöhnlichen Erzählband vor: sie beschreibt ihre Impressionen auf einer Schottlandreise, die mit einem Studien- und Lehrauftrag verbunden ist. “Impressionen” ist der richtige Ausdruck für ihre Erzählweise: sie beschreibt die Farben des Himmels und der Landschaft, des Meeres, der Wiesen; die Besuche und das Wohnen bei Freunden, die Küchen und das gemeinsame Essen. Alles ist so aufgeschrieben, daß man durch ihre Augen zu schauen meint, so als wäre der Leser unmittelbarer Teilnehmer ihrer gerade stattfindenden Eindrücke.
Sie macht Ausflüge und Wanderungen, und sie liebt das Alleinsein unterbrochen nur von Begegnungen mit Menschen, die ihr liegen.
Sie schildert psychologisch feinfühlig ihre Eindrücke von jenen, denen sie begegnet. Es ist eine sehr positive Sichtweise, mit der sie die Freunde und andere ihr neu begegnende Zeitgenossen beschreibt. Fast immer sind es wohl Künstler, Schriftsteller, Maler und sonstige Angehörige verwandter Berufe. Es hat den Anschein, als wären sich alle sehr zugetan und in herzlicher Freundschaft verbunden. Fast möchte man neidisch werden auf so viel Freundschaft!
Hineingewoben in diese fast bildergleichen Schilderungen sind die Erinnerungen aus Szenen ihres eigenen Lebens. Da gibt es Söhne, Erinnerungen an ihren eigenen Vater, die nicht geliebte Mutter, ungute Erinnerungen an ihre Bindung zu ihrem letzten Lebensgefährten,– und die Korrespondenz mit einem guten Schriftstellerkollegen–oder ist er mehr als ein Freund?
Diese verhaltenen Andeutungen machen das Buch eher reizvoll.
Zuweilen habe ich den Eindruck, dass ihre Sprachgewandtheit und ihr Einfallsreichtum mit ihr durchgehen so als fielen Kaskaden von Beschreibungen über den Leser her.
Es werden aber auch kleine Geschichtsausflüge eingeflochten.
Man kann einiges über Schottland lernen und der Leser bekommt einen guten Eindruck von dem Land.
Sicher ist diese Lektüre nicht für jedermann geeignet. Aber wer sich für schöne Bilder erwärmen kann, der wird auch dieses Büchlein mit Vergnügen lesen. (Claudine Borries)
Titel: Diese Einsamkeit ohne Überfl
Autor: Sigrid Damm
Verlag: Suhrkamp / Insel Verlag
Seiten: 215
ISBN: 3458167129
Eine seltsame Ehe
Erstellt am: September 21st, 2007Béla Zsolt gehört zu den verschollenen jüdischen Autoren ungarischer Herkunft, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt und geschrieben haben, dann in Vergessenheit gerieten und nun eine Neuauflage erleben.
Wie viele andere seiner Zeitgenossen hat er über die Zeit der untergehenden k.u.k. Monarchie geschrieben und über den latenten und zunehmenden Antisemitismus in dieser Zeit. Der aufkommende Faschismus wird zur Vorahnung.
Das vorliegende Buch ist bereits 1936 zum ersten Mal erschienen. Es geht um eine Familiengeschichte im jüdischen Großbürgertum und Kleinbürgermilieu in Ungarn zwischen den beiden Weltkriegen.
Dargestellt um die Figur das Hauptakteurs Viktor, entfaltet sich eine lieblose, fehlgelaufene, von Mißverständnis und Hass gekennzeichnete Familientragödie. Ungeliebt,verletzlich und nicht ernst genommen fühlt sich die Mutter des Protagonisten, die aus reichem Hause stammt.Von ihrem Mann vermeintlich um des Geldes willen geheiratet, ist sie voller Hass gegen alle und jeden und überträgt ihre eigenen Frustrationen auf ihren Sohn, der seinerseits sich nicht lieben , annehmen oder auch nur im geringsten für vollwertig halten kann.
Nach dem frühen und unerwarteten Tod des Vaters wird Viktor Kanzleichef unter der Regie seiner Mutter.
