Militärmusik

Erstellt am: September 21st, 2007

‘Schon im Kindergarten entdeckte ich diese Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. Während der Ruhestunden, wenn die Erzieherin sich in die Küche zurückzog, um den von uns übrig gelassenen Brei aufzuessen, erzählte ich meinen Kindergarten-Genossen alle möglichen Geschichten. Ich konnte ihre Fragen viel umfassender beantworten als die dafür zuständigen Verantwortlichen. Über alles wusste ich Bescheid: über Flüge zum Mars, wo Gold vergraben sein musste, und wie sich die Menschen fortpflanzten. Ich konnte alles bis in die kleinsten Einzelheiten erklären, nur ein Haken war dabei: Meine Geschichten stimmten nicht. Ich war nämlich ein totaler Spinner.’

Am 9. August stellte Wladimir Kaminer sein Buch “Militärmusik” exklusiv bei Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln vor: Tosender Applaus, als er die Bühne betritt, seine Aktentasche neben dem blauen Ledersessel abstellt und das Sakko über den Mikrofonständer hängt. Er lächelt in die Menge, zufrieden und verlegen zugleich, während die darüber informiert wird, auf welchem Weg das Karstadt-Haus nach der Lesung zu verlassen sei. Einige der 240 Besucher lassen erkennen, durchaus nicht abgeneigt zu sein, eine Nacht in dem fünfstöckigen Konsumtempel am Hermannplatz verbringen zu müssen.

Kaminer jedoch hat anderes vor: Er will lesen – aus seinem neuesten Buch, seinem ersten Roman, den er “Militärmusik” genannt hat. “Aber”, bietet er an, “wenn Sie wollen, können Sie mir auch erst ein paar Fragen stellen.” Niemand will, jedenfalls jetzt noch nicht. “Meine Mutter sagte,”, beginnt er, “ich war ein sehr ruhiges Kind, lächelte gern Fremden zu, schrie so gut wie gar nicht und pinkelte in die Windeln nur auf ihren Befehl.” Das Lachen des Publikums schwappt durch den Saal; Kaminer schmunzelt und fährt fort. Erzählt von seiner sozialistischen Erziehung und dem gelben Irrenhaus, deren mongoloide Bewohner er beneidete, weil sie alles laut sagen durften, was sie dachten. Verrät, dass sein Vater das Fabrikkabarett “Die Rote Tomate” gründete, wie ein Wilder auf der Bühne sang und tanzte, aber eigentlich gar kein Spaßvogel, sondern ein von Schlafstörungen Geplagter war. Plaudert über seine Zeit als Praktikant am Moskauer Majakowski-Theater, wo er auch darauf zu achten hatte, “dass alle Schauspieler rechtzeitig auf der Bühne standen, und zwar nüchtern und möglichst im richtigen Kostüm.” Als das Kapitel bei ihm als 18-Jährigem angelangt ist, stockt Kaminer und verkündet: “Das ist einfach zu lang. Ich lese lieber eine ganz andere Geschichte.” Seine Erinnerungen an Tiertransporte, das Leben im Park und die Läuse der Freiheit überblättert er und landet beim Fahneneid.

“Das ist für meine Verhältnisse schon eine seeehr traurige Geschichte, mit abgehacktem Finger und so.”, erklärt er nach der Lesung Augen zwinkernd auf die Frage, ob er denn nur komisch könne. Irritation ist Kaminer hingegen anzusehen, als jemand wissen will, ob er seine Bücher auf Deutsch schreibe und womöglich sogar in dieser Sprache denke. Er verweist nochmals darauf, seit nunmehr zehn Jahren in Berlin zu leben, und fügt hinzu, dass er außer einer Kolumne, die alle zwei Wochen erscheine, nur sehr wenig auf Russisch zu Papier bringe. Ergo: Das Thema, seine “Russendisko”, die im Oktober auch in Kaminers Heimat veröffentlicht wird, selbst zu übersetzen, sei für ihn nie eines gewesen. Einerseits, weil er das Buch dann noch mal völlig neu schreiben müsse, andererseits, weil eine Kurzgeschichten-Sammlung viel komplizierter sei als ein Roman. Und, ebenfalls nicht unerheblich: Momentan bereitet er sein nächstes Werk vor, das “Schönhauser Allee” heißen wird. Nach einem Ausflug in seine Kindheit und Jugend wird er sich also wieder auf das Terrain der Aktualität begeben. Im Nachhinein, besinnt er sich, käme ihm dieses Russland der 80er-Jahre ohnehin ziemlich unglaubwürdig vor. Ob die Geschichten so passiert seien, wie er sie in “Militärmusik” erzählt, will eine Frau aus dem Publikum wissen. In Wladimir Kaminers Gesicht macht sich ein Grinsen breit: “Zumindest sind sie mir genauso in Erinnerung geblieben.”

