Vaters Stolz

Erstellt am: Oktober 12th, 2007

Bridget, die erfolgreich als Dolmetscherin tätig ist, und ihre fast zehn Jahre ältere Freundin Diana, die für einen Fernsehsender arbeitet, bewohnen gemeinsam eine komfortable Wohnung im Acorn House, einer umgebauten Villa im viktorianischen Stil. Dass auch Alistair – Dianas Freund, Vater des Kindes, das sie sich zu bekommen bemüht und ‘Spezialist in der Kunst, alles nur noch schlimmer zu machen’ – immer häufiger zu Besuch ist, wirkt sich zwar auf die bewohnbaren Quadratmeter aus, nicht jedoch auf die Miete. Deshalb beschließen die Freundinnen, ein Zimmer an einen zahlenden Logis-Gast zu vermieten.

Auf ihr Inserat hin meldet sich Norah Payne, die nach 19-jähriger Ehe ihren Mann Mervyn – sehr reich, sehr intellektuell, sehr angesehen in seinem Job als Psychiater und sehr darauf aus, seine Gattin als verrückt abzustempeln – fluchtartig verlassen hat. Dass der eigentliche Grund für die Ehe-Krise Christopher heißt und der 18-jährige Sohn beider ist, unterschlägt sie zunächst, als sie im Acorn House um eine Bleibe bittet.

Als Bridget ihre Eltern besuchen fährt und Diana mit Norah allein in der Wohnung ist, wird ihr die neue rätselhafte Mitbewohnern so unheimlich, dass sie ihre Freundin Bridget um eine sofortige Rückkehr bittet. Kurz darauf weiht Norah ihre Vermieterinnen in die haarsträubenden Geheimnisse ihrer Familie ein.

Natürlich geht es in Celia Fremlins Kriminalroman “Vaters Stolz” um einen Mord und um einen Mordversuch, doch wie so oft in ihren Büchern rückt das Entsetzen beim Leser ob dieser Gewalttaten in den Hintergrund. Denn noch grausamer sind ihre detailversessenen Beobachtungen scheinbarer Nebensächlichkeiten und zwischenmenschlicher Abgründe, die sie packend, intelligent, ironisch und voller Komik in die Handlung integriert.

Celia Fremlin, die als Klassikerin unter den englischen Krimi-Schriftstellern gilt, wurde 1914 in Kingsbury/England geboren und lebt heute in London. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter sowie einen Sohn. Celia Fremlin studierte in Oxford klassische Philologie und Philosophie und veröffentlichte erst mit 44 Jahren ihren ersten Roman “Die Stunden vor Morgengrauen”, der ihr mit dem “Edgar” prompt die renommierteste amerikanische Krimi-Auszeichnung bescherte. (Ensa Maurer)

Titel: Vaters Stolz
Autor: Celia Fremlin
Verlag: Diogenes
Seiten: 244
ISBN: 3257231618

Aus dem Lot

Erstellt am: Oktober 12th, 2007

Eine junge Studentin wird mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen auf die Intensivstation eingeliefert. Ihre Verletzungen sind so gravierend, dass sie nicht aus dem Koma erwacht. Ein halbes Jahr liegt sie bereits im Koma, als die Stationsärztin feststellt, dass die Patientin in der 13.Woche schwanger ist. Ein Notzuchtverbrechen unter den Bedingungen der lückenlosen Überwachung auf einer Intensivstation scheint ausgeschlossen, dennoch hat jemand die bewusstlose Frau geschwängert. Die Stationsärztin setzt alles in Bewegung, dass die komatöse Schwangere ihr Kind austragen darf. Dies geschieht jedoch nicht ganz uneigennützig, denn die Schwangere wird zum wissenschaftlichen Objekt der ehrgeizigen Ärztin. Dr. Templer der leitende Stationsarzt wird von der Klinikleitung beauftragt, sich mit den Journalisten auseinander zusetzen. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als dieses Experiment, das er mit großer Skepsis betrachtet, mit zu tragen und nach außen zu vertreten. Die Kriminalpolizei wird eingeschaltet und dringt in den Mikrokosmos der Intensivstation ein. Unter Mithilfe Dr. Templers gelingt es Ihnen die fast perfekte Tarnung des Täters aufzudecken. Während eines Italienurlaubs des Oberarztes findet die Polizei den letzten Mosaikstein, der zur Lösung des Verbrechens noch fehlt und verhaftet den Täter.