So setzt in diesem Roman ein unendlicher Reigen von Begegnungen, Verletzungen, unerwiederter Liebesgefühle, verzweifelter Mesalliancen und desaströser Beziehungskatasrophen ein. Geld und Korruption, Erniedrigungen, Hass-und Rachehandlungen kennzeichnen viele Begebenheiten im weiteren Verlauf der Handlung. Einzige Ausnahme ist die ehemalige Geliebte des Vaters von Viktor, die warmherzig und liebevoll ist und wenigsten zu Zeiten zum Trost für den Helden der Geschichte wird. Für den Leser ist die schier unerträgliche Demut, Unterwerfung und Duldsamkeit von Viktor, sowohl seiner Mutter als auch seinen Kanzleimitarbeitern gegenüber, schwer zu fassen. Er heiratet am Ende auch noch eine Frau , von der er weiß, daß diese einen anderen liebt! Seine Frau wehrt sich anfänglich,– wenigstens sie(!)–, gegen die harte und unbeugsame Schwiegermutter, um am Ende, durch die Verhältnisse gezwungen, ebenfalls zu resignieren. Bei den übrigen handelnden Personen treten ähnliche Verhaltensweisen von Erniedrigung, Duldsamkeit und Ergebenheit, aber auch von gaunerhaftem Sadismus zutage.
Zu Beginn der Geschichte glaubt man noch an Selbstironie und Witz. Der Leser wird jedoch kurz darauf unerbittlich konfrontiert mit dem niederziehenden Selbsthass der Bürger jüdischer Herkunft. Man bemerkt bald das hoffnungslose und unlösbare Beziehungsgeflecht, in das fast alle handelnden Personen miteinander verwickelt sind. Es ist eine traurige , ernste , ja man möchte fast sagen trostlose Erzählung. Auch das Ende lässt keine Hoffnung zu.
Der letzte Satz lautet “Es geht nicht weiter. Die Welt ist am Ende”.
Ich finde das Buch bemerkenswert, weil es uns Aufschluss darüber gibt, wie das Klima war, in dem Juden in der damaligen Zeit in Europa lebten.
Dass Demütigungen und Erniedrigungen im Roman eines selber betroffenen Juden in dieser Form seinen Wiederhall fanden, lässt Schlüsse darüber zu, dass der Selbsthass und die Verachtung der eigenen Herkunft tief verinnerlicht war. Hanna Arendts Thesen über den Selbsthass der Juden müssten danach der Wahrheit nahe kommen. (Claudine Borries)
Titel: Eine seltsame Ehe
Autor: Béla Zsolt
Verlag: Neue Kritik
Seiten: 364
ISBN: 380153550
Regenbogen überm Jangtse
Erstellt am: September 21st, 2007In diesem Buch wird die Geschichte des Malers Tianyi erzählt. Der Bogen der Erzählung umspannt die Zeit von den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit nach der Kulturrevolution im kommunistischen China mit all’ seinen ungeheuerlichen, unvorstellbar brutalen menschlichen Auswüchsen und politischen Begleiterscheinungen.
Historische Vorkenntnisse über diese Zeit sind sicher von Vorteil zum Verständnis der Geschichte.
In einem breit angelegten Epos wird die Lebensgeschichte des Protagonisten und Icherzählers Tianyi, dem Maler, zum Kern für die Rahmenhandlung der Erzählung. Geboren 1925, beginnt sein bewusstes Leben mit etwa sechs Jahren.
Sehr sensibel erzählt hier einer, wie er die Umwelt, die Gebirge und die Natur , Himmel, Luft, Wolken und seine Mitmenschen, Onkel und Tanten erlebt.
Mit großen, aufmerksamen Augen geht dieser sensible Junge und später erwachsene Mann durch die Welt.
Tianyi benutzt früh schon den Zeichenstift, um seine Welt im Bild festzuhalten. Daß er Maler werden wird, steht fest.
Zwei Personen begleiten Tianyi durch sein ganzes Leben: seine erste große Liebe Yumei und der Freund ,der ihn aus seiner frühen Einsamkeit als Kind und Schüler befreit: Haolang. Auf abenteuerlichen Wegen finden und verlieren sich alle drei immer wieder. Da Haolang am Ende mit Yumei liiert ist, sucht Tianyi erneut die Ferne.
Wir begleiten ihn auf vielen Wanderungen in China in weit entfernte Provinzen, erleben seine Naturbeschreibungen , die Begegnungen mit Menschen und den Künsten. Nach dem Krieg lebt er in Paris, wohin ihn ein Stipendium geführt hat.