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren, machte eine Ausbildung zum Toningenieur und studierte danach Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. 1990 kam er nach Deutschland; acht Jahre später wurde in der taz-Kolumne “intershop” sein erster Text veröffentlicht und weitere zwei Jahre danach erschien sein Erzählband “Russendisko” – von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert gefeiert. Seitdem ist Kaminer als Autor und Moderator omnipräsent, schreibt regelmäßig für deutsche Zeitungen und Zeitschriften sowie alle zwei Wochen eine Kolumne in seiner Muttersprache, berichtet wöchentlich beim Radiosender SFB4 Radio MultiKulti aus “Wladimirs Welt” und hat seit neuestem eine eigene Rubrik im ZDF-Morgenmagazin. Kaminer lebt mit seiner Frau Olga und den beiden Kindern, Nicole und Sebastian, in Berlin. (Ensa Maurer)

Titel: Militärmusik
Autor: Wladimir Kaminer
Verlag: Manhattan-Verlag
Seiten: 191
ISBN: 3442545323

Titel: Pooh’s Corner

Erstellt am: September 21st, 2007

“Rascher als erwartet”, schreibt Harry Rowohlt im Vorwort, “ist eine zweite Auflage notwendig geworden” mit neuen Kolumnen, Rezensionen und Filmkritiken aus den Jahren 1993 bis 1997.

Wieder erzählt er von seinen Reiseerlebnissen, diesmal von Paris, wo er am Eingang der Métro-Station Pigalle einen mit Kreide gemalten Satz gesehen habe:”Vive Jésus – à bas Satan”. Daraufhin habe sein Freund gesagt, so etwas Satansverachtendes und Teufelfeindliches habe er noch nie gesehen. Da dieser jedoch stets um political correctness bemüht sei, habe er noch hinzugefügt: “Sag bitte nicht Neger. Meine Frau findet das frauenfeindlich.”

Es folgen Geschichten über Nachbarn, über eine Begegnung mit Jutta Ditfurth im Speisewagen, über Harrys meist vergebliches Bemühen, jeden Tag eine gute Tat zu tun. Seitdem ihm ein türkischer Stehimbiß-Inhaber von St.Pauli morgens um vier den Islam erklärt habe, gibt er kund, sei er in der Lage, verschwenderisch den Islam zu erklären und sich geschickt in die Annemarie-Schimmel-Debatte einzuklinken.

Wenn er, Harry Rowohlt, erläutert er an einer anderen Stelle, Arnold Schwarzenegger wäre, würde er eine Figur verkörpern, die “DER TOLERATOR” hieße. Neben Aufsätzen, Buch- und Filmberichten enthält dieser Band auch Interviews, in denen Rowohlt seine Interviewpartner nicht selten mehr oder weniger sanft auf den Arm nimmt. Besonders spannend und aufschlussreich ist das Spiegel-Interview “über das Erben, das Trinken und die irische Literatur.” In seiner Jugend, berichtet Harry, habe er alles gelesen, was ihm vor die Augen gekommen sei, meistens heimlich, “weil ich ein schlechter Schüler war und eigentlich Schularbeiten machen sollte. Das muss man sich mal vorstellen: In einem Verlegerhaushalt musste man heimlich Weltliteratur lesen!”. Wir erfahren über Harrys Lesetouren, bei denen es schon mal vorkam, dass man ihn wegen seines abenteuerlichen Aussehens zu seiner eigenen Lesung nicht hineinlassen wollte. Dafür durfte er dann einen Penner in der “Lindenstraße” mimen.