Genau betrachtet ist dieses Buch ein Arztroman. Dennoch ist es so spannend wie ein Krimi. Ziel de Buches ist es, die moralisch-ethischen Grenzen in der modernen medizinischen Wissenschaft aufzuwerfen.

Der Autor Heinz-Christian Wilkens, Arzt und Psychotherapeut arbeitet, seit über zehn Jahren als Zeitschriften- und Buchautor. Nach meinem Medizinstudium leitete er selbst eine Intensivstation und lernte so die medizinischen und zwischenmenschlichen Probleme, von denen sein Roman “Aus dem Lot” berichtet, vor Ort kennen. (Silvia Dunker)

Titel: Aus dem Lot
Autor: Heinz-Christian Wilkens
Verlag: Hauschild Verlag
Seiten: 408
ISBN: 3897570580

Abgehängt

Erstellt am: Oktober 12th, 2007

‘Der Unterschied zwischen Angst und Entsetzen ist, dass Entsetzen von vorn kommt, während die Angst den Rücken hoch ins Genick schleicht’.

Im Falle der Schriftstellerin in Birgit Vanderbekes neuesten Roman “abgehängt”, ist es das Telefon, das für Angst sorgt, seit ein anonymer Anrufer sie mit sonorer Stimme aber wenig wohlklingenden Beschimpfungen à la ‘Du Sau’ und Verwünschungen à la ‘So was wie euch, das gehört ausgerottet’ belästigt. Oberflächlich betracht geht ihr Alltag davon unbeeindruckt weiter: sie trifft sich mit Meyer-Bromberger, ihrem Manager, in einer Sushi-Bar, kümmert sich um ihre Tochter Simmy und deren Vision, bei einer TV-Quiz-Show zur Millionärin zu werden, nimmt sich der eingehenden Post an und telefoniert mit Serge, ihrem Mann, der mit seinen Musiker-Kollegen auf Tour ist. Innerlich jedoch hat die Unruhe von ihr längst Besitz ergriffen: sie fühlt sich beobachtet und schließt nicht aus, dass es jemand auf sie oder gar ihre Familie abgesehen hat. So wie es damals jemand auf Eddie, den begnadeten Violinisten, abgesehen hatte, der ganz plötzlich tot war.

In “abgehängt” erzählt Birgit Vanderbeke von einer Frau, deren Leben in Konfusion gerät, und von ihren Bemühungen, nichtsdestotrotz Normalität und Gelassenheit zu wahren. Sie tut das mit tiefsinniger Leichtigkeit, voller Wortwitz und mit der ihr eigenen bestechend lapidaren Logik, die sich in Sätzen wie ‘Auf dem Weg zur U-Bahnstation wurde die Ampel eine Ewigkeit nicht grün; davon wiederum wurden die Einkaufstüten nicht leichter.’ oder ‘Zu den Dingen, die ich nicht ausstehen kann, gehört es, wenn ich weiß, wie es weitergeht, aber je älter ich werde, umso öfter weiß ich, wie es weitergeht, auch wenn ich es gar nicht wissen will.’ manifestiert.

Birgit Vanderbeke wurde 1956 in Dahme/Mark geboren und lebt heute in Südfrankreich. Für ihre erste Erzählung “Das Muschelessen” wurde sie 1990 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis dekoriert und 1999 für ihr erzählerisches Gesamtwerk mit dem Solothurner Literaturpreis. Von der hochgelobten Autorin stammen so erfolgreiche Titel wie “Ich will meinen Mord”, “Alberta empfängt einen Liebhaber” und “Ich sehe was, was Du nicht siehst”. (Ensa Maurer)

Titel: Abgehängt
Autor: Birgit Vanderbeke
Verlag: S. Fischer
Seiten: 128
ISBN: 3100870204

Anonymus

Erstellt am: Oktober 12th, 2007

Hinter Carl “Granny” Granville liegt eine von Misserfolgen dominierte Woche: die Mets hatten das dritte Spiel in Folge verloren, das New York Magazine hatte einen ihm zuvor versprochenen Auftrag einem anderen Autor vermacht, sein Vater hatte ihm wieder mal vorgeworfen, er würde sein Leben verplempern, und Betty Slater, eine der wenigen, die noch an seine schriftstellerischen Fähigkeiten glaubte, lag im offenen Sarg vor ihm. Es konnte also nur noch besser werden.