Er besichtigt die Renaissancemalerei in Italien, die ihn tief beeindruckt und zu Vergleichen mit chinesischer Malerei der gleichen Epoche beflügelt.
Erst lange Zeit später, als die Wirren der Kulturrevolution in vollem Gange sind, kehrt er nach China zurück, gerufen von Yumei, der er in steter Liebe anhängt.
Er findet sie nicht, und sein Freund Haolang, der Dichter, befindet sich als Verurteilter im Zusammenhang mit den kulturrevolutionären Wirren in einem der härtesten Umerziehungslager weit im Norden der chinesischen Republik.
Fast aufopferungsvoll macht sich auch Tianyi zum Verdächtigen, der der Umerziehung bedarf, immer auf der Suche nach Haolang.
Wir erfahren viel über die Auffassungen östlicher Kulte und Religionen, dem Buddismus, Taoismus und Kofuzianismus . Die Weltbetrachtungen von Tianyi sind mystischer Art, schicksalbehaftet und abgelöst vom irdischen Sein.
Lange Beschreibungen der barbarischen Zustände in den Zwangsarbeitslagern geben uns zuletzt ein Bild davon, zu welchen Untaten Menschen unter gegebenen Bedingungen fähig sind. Es war fast unmöglich, unter diesen Bedingungen zu überleben. So ist das Ende hoffnungsvoll und traurig zugleich.
Es ist ein eindringlicher Schicksalsbericht, den uns der Autor Francios Cheng mit diesem Roman vorgelegt hat.
Ein wenig ausschweifend erzählt und vom Inhalt her überfrachtet erscheint mir die Geschichte allerdings.Sie hätte Stoff für mehr als einen Roman geboten. Die Erzählweise ist aber äußerst poetisch und schlägt den Leser in Bann.
Wer sich für China und seine geschichtliche, kulturgeschichtliche und politische Entwicklung interessiert, wer etwas über die fernöstliche Mentalität der chinesischen Welt erfahren möchte, für denjenigen ist dieses ein gut und spannend geschriebenes Werk und sehr zu empfehlen. (Claudine Borries)
Titel: Regenbogen überm Jangtse
Autor: Francios Cheng
Verlag: Kindler
Seiten: 471
ISBN: 3463404109
Colette Salmand
Erstellt am: September 21st, 2007Der Autor ist als Kind russisch-jüdischer Eltern 1898 in Paris geboren und 1945 dort gestorben. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen .Zeitlebens plagten ihn Geldsorgen. Er ist jetzt erst wiederentdeckt worden.
In einer scheinbar entrückten Welt in Paris Anfang des letzten Jahrhunderts begegnen sich zwei junge Menschen, die Kunst studieren.
Colette kommt aus einer geschiedenen Ehe, lebt bei ihrem Vater, einem Arzt mit bescheidenem Auskommen. Jaques’ Vater ist Jurist, Vorsitzender einer Berufungskammer. Der erste Weltkrieg geht zuende; Jaques’ Bruder ist gefallen, er selber meldet sich zuletzt ebenfalls zum Militär, erleidet während der Kämpfe eine Kopverletzung und ist seither psychisch labil.
Im Verlauf der Erzählung erleben wir eine enge Verklammerung zwischen ihm und Colette. Beide entfliehen nach einem tragischen Geschehen aus ihren Elternhäusern und leben fortan von der Hand in den Mund.
Die Verstrickungen, Geldsorgen, psychischen Nöte des jungen Mannes bestimmen den Fortgang der Geschiche. Nähe zwischen den beiden scheint nicht aufzukommen. Colette ist sehr bemüht, das nötige Geld zum Lebensunterhalt zu organisieren und nimmt dafür Demütigungen auf sich , da sie die abgerissene Verbindung zu ihrem Vater wieder aufnimmt, um ihn um finanzielle Unterstützung zu bitten.Sie hatte ihn vor längerer Zeit im Alter von 21 Jahren ohne Angabe von Gründen und ohne weitere Nachricht verlassen. Die ganze Erzählung wird von den selbstquälerischen, grüblerischen und selbstanklagenden Gedanken von Jaques bestimmt, während wir gleichzeitig eine um den Erhalt ihrer Liebe und Beziehung ringende Colette erleben.