Als Dreingabe gibt es am Schluss noch zwei hübsche Kabinettstückchen des Übersetzers Harry Rowohlt: das längere Gedicht “Nedver” von Shel Silverstein ist sogar Zeile für Zeile illustriert übersetzt. Harry Rowohlts Kunst, albern auf hohem Niveau mit Worten zu spielen und scheinbar Unwesentliches und Nebensächliches stilistisch glänzend zu verpacken, zeigt sich auch in diesem Büchlein, das man wie das erste mit steigendem Lustgewinn verschlingt. (Ursula Homann)

Titel: Pooh’s Corner II
Autor: Harry Rowohlt
Verlag: Diana Verlag
Seiten: 222
ISBN: 3453150295

Pooh’s Corner

Erstellt am: September 21st, 2007

Harry Rowohlt, Jahrgang 1945 – sein Vater ist der legendäre Verleger Ernst Rowohlt -, hat sich als Übersetzer, “Poohrist” und Flaneur in Hamburg einen Namen gemacht. Zudem genießt er den Ruf eines knuffigen Originals, das an keiner Whiskeyflasche vorübergehen kann. Seine, unter der Bezeichnung “Pooh’s Corner” in der “Zeit” veröffentlichten Kolumnen in den Jahren 1989 bis 1993 sowie Berichte und Filmkritiken liegen jetzt auch gesammelt in einer handlichen Taschenbuchausgabe vor. Sein Witz ist gewöhnungsbedürftig, aber kaum hat man sich eingelesen, kann man nicht genug davon bekommen.

Seine bunt gemischten Texte wirken, wie er selbst, ein wenig bärbeißig und knurrig. Listig spielt er mit Worten und bringt respektlos vieles, was ihm auffällt und was ihn stört, auf den Punkt.

Unter “Pooh’s Corner 1989″ erläutert er seine Thesen, warum Soldaten Feiglinge sind und warum die zehn Gebote auf zwei Gesetzestafeln stehen, wobei er sich gängiger Vorurteile bedient, weil diese, so Harry Rowohlts Begründung leider stimmen. Er überlegt(wir sind immer noch im Jahr 1989), ob und unter welchen Bedingungen er sich wiedervereinigen möchte. Als er nach einer ausgedehnten Reise zurückkommt, merkt er sofort, dass er wieder zu Hause ist. Woran? “Sie lassen einen nicht ausreden.”

Als der Autor Zeuge wird, wie sehr Kohl in Dresden umjubelt wird, kommt er zu folgendem Schluss: “Was muss dieses Volk gelitten haben, dass es einem solchen Unsouverän so zujubelt. Was für ein unsouveränes Volk muss das sein, dass es so jubeln kann?”

Dann wieder fragt er: “Ist das eigentlich justitiabel? Erworbene Rechtschreibschwäche? Durch sechs Jahre ‘taz’Abo?”

Einige Seiten weiter erzählt er, wie sein Lieblingskommunist seinen Zeigefinger verlor und wie er in Salzburg Lenin ins Auge geblickt hat.

Die Frankfurter Buchmesse wird für ihn zum Anlass, über den Wertewandel in unserer Zeit nachzudenken. Er schildert Impressionen von einem Filmfestival in Kuba und versichert uns wiederholt: “Übersetzen ist Kunst”. Die mit Harry Rowohlt befreundete Elke Heidenreich, die ihn in ihrem kurzen Nachwort einen “stattlichen, selbstbewussten und griesgrämig auftretenden Bären” nennt, bekennt, dass sie jedes Mal, wenn sie in der “Zeit” “Pooh’s Corner” las, neuen Lebensmut geschöpft habe. (Ursula Homann)

Titel: Pooh’s Corner
Autor: Harry Rowohlt
Verlag: Diana Verlag
Seiten: 272
ISBN: 3445315584X

Mährische Rhapsodie

Erstellt am: September 21st, 2007

Konecny erzählt mit viel Ironie vom mehr oder weniger erfolgreichen Liebesleben seines Helden. Nebenbei erfährt man so manches über den Alltag in der sozialistischen Tschechoslowakei. Er schafft die Kombination von Humor und Sex ohne Probleme und unterhält den Leser dabei ausgezeichnet. Die Geschichte ist aus der Sicht des Helden geschrieben und häufig ziemlich deftig.