Und – es wurde besser, denn nicht nur Amanda Mays, Carls Ex-Freundin, war gekommen, um von Betty Slater Abschied zu nehmen, sondern auch Maggie Peterson, die erfolgreichste New Yorker Verlegerin. Nur wenige Stunden später hat Carl Granville nicht nicht nur den Auftrag in der Tasche, für sie einen Bestseller als Ghostwriter zu schreiben und über das Projekt “Gideon” absolutes Stillschweigen zu bewahren, sondern auch eine Honoraranzahlung von 50.000 Dollar. Wieder in seinem Appartment angekommen, wird Carl bereits von einem Boten erwartet, der sich ihm als Harry Wagner vorstellt und erste Materialien für das Buch präsentiert: Fotokopien von Dokumenten, handschriftlichen Briefen, alten Zeitungsausschnitten und Tagebuchaufzeichnungen – allesamt mit geschwärzten Namens- und Ortsangaben.

Die Brisanz des Inhalts erschließt sich ihm freilich nicht auf Anhieb, doch als Maggie Peterson ermordet aufgefunden wird, wird seine Ahnung, an einer Geschichte mit immensem Sprengstoff zu arbeiten, zur Gewissheit. Dass die Polizei ihn für den Mörder der Verlegerin hält und er zudem von einem Profi-Killer gejagt wird, macht es ihm wahrlich nicht leichter, eine Antwort auf die alles entscheidende Frage zu finden: Wer ist der Junge, der in den fünfziger Jahren in Arkansas aufwuchs und als Elfjähriger seinen kleinen Bruder mit einem Kissen erstickte?

Mit “Anonymus” gelang Russell Andrews ein meisterhafter Thriller, der keinerlei Schwächen zeigt. Die Spannung des Plots, die er mit einer äußerst sympathischen Darstellung seines Helden und dessen fragiler Liebesgeschichte, bestechenden Charakteren, witzigen Dialogen und Zutaten wie Intrigen, Macht sowie einem explosiven Geheimnis garniert, hält sich bis zur letzten Seite und damit den Leser in Atem.

“Anonymus” entstammt der Feder eines mit zahlreichen Literaturpreisen dekorierten Autors und erfolgreichen Drehbuch-Schreibers, der diesen Thriller unter dem Pseudonym Russell Andrews veröffentlichte. (Ensa Maurer)

Titel: Anonymus
Autor: Russell Andrews
Verlag: Rütten & Loening
Seiten: 450
ISBN: 3352005710

Die Informanten

Erstellt am: Oktober 12th, 2007

Mit „Die Informanten“ legte Bret Easton Ellis seinen vierten Roman vor. Für seinen Bestseller „American Psycho“ zerrissen ihn die Kritiker und die etablierte Öffentlichkeit warf ihm Gewaltverherrlichung vor. Dabei tut er alles andere als das: Bret Easton Ellis ist ein Moralist par excellence. Mit scharfem Blick legt er die Wunden der westlichen Gesellschaft bloß und statt den Zeigefinger zu heben, streut er Salz hinein. Bret Easton Ellis beobachtet und schreibt. Diese distanzierte Haltung des ungerührten Außenseiters kreidete man ihm an als obszön, unmoralisch und kriminell. Nun gut, in „American Psycho“ war sein Protagonist ein Massenmörder. Aber der Gestus ist topisch: von Anbeginn des epischen Genres zieht der homo viator durch die Literatur, der Wanderer, der als unbeteiligter Beobachter ein Geschehen beschreibt, das sich vor seinen Augen abspielt. Magsein, dass seine Kritiker in „American Psycho“ Autor und Erzähler miteinander verwechselten, weil er die 1. Person wählte, um den Roman zu erzählen. Aber schon lange vor Bret Easton Ellis widerfuhr einem anderen Satiriker dasselbe Schicksal. Im 17. Jahrhundert wurde Jonathan Swift angefeindet, als er in seinem Traktat „A Modest Proposal …“ – zu deutsch: „Ein bescheidener Vorschlag …“ die unmenschlichen Lebensumstände im zeitgenössischen Irland beschrieb und als Lösung vorschlug, die Iren sollten ihre Kinder zum Verzehr freigeben. Das würde zum einen den Markt beleben, zum andern die ständige Lebensmittelknappheit beheben und zum dritten die Übervölkerung eindämmen. Swifts Kritiker übersahen die Ironiesignale, missverstanden die Kritik und nahmen die Satire für bare Münze. Man warf ihm allen Ernstes vor, er leiste dem Kannibalismus Vorschub. Dabei bediente der Autor sich lediglich der Gattung der bösartigen juvenalischen Satire, die einen Missstand bis zum Äußersten geißelt.