Oberflächliche Beziehungen zu den Verwandten, eine verwirrende Lebenskatastrophe im Leben von Jaques machen die ganze Erzählung zum Spiegelbild einer vergeblichen, traurigen und ausweglosen Lebensvorgabe.Fragen und Antworten gehen ins Leere. Es gibt recht eigentlich keinen Ausweg und keine Hoffnung. Eine verhaltene Spannung hält den Leser/In gefangen.
Es handelt sich in dieser Erzählung um eine Liebesgeschichte voller innerer und äußerer Verstrickungen.Man findet hier alles: menschliche Paranoia, Grübelsucht, Schuld, Sühnegedanken und Verzweiflung, Verklammerung,–alles ist in einer einfachen ,aber Aufmerksamkeit fordernden Sprache geschrieben, zeitlos.
Mißverständnisse, Vorurteile und einengende kleinbürgerliche Lebensverhältnisse , wie sie hier beschrieben werden, machen das Leben und Überleben in einer solchen Gesellschaft unverständlich und schwer erträglich.
Ich vermute aufgrund der Biographie von Bove , daß seine Beobachtungen der menschlichen Schwäche und Känklichkeit aus seinem Leben stammen .
Im Nachwort wird der Autor mit Proust und Dostojewski verglichen. Ich würde ihn eher noch in die Nähe von Dostojewski rücken. Ein schönes, lesenswertes und fesselndes Buch. Aufmachung und Gestaltung aus dem Verlag der Friedenauer Presse geben dem Werk einen gediegenen Anstrich. (Claudine Borries)
Titel: Colette Salmand
Autor: Emmanuel Bove
Verlag: Friedenauer Presse
Seiten: 182
ISBN: 3 932109 23 6
Modellfliegen
Erstellt am: September 21st, 2007Marcel Möhring, geb.1957, gilt als einer der wichtigsten Autoren der Niederlande.
Nach eigenen Angaben sind dem Autor die ersten Sätze dieser Novelle eines Tages zugeflogen, und er konnte nicht mehr aufhören, die Geschichte aufzuschreiben und zu beenden.
Der Icherzähler baut mit seinem Vater und der Mutter Modellflugzeuge zusammen. Sie nehmen dem Puppendoktor, der im gleichen Haus seinen Laden hat, die Arbeit ab, denn die Käufer wollen zusammengebaute Flugzeuge haben.
Es ist eine glückliche Zeit für den Jungen, der sich mit seinen Eltern geborgen in der gemeinsamen Tätigkeit fühlt.
Natürlich trügt das Glück der heilen Kindheit: der Vater und auch die Mutter sind arbeitslos. Unter der gemütlichen Hülle schlummern die Konflikte zwischen dem Vater und der Mutter und das Ende der Idylle. Nach dessen Ende erscheint der Icherzähler als erwachsener Mann, der seinerseits Modellflugzeuge im Hauptberuf baut, eine Freundin hat und seine Geschichten an die Jungen weitergibt, die bei ihm Flugzeuge kaufen.
Die Geschichte ist unspektakulär.Da sich nicht viel ereignet, muß aus dem Erzählstoff der Inhalt für uns erstehen . Sanft und still werden Skizzen aus dem Leben der Eltern beschrieben, erscheint vor unserem Auge der Familienalltag. Daß der Vater, wohl auch die Mutter, am Leben gescheitert sind,–man kann es den Szenen entnehmen.
Gerade die stille und ruhige Erzählweise macht das Buch liebens-und lesenswert. Die Sachlichkeit der Sprache ist bemerkenswert , nichts ist emotional aufwühlend, ohne doch der Erzählung eine gewisse Spannung zu nehmen.