Nur manchmal gleitet sie etwas zu viel ins Selbstmitleid ab und verliert den manchmal ironischen, manchmal deftigen Humor.

Leseprobe: Eine alte Frau ächzt unter ihren vollen Einkaufstaschen. Pankácek wie immer galant, doch gutes Benehmen rächt sich. Unterwegs schwallt uns die Omi an, wir sollen uns doch die Haare schneiden lassen. So lange wie wir trügen es doch nur Lumpen und Schwule. Wir schleppen ihre Taschen, und sie redet wie ein Wasserfall. Als Pankácek schnell zwischen ihre Sätze reinwirft: “aber Oma, auch unser Herr Jesus hat doch langes Haar getragen”, sagt sie: “Na, du weißt ja, wie er geendet ist!”. Das muss sogar Pankácek einsehen.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Mährische Rhapsodie
Autor: Jaromir Konecny
Verlag: Ariel-Verlag
Seiten: 186
ISBN: 3930148129

Frauen und andere Katzen

Erstellt am: September 21st, 2007

„Frauen und andere Katzen“ behandelt Kurzgeschichten, Märchen und erotische Erzählungen von Carola Heine. Die Düsseldorfer Autorin lebt mit zwei Katzen und vier Computern in einem kleinen Haus, ein wenig aber auch auf Ihrer Homepage im Internet. Ihre Veröffentlichungen werden erfolgreich auf der eigenen Seite gelesen, nun auch in diesem Buch.

18 Kurzgeschichten und Erzählungen rund um das Thema Erotik sind in diesem Buch zu finden. Die Geschichten sind unterhaltsam, in einem lockern Stil geschrieben. Sie handeln von erotischen Tagträumen, Drachen und alten Männern.

Darunter finden sich Geschichten über Katzenliebe, wie „Die Katze“. Aber auch Männererzählungen: „Tiffany“ behandelt zum Teil überzogene Wünsche der Männer, dabei schreibt Heine abrechnend über Männer: „Vereinsamte Dorschgesichter mit nur mittelmäßigen Qualitäten onanieren lieber vor Models auf Papier und Film, als die netten, aber bedauernswert normalen Frauen ihrer Umgebung auch nur zu beachten.“

Carola Heine legt auf Ihren 1997 erschienen Online-Roman „Liebe auf der ersten Klick“ noch eins drauf. „Frauen und andere Katzen“ hat nur eins im Sinn: „Prickelnde Sehnsucht, weiche Knie und flirrendes, ziehendes Verlangen. Katzen und Kontaktanzeigen. Das ewig unbegreifliche Wesen Mann.“ (PF)

Titel: Frauen und andere Katzen
Autor: Carola Heine
Verlag: Books On Demand
Seiten: 104
ISBN: 3898119769

Gefährliche Geliebte

Erstellt am: September 21st, 2007

Mit einiger Beklemmung geht man an die Lektüre dieses Buches, nachdem es im literarischen Quartett am 30.06.00 so heftig kontrovers diskutiert wurde. Beschrieben wird die Entwicklung von Hajime, einem jungen Mann, geb. 1951, zwischen seinem 16. und 37. Lebensjahr. Vorwiegend sind seine Beziehungen zu Frauen Bestandteil der Beschreibung seiner Entwicklungsgeschichte. Hajimes sexuelle Erlebnisse werden sehr deftig und handfest beschrieben. Man fühlt als Leser eine gewisse Ambivalenz bei der Indiskretion dieser Beschreibungen. Sie sind keinesfalls erotisch. Es gibt aber auch Szenen von großer Behutsamkeit und Zartheit bei diesen Begebenheiten.

Nach einigen mehr oder weniger intensiven Erlebnissen und Erfahrungen, die verbunden sind mit Erfolgen aber auch Kränkungen für alle Beteiligten, lernt Hajime nach einer langen Zeit des Alleinseins und der Einsamkeit, er ist inzwischen dreißig Jahre alt, seine spätere Frau kennen; sie heiraten, bekommen zwei Töchter, und er kann sich eine befriedigende berufliche Verbesserung erlauben, die ihm zu gesichertem Wohlstand verhilft.

Lediglich der Hinweis auf seine Zeit während der Studentenunruhen zeigt, dass er sich über die Veränderungen, die sich in ihm ereignen, wundert,– und dass er vieles im Leben als zufällig und schicksalhaft empfindet.

Bis dahin bleibt die Geschichte nicht besonders aufregend. Ein typischer Entwicklungsroman, nachvollziehbar in den verschiedenen Entwicklungsphasen, wie sie junge Menschen durchleben.

Dann aber beginnt eine merkwürdige, wirklich erotische Geschichte: in seiner Bar, die er betreibt, erscheint eines Tages eine Frau, reizvoll, anziehend, schön und geheimnisvoll. Er erkennt sie : es ist Shimamoto, seine früheste Kindheitsliebe aus der Zeit, als sie beide 12 Jahre alt waren. Sie erscheint, verschwindet, — und bleibt geheimnisvoll. Er erfährt nichts über ihr Leben. Sie verweigert jede Auskunft darüber.

Der Leser wird in die Phantasien über ihren Lebenshintergrund hineingezogen. Hajime ist hingerissen, fiebert den Besuchen von ihr entgegen,— sie scheint unerreichbar für ihn zu bleiben.

Nach längerer Abwesenheit sieht er sie wieder. Auf sein Drängen hin verbringen sie eine ekstatische Nacht zusammen,– am nächsten Morgen ist sie verschwunden.

Er kehrt zu seiner Frau zurück.

Es geht in diesem Roman ganz offensichtlich um eine Sinnkrise, wie sie viele Menschen erfahren, wenn sie erst die Nahziele Ihrer Existenz- und Familiengründung erreicht haben. Die unerfüllten Träume, Phantasien, Begehren nach Unerreichbarem, machen sich in solchen Krisen bemerkbar. Das, was nicht erreicht werden kann, wird zum Phantom, das alle anderen Bereiche überlagert. Überschwemmende Gefühle beherrschen das Leben, führen zu Identitätskrisen,– ja, zuletzt ist deutlich spürbar, dass Hajime zur Sicherheit seines Lebens in die Ehe mit seiner Frau und zu seinen Töchtern zurückstrebt. Ein leicht trauriger, melancholischer, vielleicht sogar depressiver Hajime bleibt am Ende übrig. Das Zusteuern auf eine Lebensmitte mit Sinnkrise wird von Haruki Murakami sehr gut in seinem Roman herausgearbeitet. So kann das Leben sein, wenn man wirklich erwachsen geworden ist!

Das Buch ist leicht und unterhaltsam geschrieben. Man findet sich gut und schnell hinein. Es bleibt die Frage,ob es wirklich lesenswert ist. (Claudine Borries)

Titel: Gefährliche Geliebte
Autor: Haruki Murakami, Ditte Bandini, Giovanni Bandini
Verlag: DuMont
Seiten: 230
ISBN: 3770147812

Die Schattenkönigin

Erstellt am: September 21st, 2007

Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2000

Assia Djebar gilt als die bedeutendste Autorin des Maghreb.

In ihrem Buch “Die Schattenkönigin“ beschreibt sie in einer ungeheuer phantasievollen und poetischen Sprache vielschichtig und hintergründig das Dasein algerischer Frauen, die in der islamischen Gesellschaft verhaftet sind.

In einer quasi Doppelexistenz entwirft Assia Djebar das Bild der Ehe von zwei Frauen ,die beide mit dem gleichen Mann verheiratet sind. Die eine, Isma, ist emanzipiert, westlich erzogen und westlich orientiert im Denken; die andere, Hajila, ist in den Traditionen einer strengen Auffassung von Sitte, Ehre, Kodex und Ritualen aufgewachsen, die den Mann zum Gebieter hat und zum Dasein als Sklavin erzogen wurde. Beide Figuren scheinen zuweilen ineinander zu verschwimmen.

Auch die emanzipierte Isma hat in ihren Gefühlen Erinnerungen an die Vergangenheit und die Verschwisterung der Frauen im gemeinsamen Schicksal , dem Harem , in dem man unter sich nur frei war, fern jedoch von einer westlichen Freiheit in Lebensform, Denken und Handeln.

Isma konnte ihren Mann verlassen und hat ihm eine Gefährtin gesucht, die die Kinder erziehen und sich um den Haushalt kümmern sollte. Dass sie sich damit schuldig gemacht hat, schuldig am Schicksal dieser zweiten Frau, durchzieht gleichsam als roter Faden das gesamte Buch.

Im Erkennen dieser Schuld sucht sie in einer Art Verschwörung schließlich der zweiten Frau Wege zur Freiheit aufzuzeigen.

Die Geschichte endet tragisch,– wie könnte es anders sein!

Es ist eine wunderschöne Erzählung, die einem die Vergangenheit und auch wohl noch Gegenwart vieler Frauen in einer islamischen Welt nahe bringt. Diese Welt birgt Zauber und Reize, aber um den Preis der totalen Unterwerfung der Frauen in einer von Männern dominierten Welt.

Es wird dem Leser bewusst, daß die Überwindung dieser Vergangenheit nur mit vielen Brüchen und Leiden erkauft werden kann und, dass nur ein langer, zäher Kampf der Frauen ihnen selber Freiheit zu bringen vermag und den Männern die Chance, in Partnerschaft und Gleichberechtigung eine neue Form des Glücks zu finden.

Gleichwohl ist der Verlust der alten Traditionen mehr noch für Männer mit schmerzlichen Verlusten verbunden: der der Sicherheit, der Ordnung und der Geborgenheit. Männer aber finden in dieser Erzählung nur am Rande Erwähnung: in ihrem Dasein als Geliebter , Ehemann, oder Vater.

Es geht Assia Djebar nur um die Frauen und sie versteht es, ein an Bildern reiches inneres und äußeres Leben dieser Frauen zu entwerfen.

Ein nachdenklich stimmendes Buch ,das in seiner bilderreichen Sprache einen ausgesprochenen Lesegenuss verspricht. (Claudine Borries)

Titel: Die Schattenkönigin
Autor: Assia Djebar
Verlag: Unionsverlag Zürich
Seiten: 213
ISBN: 3293200117

Stierkampf

Erstellt am: September 16th, 2007

A.L. Kennedy beschließt, sich umzubringen. Sie hat Kummer, ist traurig und meint, dass sie nicht mehr schreiben könne.Ihre Wohnung ist ihr zu groß geworden. Sie braucht ja kein Arbeitszimmer mehr, und andere könnten mehr damit anfangen. Als sie eine unsägliche Melodie aus ihrer Schulzeit ,Mhairis Wedding, aus der Ferne herüberklingen hört, kann sie ihr Vorhaben zum Selbstmord nicht ausführen. Es kommt ihr unmöglich vor, mit so einer banalen Melodie im Ohr zu sterben.

So beginnt in schnellem Tempo, mit Witz, Sarkasmus und einer Portion distanzierender Ironie die Geschichte über Kennedys neuen Versuch, ein Buch zu schreiben. Sie bekommt den Auftrag, ein Buch über den Stierkampf zu schreiben. Sie will sich und anderen beweisen, dass sie noch schreiben kann. Und sie kann es !

Nicht wie Papa Hemingway geht sie das Thema an; nein, sie informiert erst einmal über die Bedeutung des Stiers in der Sagen- und Götterwelt. Und sie fährt nach Spanien, um sich in die Welt Spaniens einzustimmen. Ihr dichterisches Vorbild ist Federico Garcia Lorca, ein Dichter, Dramatiker und Märtyrer des spanischen Bürgerkriegs. Kennedys politisches Herz schlägt unverkennbar links.

Sie lernt den Begriff “duende” verstehen, womit das Dunkle, Untergründige in der Kunst genauso gemeint ist wie die Verehrung des Todes und der Toten. Von Lorca selbst wird dieses duende als typisch spanisch bezeichnet.

Der Stierkämpfer riskiert den Tod , um zu leben. Und Kennedy zieht eine Parallele zur Schriftstellerei mit diesem risikoreichen Lebensstil. Schreiben , um zu leben,–mehr noch, weil es dem leben Sinn gibt ,als weil man davon leben muss.

Dass Leben und Tod , Kampf , Sieg oder Niederlage , dicht beieinander liegen, das macht den Reiz des Stierkampfes aus und ist eine Parabel gleichsam auf das Leben. Sie beschreibt ausführlich, welche Rituale zum Kampf gehören, welche Bedeutung Glaube und Verzweiflung für den Ausgang des Kampfes haben können.

Rituale , die Gefühle ausdrücken, bestimmen den Ablauf des Stierkampfes. Glücksgefühle und in schneller Folge der Tod sind Bestandteile des Kampfes.

Nach den ersten so fesselnden Kapiteln fällt die Geschichte nach meiner Meinung insofern etwas ab, als die detailgenaue Beschreibung des Stierkampfes einen zu breiten Raum einnimmt.

Sowohl Aufzucht, Herkunft und Wesensart der verschiedenen Stierzuchtarten werden beschrieben ,als auch , durchaus sozialkritisch, Herkunft , Glamour, schnell verdientes Geld und Luxus der Toreros. Es gibt ausdauernde Schilderungen der Kämpfe selbst, die nach Meinung der Autorin zuweilen in unwürdige Schlachtereien ausarten.

So gliedert sich das Buch in drei Teile: einen persönlichen, der unverkennbar eine moderne Form von Pragmatismus, schwarzem Humor , Witz und unsentimentalem Ernst verspüren läßt. Einen mittleren Teil, in dem uns über Spanien und die Geschichte des Stierkampfes berichtet wird. Und in einem letzten Teil werden die visuellen Betrachtungen der Stierkämpfe beschrieben, die eigentlich nur für solche Leser bedeutsam sein können, die sich für den Mythos Stierkampf interessieren. Wobei diese realen Stierkämpfe mit den hässlichen Begleiterscheinungen der Tierquälerei nicht mehr den zuvor beschriebenen idealisierten, ästhetischen Vorstellungen von einem Stierkampf entsprechen.

Ohne Zweifel ist Kennedy eine hochsensibel beobachtende Berichterstatterin, die geistreich, mit tiefer Menschenkenntnis und mit unmittelbarer, selten klarer Einsicht und Ehrlichkeit über sich selbst und die Welt schreibt. Trotz der zuweilen nüchternen Distanz lassen ihre Gedanken Leidenschaft und mitmenschliche Hingabe erkennen.

Stierkampf ist ein bemerkenswertes Buch, das den Leser nachdenklich zurücklässt. (Claudine Borries)

Titel: Stierkampf
Autor: A.L.Kennedy
Verlag: Klaus Wagenbach Verlag
Seiten: 157
ISBN: 3 8031 3157 x

Triage

Erstellt am: September 16th, 2007

Der Kriegsberichterstatter Mark wird in Kurdistan verletzt und kehrt nach New York zurück. Dortige gesundheitliche Probleme stellen sich bald als Folgeerscheinung einen psychischen Traumas heraus. Der etwas zwielichtige Großvater seiner Lebensgefährtin bietet ihm unkonventionelle Hilfe an. Doch seine Freundin sträubt sich dagegen, weil sie jeden Kontakt mit ihm wegen einer Vergangenheit im faschistischen Spanien abgebrochen hat, und sie fürchtet, dass er versucht sich auf diese Art wieder in ihr Leben zu drängen. Mark jedoch gefällt seine Methode, sein Trauma zu beseitigen, und er will es damit versuchen.

Der Autor war selbst erfolgreicher Kriegsberichterstatter und kennt daher die Materie, über die er in seinem Debütroman schreibt. Obwohl die Erlebnisse der Hauptfigur in den Krisenregionen nur eine Nebenrolle spielen und es hauptsächlich um die innere Befindlichkeiten der drei Protagonisten und ihrer Beziehungen zueinander geht.

Ein eher ruhiges Buch mit kurzen, dann aber sehr dramatischen Einschüben wenn Erlebnisse aus dem Berufsleben der Hauptfigur erzählt werden.

Kritik wurde geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von www.buchkritik.at

Titel: Triage
Autor: Scott Anderson
Verlag: Alexander Fest Verlag
Seiten: 287
ISBN: 3828600344

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