So auch Bret Easton Ellis. In „American Psycho“ verursachen seine Gewaltdarstellungen dem Leser Übelkeit. Minutiös beschreibt er die bestialischsten Foltern, mit denen sein Protagonist, ein Massenmörder, seine Opfer quält. Von Verherrlichung kann dabei keine Rede sein. Der Autor konfrontiert seine Leser mit Exzessen, die dieser nur schwer verkraftet, zumal er sich noch kurz zuvor mit dem Unhold identifizierte. Was ist also leichter, als den Boten für die Nachricht zu hängen? Auch in „Die Informanten“ bietet Bret Easton Ellis Sex and Crime zur Genüge. Er beschreibt eine Gesellschaft von Yuppies, in der sich menschliche Beziehungen nur noch an der Oberfläche abspielen. Thema seiner Romane ist die Beziehungslosigkeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Wahrnehmungsart, die dem entspricht, ist „Camp“. Der Begriff, der zuerst in der amerikanischen Homosexuellenszene auftauchte, umschreibt ein flüchtiges Wahrnehmen, das stete Kratzen an der Oberfläche, ohne jemals tiefer zu schürfen. Früher hätte man dies „Dekadenz“ genannt.

Bret Easton Ellis zwingt seinem Leser diese Betrachtungsart geradezu auf, er macht ihn quasi zum Komplizen, indem er seinen Erzähler so weit wie möglich zurücknimmt und die szenische Darstellungsart bevorzugt. Figurenrede und Stychomythie bestimmen diesen kargen Stil, dessen Sachlichkeit so im Widerspruch steht zum teils gewalttätigen, teils obszönen Inhalt. Aber gerade dieses Paradox sollte zu denken geben. Denn Bret Easton Ellis hält seiner – unserer – Gesellschaft einen Spiegel vor, der nur zeigen kann, was ist, ohne einen Kommentar zu liefern. Dieser Fähigkeit entbehrt ein Spiegel nun einmal.

In „Die Informanten“ gibt Bret Easton Ellis das Zerrbild einer Gesellschaft wider, die dem Fetisch Jugend nachjagt und deren Wertelosigkeit auch durch Sex, Drogen, Gewalt oder Luxus nicht mehr kompensiert wird. Als klar wird, dass seine Hauptfiguren einem Clan von Vampiren angehören, schockiert dies nicht mehr. Angesichts der korrupten Oberflächlichkeit, die der Autor bisher zeigte, ist dies eher der harmlose Teil des Romans, auch wenn Bret Easton Ellis statt des aristokratischen Schattenwesens, das ein Christopher Lee darstellte, eher das blutsaugende Schreckgespenst eines Friedrich Murnau wiederbelebt. Wie Nosferatu zerfetzen Bret Easton Ellis’ Vampire ihre Opfer, reißen ihnen die Arme aus und die Kehlen auf, um ihr Blut zu trinken, häuten sie am Ende sogar in einer Orgie sinnloser Gewalt. Bret Easton Ellis zeigt nicht den romantischen Todeskuss eines Grafen Dracula. Bei ihm ist Vampirismus nichts als blutrünstiger Hardcore-Sex, der ein Verlangen stillen soll, das unstillbar ist.