Es ist ein hübsches Büchlein, leicht und unbeschwert lesbar und als kleines Geschenk bestens geeignet. (Claudine Borries)
Titel: Modellfliegen
Autor: Marcel Möring
Verlag: Luchterhand
Seiten: 123
ISBN: 3630870929
Das Streichquartett
Erstellt am: September 21st, 2007Eines Tages präsentiert Berghoff, erster Geiger des gleichnamigen Quartetts, seinen Kollegen eine Aufnahme aus dem Jahre 1937. Es handelt sich um das Streichquartett Nr.4 op.37 von Arnold Schönberg, gespielt vom Kolisch-Quartett. Man hört sich das Stück an und beschließt, es ins Konzertprogramm mitaufzunehmen. Von jenem Tag an nimmt das Unheil seinen Lauf. Plötzlich traut Berghoff seiner Frau Elisabeth, nicht mehr über den Weg und glaubt sogar, dass seine zwei Kinder mit ihr gemeinsame Sache machen. Immerhin ist Elisabeth schön und schlagfertig. Manchmal fühlt sich Berghoff ihr nicht gewachsen. Mehr und mehr quält ihn der schreckliche Verdacht, dass ihn Elisabeth mit Manfred Stern, dem zweiten Violinisten aus dem Quartett, betrügt. Ihm erscheint alles verdächtig, dass beispielsweise Stern zu einer Probe verspätet erscheint, ebenso die Plastikfiguren, mit denen seine Kinder spielen und deren Herkunft ihm unbekannt ist. Stammen sie von Stern? Zudem hat er den Eindruck, dass Elisabeth sich immer weniger um die Kinder kümmert. Sein Misstrauen wächst, als ihm Elisabeth eröffnet, dass sie mit den Kindern in die Berge fahren wolle. Zum Tourneebeginn seien sie wieder zurück. Aber die drei kommen nicht wieder und geben auch kein Lebenszeichen von sich. Berghoff wird unruhig, nervös und ergeht sich in allerlei Vermutungen, vor allem als er plötzlich nach einer Musikprobe bei sich zu Hause die kostbare Geige Mittenwalder Schule entdeckt, die ihm Elisabeth vor kurzem noch verweigert hatte, weil sie glaubte, dass sie sich diese teure Anschaffung – immerhin sollte die Geige achtzehntausend Mark kosten – nicht leisten könne. Es geschehen noch weitere mysteriöse, unerklärliche Vorfälle. Während der Orchestertournee kommt es zu einem Eklat zwischen Berghoff und Stern. Aber Elisabeth und die Kinder sind und bleiben verschwunden. So gerät die Welt des Friedhelm Berghoff mehr und mehr aus den Fugen. Das dunkle Geheimnis wird erst gegen Ende des Buches aufgelöst, eigentlich mehr angedeutet, denn langwierige psychologische und soziologische Begründungen und Erklärungen sind Hartmut Langes Sache nicht. Um so stärker gerät der Leser in den Sog des unheimlichen Geschehens, das ihm in einer nüchternen, klaren, fast spröden Sprache mitgeteilt wird. Wer allerdings alles haargenau erklärt haben will, kommt hier nicht auf seine Kosten.
Titel: Das Streichquartett,
Autor: Hartmut Lange
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 137
ISBN: 3257062818
Ultima Ratio
Erstellt am: September 21st, 2007‘Am Morgen des siebzehnten November 1997 beschloß Professor Penelope Kura die Auslöschung des Philosophischen Instituts der Freien Universität Berlin. Der Gedanke war einfach, plausibel und konsistent, war unmißverständlich und sparsam formuliert, kurz: Er besaß alle Merkmale eines guten philosophischen Gedankens. Darüber hinaus besaß er eine Eigenschaft, an der es guten philosophischen Gedanken im allgemeinen mangelte: motivierende Kraft. Penelope Kura spürte, wie ihr Körper unter dem plötzlich ausgeschütteten Adrenalin zu vibrieren begann. Ihr Herz stampfte. Ihre Hände scharrten auf dem Federbett. Wie lange war es her, daß sie eine solche Erregung verspürt hatte. Eine Erregung durch den Gedanken. Die Königin aller Erregungen.’
Selbstverständlich begnügt sich Penelope Kura, Protagonistin der Titelgeschichte “Ultima Ratio”, nicht mit dem Beschluss oder der Erregung, die allein der Gedanke an die Tat auslöst, sondern – sie lässt es zum großen Showdown kommen. Vorher jedoch erfahren die Leser auf 51 Seiten so manches, teilweise in Schwyzerdütsch, über die nicht gerade unkomplizierten Vorbereitungen und den ganz normalen Uni-Alltag.
Auch in den anderen sechs Geschichten, denen jeweils eine Kolumne folgt, geht es in bester Thea Dorn-Manier zur Sache: mit einem exorbitanten Sinn für Gerechtigkeit erwischt es stets die, die es – zumindest aus Sicht der Täterinnen – verdient haben. In “Verstrickt” sitzt ein allzu devoter Mann plötzlich, mit seitlich aus dem Mund hängender Zunge, reglos im Sessel. In “Vorsicht Steinschlag!” endet das Treffen zwischen einem Medien-Mogul und einer Bildhauerin tödlich. Und in “Die Welt als Wille und Ausstellung” hinterlässt eine Frau, die mit dem Nachtzug aus Prag in Hannover angekommen war, eine letale Spur auf dem Areal der Expo.
Der Erzählungen- und Kolumnenband “Ultima Ratio” ist ein idealer Appetizer für Leser, die noch keinen Thea Dorn-Krimi in den Händen hatten. Er versammelt Geschichten, die zwischen 1996 und 2000 in verschiedensten Publikationen erschienen sind, und Kolumnen der Autorin, die in der jüngst eingestellten Rubrik “Montags links oben” im Tagesspiegel/Berlin abgedruckt waren.
Thea Dorn wurde 1971 in Offenbach geboren und studierte in Frankfurt, Wien und Berlin Philosophie sowie Theaterwissenschaften. Sie war in Berlin als Dozentin für Philosophie tätig und arbeitete als Dramaturgin am Staatstheater Hannover. Derzeit schreibt sie, die Pinguine sammelt und Buster Keaton liebt, an einem “Tatort”-Drehbuch. Dieser Tage hat ihr neues Theaterstück “Nike” in Hannover Premiere; zudem entstand jüngst bei einem New York-Aufenthalt das Stück “Bombsong”. Im Rotbuch-Verlag erschienen bislang ihre Krimis “Berliner Aufklärung” (1994), für den sie 1995 mit dem Raymond-Chandler-Preis ausgezeichnet wurde, “Ringkampf” (1996) und “Die Hirnkönigin” (1999), die ihr im letzten Jahr den Deutschen Krimipreis einbrachte. Thea Dorn lebt in Berlin. (Ensa Maurer)
Titel: Ultima Ratio
Autor: Thea Dorn
Verlag: Rotbuch Verlag
Seiten: 127
ISBN: 3434530924
Agnes
Erstellt am: September 21st, 2007Peter Stamm, Schweizer Schriftsteller des Jahrgangs 1963, hat mit “Agnes” einen Debütroman geschrieben, der ihm den Rauriser Literaturpreis eingebracht hat. Vom ersten Augenblick an zieht diese einzigartige Liebesgeschichte den Leser in seinen Bann. Atemlos verfolgt man den Fortgang der Geschichte.
In der Public Library von Chicago begegnen sich ein Schweizer, der über amerikanische Luxuseisenbahnwagen recherchiert und Agnes, eine Physikwissenschaftlerin, die an ihrer Dissertation arbeitet.
Zunächst geht es um die Anfänge von Begegnungen, wie sie alltäglich stattfinden: man tauscht Blicke aus, trinkt Kaffee zusammen, raucht eine Zigarette, trifft die erste Verabredung etc. Es ist nichts Besonderes daran. Besonders aber ist die Art der Darstellung und die Beschreibung der Atmosphäre zwischen den beiden: stille, langsame Annäherungen, kaum wahrnehmbare Distanzen.
Als sie ihn anregt, dass er doch ein Buch über sie schreiben möge, beginnt die eigentliche Geschichte. im Schreiben solle er Ähnliches darstellen wie Seurat in seinem Porträt “Un Dimanche d’été à l’Ile de la Grande Jatte” . Das Bild hatten sie lange zusammen in einer in einer Ausstellung betrachtet. Es ist in pointillistischer Manier gemalt. Er erzählt anfangs recht wahrheitsgetreu die Vorgeschichte ihrer ersten Begegnung. Als er aber in der Gegenwart ankommt und die Zukunft visionär voraus beschreiben soll,–da beginnen sich Realität und Fantasie zu vermischen . Mal sind es seine Wünsche, mal seine Ängste, die wir in der Erzählung wieder finden. Und zwischendurch beobachten wir sie in ihrem Alltag , den sie abwechselnd oder gemeinsam in der Bibliothek verbringen, zu Hause mal bei ihm oder auch bei ihr, später mehr bei ihm. Ihre Wohnung aber behält sie, Symbol für die Unwägbarkeit in der Beziehung. Sehnsüchte von ihm nach Nähe suggerieren, dass er sie liebt. Aber was ist Liebe hier überhaupt? Kennen sie sich oder kennen sie sich nicht? Agnes bleibt ihm fern, er sieht sie mit seinen Augen, in denen sie sich nicht wieder erkennt. Schließlich versieht er die virtuelle Geschichte ihrer Liebe mit zweierlei Versionen eines Endes: das eine endet glücklich mit Kindern und Familienidylle, das andere bleibt vage und ausweglos.