„Die Informanten“ hat nicht einen Protagonisten, sondern deren gleich mehrere. Die einzelnen Kapitel könnte man als in sich abgeschlossene Kurzgeschichten betrachten, wären sie nicht durch ständige Querverweise miteinander verbunden, so dass sich insgesamt vielleicht nicht ein stimmiger plot, wohl aber ein gleichbleibendes Szenario ergibt. Die Austauschbarkeit der Menschen, die in „American Psycho“ noch durch die ständige Verwechslung der Namen angedeutet wurde, wird in „Die Informanten“ einen Schritt weiter getrieben. Mehrere unterschiedliche Erzähler wenden sich an den Leser. Dieser hat Mühe, sie auseinander zuhalten. Bret Easton Ellis montiert Passagen und Episoden zu einem Ganzen, das ohne logische Zusammenhänge auskommt, die Kausalität mitunter aufbricht. Man mag den Autor für postmodern halten. Der sachliche Stil und die Neon- und Glamour-Atmosphäre tragen dazu bei, diesen Eindruck zu erwecken. Aber er ist es nicht.

Die Welt, die Bret Easton Ellis erstehen lässt, ist künstlich, korrupt, eine Orgie aus Gewalt, Zerfall und Verwesung, mit einem Wort: barock. Seine Figuren tanzen einen Totentanz und seine Erzähler tanzen mit. Sie bejahen diese Welt, weil sie ein Teil von ihr sind. Anders der Autor. Der Moralist verzichtet darauf, die Botschaft eines Andreas Gryphius in Worte zu fassen: „Es ist alles ganz eitel.“ Statt dessen zeigt er uns Bilder, die zugleich anziehen und abstoßen. Sein Ausdrucksmittel ist die Ironie. Hier entsteht sie durch einen übersteigerten Realismus, der in die Karikatur mündet. Das phantastische Element, das mit dem Vampirmotiv in den Roman eindringt, wäre nicht notwendig, um den kargen plot am Leben zu erhalten. Als Ironiesignal aber ist es unverzichtbar. Geschickt setzt der Autor Stil und Form ein, um eine Aussage zu treffen, die der äußeren Handlung des Romans widerspricht. „Die Informanten“ ist kein phantastischer Roman, auch wenn er Elemente der Phantastik enthält. Es ist ein zutiefst sozialkritisches Buch, das einen ganzen „lifestyle“ als absurd entlarvt.

Bret Easton Ellis beschreibt nun einmal nicht das L.A. der 80er Jahre – „kaum vergangen, aber schon sonderbar entfernt“, wie der Klappentext merkwürdigerweise ausweist, sondern er entwirft ein Bild der gesamten westlichen Kultur – einer wertelosen Gesellschaft. Das ist der wahre Horror, den der Roman zeigt. (Alexander Amberg)

Titel: Die Informanten
Autor: Bret Easton Ellis
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 257
ISBN: 3462024531

Die Sünderin

Erstellt am: Oktober 11th, 2007

Die Mittzwanzigerin Cora Bender hat alles, was auf den ersten Blick zum Glücklichsein entschieden beiträgt – ihren Mann Gereon, ein gemeinsames Kind und einen verantwortungsvollen Job im Familienbetrieb ihrer Schwiegereltern. Erst auf den zweiten Blick und bei genauerem Hinsehen entdeckt man Cora Benders Narben, die auf Begegnungen mit düsteren Rivalen des Glücks hindeuten – eine verunziert ihre Stirn und etliche ihre Armbeugen.

Doch es sind nicht nur die äußerlichen Verletzungen, die sie geschickt kaschiert, sondern auch die Qualen, die ihre Seele erlitten hat. Nur manchmal – wenn Gereon mit unschöner Regelmäßigkeit auf Ausübung seiner ehelichen Pflichten beharrt und Cora sich dem aus Dankbarkeit und Ergebenheit fügt – geben sie ihr Schatten-Dasein auf und werden offensichtlich, schwer bezähmbar. An einem heißen Sommernachmittag, den Cora mit Mann und Kind am Otto-Maigler-See verbringt, rächt sich das dunkle Kapitel ihres Lebens mit aller Macht, bricht aus ihr jäh hervor und treibt sie dazu, mit einem Obstmesser auf einen Mann einzustechen, der den furiosen Angriff nicht überlebt.

Als wenig später die Polizei am Tatort eintrifft und sie festnimmt, legen sich noch nie empfundene Gefühle inneren Friedens balsamisch auf die inneren Wunden der Mörderin. Sie ist geständig. Der Fall ist klar – nicht jedoch für Hauptkommissar Rudolf Grovian, dessen beherzte Ermittlungen den Hintergründen für die Wahnsinnstat immer näher kommen.

Beinahe sachlich und distanziert, jedoch zugleich mit großem Einfühlvermögen schildert Petra Hammesfahr die Geschehnisse in ihrem Roman “Die Sünderin”. Dramaturgisch brillant zeichnet sie zunächst für ihre Leser ein scheinbar schlüssiges, einfach strukturiertes Persönlichkeitsbild der Protagonistin und lässt es im Zuge von Grovians Nachforschungen immer brüchiger und irritierender werden. Zusammen mit dem engagierten Kommissar, der nur auf ungewöhnlichen Wegen an die Wahrheit gelangt, taucht man stetig tiefer in die Psyche der Täterin – immer im Glauben, sich dem Motiv zusehends zu nähern. “Die Sünderin” ist ein ebenso beeindruckender wie bedrückender, intelligenter wie bis zur letzten Seite spannender Kriminalroman.

Petra Hammesfahr, die sich mit ihren Romanen “Der Puppengräber” und “Die Mutter” in die Bestseller-Listen schrieb, wurde 1951 geboren. Sie lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin (“Der stille Herr Genardy”) in Kerpen bei Köln. (Ensa Maurer)

Titel: Die Sünderin
Autor: Petra Hammesfahr
Verlag: Rowohl Verlag
Seiten: 442
ISBN: 3499227554

Der Leuchtturmmörder

Erstellt am: Oktober 11th, 2007

Nur fern von den Menschen fühlt Geoffroy Lefayen sich menschlich. Als Konsequenz aus dieser Selbsterkenntnis geht er zunächst zur See und wird später Leuchtturmwärter. So landet er auf der Leuchtturminsel Cordouan, die eine Bootsstunde von der französischen Küste entfernt liegt und den – wie er in Reisebroschüren beworben wird – “König der Leuchttürme” beherbergt.

Sein Flehen, dass keine Menschenseele seinen dortigen, für ein halbes Jahr geplanten Einsatz stören möge, wird freilich nur kurzfristig erhört. Nicht mal einen Monat lang kann Geoffroy sein Einsiedler-Dasein genießen, als Kathleen und Steven, die auf Cordouan heiraten wollen, die Insel erreichen – und bleiben: dank Geoffroys Geschick als Präparator zu totem Leben, lebenden Toten erweckt und für die Ewigkeit vermählt. Wochen später kündigt das Wasser- und Schifffahrtsamt erneut einen Besucher an, doch es kommt kein Ingenieur, sondern die Ingenieurin Lise, zu der Geoffroy sofort eine tiefe Zuneigung verspürt, die ihn wortlos zu verstehen scheint und sich voller Begeisterung für seine Tier-Präparate zeigt. Erst ihr gelingt es, Geoffroy vom Fluch des Leuchtturms zu befreien.

Brillant spielt Vincent de Swarte in seinem Roman “Der Leuchtturmmörder” mit den Gefühlen der arglosen Leser. Unweigerlich zerrt er sie in den Wahnsinn seines liebenswürdigen, mordenden Protagonisten, dessen Psyche er detailliert offenlegt, und stürzt sie in ein emotionales Wechselbad aus Mitgefühl und Fassungslosigkeit, dem man sich nicht entziehen kann.

Vincent de Swarte, 1963 geboren und heute in Paris lebend, studierte in Bordeaux, arbeitete danach einige Jahre lang als Werbetexter und hat zwei Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Mit “Der Leuchtturmmörder” legte er ein fulminantes Debüt als Roman-Autor hin und wurde für das Psychogramm seines Serientäters wider Willen vom französischen Verband der Psychiater mit dem “Prix Charles Brisset” ausgezeichnet. (Ensa Maurer)

Titel: Der Leuchtturmmörder
Autor: Vincent de Swarte
Verlag: Suhrkamp Taschenbuch
Seiten: 142
ISBN: 3518396250

Auf dem Weg nach oben

Erstellt am: Oktober 11th, 2007

Seit einigen Jahren mischt in der literarischen Krimiszene eine farbige Privatdetektivin mit. Nachdem vier von ihr erfolgreich gelöste Fälle auch bei uns in der Bundesrepublik bekannt geworden sind, hat sie die besten Aussichten, zur Kulturfigur aufzusteigen. Es ist die sympathische Tamara Hayle, Ex-Polizistin, Anfang 30, geschieden und alleinerziehende Mutter eines heranwachsenden Sohnes namens Jamal. Sie ist energisch, lebenstüchtig, warmherzig und humorvoll und entsprang der Fantasie der amerikanischen Schriftstellerin Valerie Wilson Wesley.

Gewöhnlich kommen Leute zu Tamara, weil ihnen von den Behörden Unrecht getan wurde und sie kein Geld haben, sich an andere Stellen zu wenden. Doch diesmal verspricht der Auftrag, mehr Gewinn abzuwerfen, denn er kommt von Mandy Magic, dem bekannten Radiostar von Essex County. Ihre Mitternachtssendung “The Magic Hours”, die aus einer Mischung von Klatsch, verrückten Bekenntnissen und gesundem Menschenverstand besteht, ist in drei Staaten die beliebteste Talk-Show. Jetzt allerdings ist Mandy arg in Bedrängnis. Fand sie doch vor ihrem Büro einen anonymen Zettel mit nur drei Worten: “Movin’on up”, “auf dem Weg nach oben”. Außerdem war kurz zuvor ihr Friseur Tyrone Mason im Lotus Park erstochen worden. Tamara, die wie Mandy im Mietskasernenviertel von Newark, New Jersey, aufgewachsen ist und keine glückliche Kindheit hatte, merkt recht bald, dass Mandy nicht mit der vollen Wahrheit herausrückt, die irgendwie mit ihrer Vergangenheit zusammenhängt. Sie nimmt die Vertrauten von Mandy genau unter die Lupe: die Adoptivtochter Taniqua, ihren Berater Kenton Daniels III. – er ist der Sohn eines Arztes aus wohlhabender Familie- , Rufus Greene, ihren einstigen Zuhälter und Vater ihrer Adoptivtochter, sowie ihre Freundin und Sekretärin Pauline Reese, Mandy Magics “graue Eminenz”.

Sie fragt sie alle gründlich aus und stellt auch Mandy nochmals zur Rede. So erfährt sie nach und nach, dass Mandy in ihrer frühen Jugend auf den Strich gegangen war, dass Tyrone sie damit erpresste und dass der reiche Besitzer eines Senders, ein älterer Herr, sie gefördert und ihren Aufstieg ermöglicht hat – natürlich nicht ohne entsprechende Gegenleistungen. Tamara hat alle, die mit Mandy tagtäglich zu tun haben, in Verdacht. Als zwei von ihnen ermordet werden, Pauline und Kenton, bleibt nur noch Taniqua übrig. Vieles spricht gegen sie. Aber zur großen Überraschung von Tamara und sicher auch des pfiffigsten Krimilesers entpuppt sich eine unscheinbare Nebenfigur als der gesuchte Übeltäter mit einer entsprechenden tragischen Vorgeschichte, in der Mandy eine Hauptrolle spielt und von der Tamara erst erfährt, als es für Mandy beinahe zu spät ist.

Tamara fällt, nachdem der Fall gelöst ist, in tiefe Depression. Wie gut, dass ihr alter Freund Jake Richards zur Stelle ist, der sie tröstet und sie darauf hinweist, dass das Leben eben vielschichtig ist, nicht nur schwarz und weiß, und dass man auch die Grautöne verstehen müsse.

Valerie Wilson Wesley erzählt plastisch und farbig, spart nicht mit originellen Vergleichen und lässt ihre Protagonistin Tamara in einer unverblümten Sprache denken und reden. Die logisch aufgebaute, mit viel Lokalkolorit und sozialkritischen Untertönen angereicherte Geschichte ist spannend bis zur letzten Seite. Man liest sie mit wachsendem Vergnügen, Großartig ist auch die Darstellung der einzelnen Charaktere. (Ursula Homann)

Titel: Auf dem Weg nach oben
Autor: Valerie Wilson Wesley
Verlag: Diogenes
Seiten: 268
ISBN: 3257062559

Letale Dosis

Erstellt am: Oktober 10th, 2007

Dr. Hans Rosenzweig lebt mit seiner Frau Marianne und den beiden Söhnen Aaron und Joseph in einem schmucken Eigenheim am Frankfurter Stadtrand. Er leitet mit einem Kompagnon eine lukrative Unternehmensberatung und berät überdies den Regionshirten der “Kirche des Elohim”. Außerdem ist er jedoch, und das wird ihm schließlich zum Verhängnis, Diabetiker. Statt des lebensnotwendigen Insulins injiziert er sich am Abend des 14. Juni ein todbringendes, exotisches Gift. Selbstmord oder Mord?

Hauptkommissarin Julia Durant, die die Ermittlungen übernimmt, ist rasch davon überzeugt, dass Dr. Rosenzweig als Suizid-Kandidat vergleichsweise ungeeignet erscheint und Opfer eines perfiden Gewaltverbrechens geworden sei. Nur – wer hatte es auf ihn abgesehen und warum?

Mitten in die Nachforschungen platzt die Nachricht eines zweiten Toten: Walter Schönau, ebenfalls erfolgreich, ebenfalls verheiratet und ebenfalls ein führender Kopf der “Kirche des Elohim”, wird am Abend seines Geburtstag, kurz vor einer geplanten Bypass-Operation, tot in seinem Büro aufgefunden. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass er die moralischen Werte seiner Religionsgemeinschaft zwar predigte, sich aber selbst zeitweilig Auszeiten von ihnen gönnte – mit zumindest einer Frau, die nicht die ihm angetraute war.

Die Vermutungen Julia Durants und ihrer Kollegen, dass das Motiv für die Morde und auch die Täterin im Dunstkreis der “Kirche des Elohim”-Jünger zu finden sei, bekommen neue Nahrung. Auf der Suche nach des Rätsels Lösung entwirren sie mit psychologisch ausgefeilten Methoden ein aus Doppelmoral gewobenes Netz, stoßen auf Machtgier und -missbrauch und geraten schließlich mit unkonventionellen Überlegungen zum Ziel, hinter dem ein tragisches Schicksal lauert.

Andreas Franz, 1954 in Quedlinburg geboren, ist seit seinem fulminanten Debüt mit “Jung, blond, tot” ein Muss für Fans raffinierter, psychologisch subtiler, hochgradig spannender Krimis. Auch in “Letale Dosis” gelingt es ihm meisterhaft, die Leser in menschliche Abgründe blicken zu lassen und sie in eine fesselnde Handlung um seine sympathische Kommissarin Julia Durant zu katapultieren. (Ensa Maurer)

Titel: Letale Dosis
Autor: Andreas Franz
Verlag: Droemer Knaur
Seiten: 516
ISBN: 3426617137

Das Risiko

Erstellt am: Oktober 10th, 2007

Verity Banks hat die letzten 10 Jahre ihres Lebens ihrer Karriere gewidmet, aber als Frau kommt sie im Management der größten Bank der Welt nur bis an eine bestimmte Stelle, die noch höheren Positionen werden alle nur von Männern besetzt. Als Verity endlich klar wird das man ihr auch in Zukunft das Leben schwer machen wird und ihre Ideen entweder abwürgt oder ignoriert werden, will sie sich rächen. Was wäre einfacher als die eigene Bank zu berauben, um zu zeigen, wie unzureichend die Sicherheitsvorkehrungen sind.

Kaum hat Verity den Gedanken gefasst, setzt sie ihn in die Tat um. Und ab da gibt es kein Zurück mehr, denn sie erhält plötzlich eine Nachricht von Dr. Zoltan Tor, dem Mann, dem sie ihr ganzes Computerwissen verdankt. Er war vor Jahren einmal ihr Mentor.

Tor erhöht den Einsatz sogar noch, er schlägt Verity eine Wette vor. Während sie die Bank beraubt, will er den Wertpapiermarkt unter die Lupe nehmen. Sie setzen einen Betrag fest, den der Gewinner innerhalb einer bestimmten Zeit geraubt haben muss. Ein risikohaftes Spiel beginnt.

Auch hier schreibt Katherine Neville absolut faszinierend. Allein ihr Wissen aus dem Bankbereich und dem Umgang mit Computern ist absolut packend. Ich fand die Geschichte sehr abwechslungsreich und wahnsinnig spannend. Nur zum empfehlen!

Kritik geschrieben von Isolde Wehr, Herausgeberin der romantischen Bücherecke

Titel: Das Risiko
Autor: Katherine Neville
Verlag: Heyne
Seiten: 381
ISBN: 3453071360

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