Obwohl es in der Geschichte um die heute so viel diskutierte Unfähigkeit zu Bindung und Verantwortung in Beziehungen geht, ist diese Geschichte keineswegs platt oder oberflächlich, sondern von außergewöhnlicher Sensibilität. Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Peter Stamm, tief innerliche Gefühle in seiner Geschichte durchscheinen zu lassen. So z.B. die Zerrissenheit des Mannes, sich festzulegen und im Gegenspiel dazu Agnes’ Ambivalenz, wenn sie seine Gefühle ahnt und sich zurückzieht, so bald sie die Ferne zwischen ihm und sich selber spürt. Diese Gefühlsspiegelungen erzeugen eine Spannung, die den Roman zu einem der eindrucksvollsten kleinen Erzählwerke macht, das man z. Zt. auf dem Buchmarkt finden kann. (Claudine Borries)
Titel: Agnes
Autor: Peter Stamm
Verlag: btb
Seiten: 154
ISBN: 344272550X
Fräulein Stark
Erstellt am: September 21st, 2007Bis zum Eintritt in die Klosterschule darf der Neffe den Sommer über bei seinem Onkel, dem hochwürdigen Stiftsbibliothekar und Prälaten in der altehrwürdigen Bibliothek aushelfen. Ihm obliegt die Verteilung und Zuweisung der Filzpantoffeln, mit denen der schöne, glänzende Holzdielenboden vor Kratzern und Löchern geschützt wird. Aus den Augen von Nepos betrachten wir die Besucher: Gruppen geschwätziger Frauen, hochtupiert und vollbusig, mit weiten Glockenröcken, Pfadpfindergrüppchen,Touristenbusse und später die Hochzeitspaare auf Bildungsreise; Besserwisser,die alles zu erklären wissen, gibt es dabei wie überall, ,—- es ist die skurrile, witzige Beobachtungsgabe, die uns einen Eindruck über die barocke Stiftsbibliothek und die Atmosphäre gibt, die in ihr herrscht. Nicht nur die Besucher, auch die Räumlichkeiten, die Bücherwände und die Gerüche ziehen die Aufmerksamkeit des Jungen an. Er lernt die Welt der Bücher in aller Form zu schätzen. Mit Schmunzeln liest man über die absonderliche ,abseits des Zeitstroms gelegene Welt, in der es Hilfsbibliothekare gibt, die teils eifrig und teils dösig ihres Amtes walten. Und natürlich gibt es das Fräulein Stark! Sie ist Haulshälterin und Sittenwächterin in einem. Streng urteilt sie, wenn sie den angehenden Klosterschüler dabei erwischt, wie er unter die Röcke der Besucherinnen schaut. Er schaut und riecht, was ihm da über den Füßen begegnet,– und kann seine Neugier nicht im Zaume halten! Über die Gedanken, Triebe und Sehnsüchte eines Pubertierenden erfahren wir viel. Sein Talent, die Dinge zu schauen und zu beschreiben, ist teiweise grotesk und amüsierlich. Bis hierhin bietet das Buch viel Vergnügen beim Lesen. Einen Bruch erfährt die Novelle, als es um die erahnte jüdische Herkunft des Jungen und des Onkels geht, die dem Jungen nicht bewußt war. Man weiß nicht so recht, warum dem so viel Bedeutung zuteil wird. Erst anläßlich der Medienschelte über den vermeintlichen Antisemitismus im Buch erfahren wir, daß es Thomas Hürlimann hier auch um Kritik am Antisemitismus und am bigotten Katholizismus in der Schweiz geht. Leider ist es ihm nicht gelungen, das Werk in einer Geschlossenheit zu halten, die diese Kritik dem Leser verständlich machen würde. Bei aller Skurrilität zieht sich das Buch am Ende etwas in die Länge, so daß der anfängliche Genuß beim Lesen sich zum Ende hin verliert. Dennoch ist es ein lesenswertes Büchlein, weil Thomas Hürlimann ein brillianter Schreiber ist! Claudine Borries
Titel: Fräulein Stark
Autor: Thomas Hürlimann
Verlag: Amann Verlag
Seiten: 192
ISBN: 3 250 60075 X
Weitere Buchbesprechungen im Lesertreff: