Ach, du dicker Weihnachtsmann

Erstellt am: Januar 3rd, 2008

Außerordentlich zufrieden mit sich kehrt der Weihnachtsmann am Heiligabend nach Hause zurück. Viele Kinder hat er glücklich gemacht, und das ist ja überhaupt das Schönste an seinem Beruf. Völlig erschöpft vom Beglücken fällt er daraufhin in einen achttägigen Schlaf und wacht erst im neuen Jahr wieder auf.

Doch das geht für ihn wahrhaftig nicht gut los, denn was er da in der Zeitung liest, macht ihn furchtbar wütend. „Weihnachtsmann total veraltet! Der Weihnachtsmann ist nicht mehr zeitgemäß. … Der Bart muss ab, Herr Weihnachtsmann!“ Nach einem kritischen Blick in den Spiegel befindet er, dass er wirklich etwas rundlich geworden war und ohne seinen weißen Bart bedeutend jünger und moderner aussehen könnte. Prompt rasiert er ihn ab und beschließt dann, sich mit einem ausgeklügelten Fitnessprogramm wieder in Form zu bringen. Außerdem ist er überzeugt, dass ihm eine bewusstere Ernährung gut täte und leiht sich deshalb ein Diät-Buch aus der Bibliothek. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, und als wieder Dezember ist, ist sein Weihnachtsmann-Mantel so groß, dass er ihn gleich zweimal um den Bauch wickeln muss. Als drahtiger, sportlich-moderner, vor Gesundheit strotzender Weihnachtsmann macht er sich auf den Weg zur alljährlichen Pressekonferenz, wo er eine gehörige Überraschung erlebt.

Mit „Ach, du dicker Weihnachtsmann“ erzählt Ursel Scheffler liebevoll-nachdenklich vom Alltag zwischen den Heiligabenden, wie ihn Weihnachtsmänner erleben könnten. Ferner geht es in ihrem Buch um Traditionen, den Bruch mit ihnen und die Erkenntnis, dass man es nie allen recht machen kann.

Ursel Scheffler, die Autorin von „Ach, du dicker Weihnachtsmann“, wurde in Nürnberg geboren und lebt jetzt mit ihrer Familie in Hamburg. Sie schreibt seit 1975 Texte für Kinder und hat inzwischen über 100 Bücher veröffentlicht, die in mehr als 15 Sprachen erschienen sind. Jutta Timm, von der die Bilder dieses Buches stammen, lebt ebenfalls in Hamburg und illustriert erfolgreich Bilder- und Kinderbücher. (Ensa Maurer)

Buddhas kleiner Finger

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Pjotr ist Insasse einer psychiatrischen Klinik weil glaubt, seine wahre Identität wäre die des Adjutanten von Tschapajew, eines in Russland legendären Feldkommandanten der Roten Armee während des Bürgerkrieges. Dieser geheimnisvolle Tschapajew rettet ihn aus einer prekären Situation und nimmt ihn als Politkommissar zu sich. Dabei lernt Pjotr auch die schöne Maschinengewehrschützin Anna kennen, der er oft aber vergeblich näher zu kommen versucht.

Zwischendurch „träumt“ er immer wieder von der Nervenklinik und den etwas eigenartigen Heilungsverfahren eines Professors. Auch die Geschichten seiner drei Zimmerkollegen erlebt er auf diese Weise sehr realitätsnah mit.

Von ausgiebigen Alkohol- und Drogenkonsum begleitet, bringt ihm Tschapajew die buddhistische Lehre näher und die ganze Sache wird dadurch zunehmend irreal.

Das Buch ist bei den meisten Literaturkritikern in den höchsten Tönen gelobt worden. Mir selbst hat es sich nicht ganz erschlossen, was vermutlich an mir liegt. Mein Eindruck war der eines durch Drogen und Alkohol ziemlich umnebelten und, dadurch angeregt, mit Begeisterung ziemlich abgedrehten philosophischen Gesprächen frönenden Siddhathra im heutigen Russland.

Die Handlung selbst ist schon in hohem Maß skurril, aber diese ausgiebigen Dialoge um die Nichtexistenz allen Seins machen den Roman zu einen nicht einfach zu lesenden Lektüre. Man sollte das Nachwort vor der Geschichte selbst lesen, wenn man sich das Verstehen leichter machen will. Ein vielschichtiges, nicht so zum zwischendurchlesen geeignetes Buch.

Kritik geschrieben von Alfres Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Buddhas kleiner Finger
Autor: Viktor Pelewin
Verlag: Volk & Welt
Seiten: 422
ISBN: 3353011404

Roman eines Schicksallosen

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Imre Kertész war selber von 1944-1945 im Alter von fünfzehn Jahren in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Buchenwald. In seinem Roman eines Schicksalslosen beschreibt er aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Jungen seine eigene Geschichte. Mit tiefer Beklemmung geht man seinen Weg mit : naiv und unvoreingenommen beginnt er seine Reise ,ja, es fällt ins Auge , dass seine Berichte fast durchweg von den Attributen“ verständlicherweise“ und “natürlich“ komplettiert werden. Es scheint ihm in der Tat vieles logisch und schlüssig, so wie er seine Erfahrungen macht. Nach und nach sieht man sich den unmenschlichen Transporten in die Lager, dem Hunger, dem Durst, der Kargheit der Unterkünfte, schließlich Krankheit , Entmenschlichung und dem Tod gegenüber. Am Ende beschreibt er seine Erfahrungen als eine, in der die “ Zeit“ eine gewichtige Rolle spielt. Ohne die Zeit , die langsam vergeht, und die immer weiter geht, wie er selbst, die langsam zu den unmenschlichen Orten und Zuständen führt “könnte man das nicht ertragen haben “. Wie ein Somnambuler erscheint einem der Erzähler im Laufe des Berichtens. Dass das Erlebte eigentlich nicht beschreibbar ist,– so wird es dem Leser am Ende bedeutet. Nur im Miterleben durch die Augen des Jungen bekommt man eine Ahnung des Grauens. Und dass sogar an diesen Orten so etwas wie Glück möglich war , dass diese Erfahrung des Gefühls von Glück wichtig war, als Ausdruck dessen , was den Menschen ausmacht. Daß er sein nicht fortsetzbares Dasein fortsetzen werde,– weil das Leben zu leben am Ende alles andere übertönen wird. Wer eine Vorstellung vom Grauen in den Konzentrationslagern erlangen will, der sollte das Buch unbedingt lesen. Es ist sensibel und still geschrieben und berührt den Leser sehr. (Claudine Borries)

Titel: Roman eines Schicksallosen
Autor: Imre Kertész
Verlag: Büchergilde Gutenberg ,Rowohlt Verlag
Seiten: 487
ISBN: 3763246770

Die Unwissenheit

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

In diesem mit Leichtigkeit geschriebenen Roman hat Kundera die „Unwissenheit“ zu seinem Thema gemacht.

Die Protagonisten der Erzählung , Irena und Josef, haben anfänglich nichts miteinander zu tun.

Nach der russischen Besetzung 1969 ist Irena mit ihrem Mann von Prag nach Paris emigriert, und Josef hat es nach Skandinavien verschlagen.1989 kommen beide unabhängig voneinander zurück, um sich auf Spurensuche zu begeben. Irena muss erleben, dass niemand von denen, die zu Hause geblieben sind, sich wirklich für ihr Leben in den vergangenen zwanzig Jahren interessiert. Man hört dem, der fortgezogen ist , nicht zu. Nur durch Zuhören könnten die Zurückgebliebenen etwas vom Leben in der Fremde erfahren. Keiner will es wissen. So bleibt ihr vergangenes Leben für die Freunde in der Heimat durch Unwissenheit verhüllt. Verpackt in die Lebensgeschichte von Irena und Josef ersteht vor dem Auge des Lesers eine philosophische Weltbetrachtung, die voller Erkenntnisse und Lebensweisheiten ist. Aus den Erfahrungen der beiden Hauptfiguren ersinnt der Autor Spielregeln des Lebens , die der Leser in seinem eigenen Leben wiederfinden könnte. Die Unwissenheit ist es ,mit der wir im Leben manches tun, erfahren und erleben . Ob in der Liebe, in den Beziehungen von Kindheit an, ob im Beruf , auf der Flucht oder in der Heimat ,– es ist die Unwissenheit, die uns für vieles blind und unempfindlich macht.

Da es um Emigration und Heimkehr geht, wird Odysseus als Symbolfigur für die beiden extremen Lebenssituationen angeführt. Seine Reisen ins Abenteuer als Ausdruck der Suche nach dem Unbekannten, und seine Heimkehr “ als Versöhnung mit der Endlichkeit des Lebens“ werden in einer schönen und poetischen Sprache beschrieben.

Irene hat nichts von dem Glück des Odysseus erlebt. Sie musste sich schwer durchkämpfen. Männer als Helfer in der Not, –so hat sie die Liebe erfahren.Als Retter vor der erdrückenden Mutter half die Heirat mit dem ersten Mann; aus wirtschaftlicher Not nach dem Tod des ersten bedurfte sie des zweiten Mannes. Die Liebe hat sie nicht gefunden.

Josef findet bei der Heimkehr das gleiche brüchige Verhältnis zum Bruder und zur Schwägerin wieder, wie er es in Erinnerung hatte. Im Gegensatz zu Irena hat er sein Glück mit einer geliebten Frau in Dänemark gefunden, die jedoch verstorben ist. Das Glück mit ihr ist ihm allgegenwärtig durch das Haus, das ihm Heimat geworden ist, und in dem er seine Frau weiter bei sich wähnt.

Zufälle führten Irena und Josef einst zusammen. Sie erinnerte sich seiner bei einer neuerlichen Begegnung sehr genau, er aber hatte sie vergessen.Es kommt zu einer kurzen Affäre. Er erkennt sie nicht, während sie Erwartungen hat, die sich nicht erfüllen werden.

In melancholischen , flüchtigen Szenen erfahren wir in diesem Buch, wie unterschiedlich Glück und Leid verteilt sind. Es bleibt der Eindruck , dass hier ein weises und lebensreifes Werk entstanden ist. Ich empfehle das Buch sehr! (Claudine Borries)

Titel: Die Unwissenheit
Autor: Milan Kundera
Verlag: Hanser Verlag
Seiten: 179
ISBN: 3446199772

Schicksal

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Das Buch von Tim Parks lässt den Leser von Anfang an nicht los. Fast ohne Punkt und Komma von einem Gedanken zum nächsten schweifend erzählt der Romanheld Chris Burton sein Leben und das seiner Familie.

Er ist dreißig Jahre mir Mara, seiner Frau, verheiratet.

Tim Parks baut um die Figur des kranken Sohnes Marco die ganze Familiengeschichte auf und hält sie auch dadurch zusammen:

die Mutter, die sich in krankhafter Weise an den heißersehnten Sohn klammert und der Vater, der dem nichts entgegensetzt; die Lagerbildung in der Familie; die verzweifelten Versuche von Marco, sich der Umklammerung durch die Mutter zu entziehen. Vielleicht ein bisschen übertrieben, dass auch noch Paola, die Adoptivtochter, fast wie ein häßliches, fernes Stiefkind erscheint.

Vanoli, der den Sohn behandelnde Psychiater, erscheint als ein gütiger und weiser Mann : er weiß um die Verschiebung von Konflikten in Familien.

In einem unentwegten inneren Monolog denkt Chris über das Versäumte und nicht mehr Aufzuholende nach. Es ist ein beklemmendes Lebensbekenntnis oder auch eine Art Bilanz. Selbst bis in den Traum hinein reichen die Betrachtungen und Vergleiche über das, was das Leben so schwierig macht.

Ein bleibender Eindruck dieses Buches ist, dass der Icherzähler die ganze Zeit seine Empfindungen, Gedanken ,Ängste und Lebensperspektiven reflektiert. Das betrifft nicht nur sein Familienleben, sondern auch seine beruflichen Entwicklungen.

Die Sätze sind lang und verschachtelt, und die Gedanken springen zuweilen unmerklich von einem Ereignis zum anderen, was zunächst ein wenig störend wirkt. Es ist aber das Stilmittel, mit dem der Leser ganz nahe beim Erzähler ist und seinen Gedanken folgt.

Der Leser wird bei der Lektüre angeregt, über das eigene Leben nachzudenken. Die unbefriedigenden, unerledigten, nicht gerade vollkommenen Dinge spielen eine große Rolle. Der Neid des Protagonisten, seine Missgunst, sein Argwohn und die Phantasien im Hinblick auf einen Freund und Kollegen ist großartig beobachtet.

An irgendeiner Stelle sagt Vanoli, dass sich in unserer Zeit immer jemand emotional verantwortlich und schuldig fühle für die Probleme der anderen. Das scheint mir eine kluge Erkenntnis zu sein!

Es wird klar, dass es das Zusammenspiel von vielen Einzelteilen und Begebenheiten ist, die das Leben für den einen oder anderen problematisch macht. Die psychologischen Feinheiten der Beobachtung sind subtil und dominieren die Erzählung nicht.

Die Thesen des Buches liegen auf der Hand: es gibt einen Widerspruch im Menschen zwischen Schein und Sein, die das Berufs- und Privatleben beeinflusssen, und eine Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz , die das Leben zwischen Partnern prägen . Die Identität eines jeden besteht u.a. aus der Fähigkeit, diese Ambivalenzen angemessen zu berücksichtigen.

So wie das Geschehen aus der Sicht der Hauptfigur beschrieben wird, mag der jeweilige Leser das Buch aus seiner Sicht lesen: jeder wird das hineinsehen und herauslesen, was der jeweiligen eigenen Lebenserfahrung entspricht. Ein sehr empfehlenswertes Buch! (Claudine Borries)

Titel: Schicksal
Autor: Tim Parks
Verlag: Antje Kunstmann
Seiten: 282
ISBN: 3 88897 257 4

Geschichte eines Deutschen

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Sebastian Haffner ist sieben Jahre alt, als der erste Weltkrieg ausbricht.
Obwohl der Junge, wie alle anderen auch, im Laufe der Kriegsjahre Not und Entbehrungen kennenlernt, ja zeitweise auch hungern muss, empfindet er den Krieg weniger als die Katastrophe, die er war, vielmehr erlebt er ihn als eine Art spannendes Spiel, einen länderübergreifenden Wettkampf, so ähnlich wie ein heutiger Zeitgenosse vielleicht eine Fußball- WM.

Nach dem Waffenstillstand fühlt er eine deprimierende Leere – ihm fehlen die aufregenden täglichen Frontberichte, die erlogenen Erfolgsmeldungen. Erst das Jahr 1923 mit seiner Hyperinflation bringt für ihn und seine Altersgenossen zumindest vorübergehend die erregende Spannung zurück.

Während der kurzen Blütezeit der Weimarer Republik, in der Gustav Stresemann in seiner Funktion als Außenminister Deutschland in ein ruhigeres Fahrwasser führte, erwacht langsam das politische Verständnis des jungen Haffner.

Schon jetzt empfindet er die Nazis, die sich unaufhaltsam zu einer immer ernster zu nehmenden politischen Kraft im Lande entwickeln als nahezu unerträglich. Schon im Januar 1933, als sie an die Macht kommen, verspürt Haffner, der mittlerweile als Referendar am Berliner Kammergericht ist, eisiges Entsetzen, er ahnt, dass eine schlimme Zeit heraufzieht.

Bereits in den ersten Monaten ihrer Herrschaft nehmen die Nazis Schritt für Schritt immer größere Bereiche nicht nur des politischen sondern auch des privaten Lebens aller Deutschen unter ihre Fuchtel.

Sie überfallen Wehrlose, verschleppen und töten vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner, rufen zum Boykott aller jüdischen Geschäfte auf, sie ersetzen kritische Beamte durch willfährige Diener, beseitigen die Pressefreiheit, erteilen Autoren Schreibverbote. Alle Parteien, außer der NSDAP sind aufgelöst und die Nazis kontrollieren Ämter und Behörden, Schulen, Vereine und Kirchen; und sogar im engsten Bekanntenkreis verwandeln sich Menschen, die gerade noch gute Freunde waren, in politische Gegner, vor denen man auf der Hut sein muss.

Obwohl Haffner als „Arier“ und Sohn aus gutbürgerlich konservativem Hause nicht zu den bevorzugten Opfergruppen der Nazis gehört, fehlt ihm in Deutschland schon bald die Luft zum atmen, kann er die Brutalität, die Dummheit, Feigheit, Borniertheit und Kulturlosigkeit der neuen Machthaber kaum noch ertragen, so dass er sich entschließt, so bald wie möglich das Land zu verlassen.

Haffner war gerade einmal 32 Jahre alt, als er im Exil den Text zu jenem Buch niederschrieb. Obwohl seitdem mittlerweile etliche Jahre vergangen sind, gibt es wohl nur wenige Bücher, die sich so klug, so weitblickend, so engagiert mit den Ereignissen von damals auseinandersetzen. Der Autor erzählt seine eigene Geschichte und reflektiert dabei über das, was in Deutschland und mit den Deutschen geschehen ist und warum gerade sie den Nazis so wenig Widerstand entgegensetzen konnten. Dabei nervt er nicht mit irgendwelchem Geschwätz und pseudoklugem Gelabere, er langweilt nicht mit endlosen theoretischen Erörterungen, sondern das Buch liest sich bei alledem spannend und unterhaltsam wie ein gut geschriebener Roman.

In den ersten Kapiteln, wo er über die Weimarer Zeit berichtet brilliert Haffner mit feinem Humor und treffender Ironie. Später, wenn er von den Nazis spricht, weicht diese Ironie beißenden Zorn und ohnmächtiger Wut – Haffner ist buchstäblich das Lachen vergangen. Mir imponieren die Klarheit seines Blicks und der Mut, die Konsequenz und die moralische Größe seines Handelns.

Obwohl er selber (noch) nicht zu den politisch Verfolgten und unmittelbar Bedrohten gehört, entschließt sich Haffner zur Emigration – einfach weil die Nazis, wie er selber sagt, seiner Nase nicht passen, weil er nichts zu tun haben will mit den Leuten, die Juden in KZs sperren und töten, jeden Andersdenkenden verfolgen, Bücher verbrennen und das gesamte Leben in Deutschland mit dem Pesthauch der Bosheit und Dummheit überziehen. – Das hat Stil! Dabei hatte 1939, in dem Jahre, in dem der zweite Weltkrieg ausbrach und Haffner diesen Text niederschrieb, das Grauen in Deutschland bei weitem noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, war Auschwitz noch ein weithin unbekanntes Städtchen in Polen.

Das Buch ist heute noch genau so aktuell wie vor sechzig Jahren und es taugt nicht nur zur Erklärung der damaligen Ereignisse, sondern es kann auch dazu dienen, den Blick für die unerfreulichen Dinge, die heute wieder in unserem Lande geschehen, zu schärfen. Man sollte seine Lektüre gerade jungen Menschen, deren politisches Weltbild noch formbar ist, eindringlich ans Herz legen.

Die „Geschichte eines Deutschen“ ist (vielleicht neben den Lebenserinnerungen von Reich – Ranicki) eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland.

Titel: Geschichte eines Deutschen
Autor: Sebastian Haffner
Verlag: Deutsche Verlagsanstalt
Seiten: 239
ISBN: 3421054096

Das Wüten der ganzen Welt

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Am 22. Dezember des Jahres 1956 wird bei einer religiösen Veranstaltung Arend Vroombout, der Ortspolizist einer holländischen Vorstadt erschossen. Einziger Zeuge der Bluttat ist der junge Alexander, der die Gesänge der Gläubigen auf seinem Klavier begleitet. Da er glaubt, dass der Mörder auch ihm, dem unfreiwilligen Beobachter des grausigen Geschehens, ans Leder will, lebt er seit diesem Moment in Furcht vor dem unbekannten Mann, den er nur für einen flüchtigen Augenblick sehen konnte. Nur am Klavier, wenn er die Musik seiner geliebten Komponisten Beethoven, Bach oder Schubert spielt, fühlt er sich wohl und sicher.

Da die Polizei nicht in der Lage ist, die Tat aufzuklären, versucht Alexander auf eigene Faust, herauszufinden, warum und von wem der Mord verübt wurde. Manchmal glaubt der Junge verzweifeln zu müssen, denn wo er auch sucht, überall stößt er auf Lügen, Widersprüche und seltsame Zusammenhänge. Sowohl seine Klavierlehrerin scheint in den Fall verwickelt zu sein als auch sein väterlicher Freund, der musikbegeisterte Apotheker Simon Minderhout. Kannten sie den Mörder, wissen sie warum Vroombout sterben musste? Selbst Jahre später, als längst Gras über den Fall gewachsen ist, gelingt es Alexander nur selten, das Trauma seiner Jugendzeit zu verdrängen, denn immer wieder wird er mehr oder weniger zufällig auf diese Geschichte gestoßen. Und dann muss er plötzlich erkennen, dass er viel tiefer in das Geschehen verstrickt ist, als er je ahnen konnte . . .

Es ist eine verwickelte und doch am Ende vollkommen logische Geschichte, die der Autor hier erzählt. Scheinbar nebensächliche Details, die zu Beginn des Romans mehr oder weniger beiläufig zur Sprache kommen, werden zum Schluss plötzlich unglaublich wichtig, und führen schließlich zur Aufklärung des Ganzen.

Obwohl der Leser, genau wie der Ich-Erzähler, bis etwa zur Hälfte des Buches völlig im Dunkeln tappt, höchstens eine vage Ahnung von den Zusammenhängen hat, erkennt er doch langsam, in welch kompliziertes Geflecht aus Rache, Lüge, Verrat, Liebe und Hass der junge Alexander ohne eigene Schuld verstrickt ist. Man glaubt plötzlich, viel mehr zu wissen, als der bedauernswerte Junge, der nicht in der Lage ist zu erkennen, was doch so klar auf der Hand zu liegen scheint.

Dabei ist das Buch weiß Gott nicht nur ein simpler Krimi, es ist sehr viel mehr – ein Buch über die Musik, übers Erwachsenwerden und über die Liebe. Und nicht zuletzt enthält der Roman auch eine ziemlich harte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen während des Krieges und den ersten Jahren der Nachkriegszeit in den Niederlanden.

Dieses Buch hatte bei mir den Effekt, den halt nur ganz besonders gelungene Romane hervorrufen: Ich wollte lesen, lesen und lesen und doch wusste ich, dass ich je gieriger ich den Text verschlang, mich um so schneller der letzten Seite näherte, die mich unwiderruflich von der Lektüre trennen würde. Ursprünglich hatte ich vor, den Roman mit der Höchstwertung auszuzeichnen, doch nachdem einige Tage vergangen waren, und mein Gesamteindruck sich festigen konnte, empfand ich ein unangenehmes, schales Gefühl was Alexanders Entscheidung am Ende des Buches betrifft. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte das traurige Geheimnis, das sich um seine eigene Existenz rankt und das er selber aufgedeckt hat, seinen nächsten Angehörigen, vor allem seiner Frau enthüllt. Bis zu dem Augeblick, wo er erkennen muss, wer er wirklich ist, ist Alexander an all den Ränken, die so viel Unheil angerichtet haben, vollkommen unschuldig – ein ahnungsloses Opfer. Doch er hätte die einmalige Chance gehabt unter dieses Kapitel einen Schlussstrich zu ziehen, indem er es nicht tut und die Lüge weiter bestehen lässt, belastet er sich nun selber auch mit Schuld.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland

Titel: Das Wüten der ganzen Welt
Autor: Maarten ‚t Hart
Verlag: Piper Verlag
Seiten: –
ISBN: 3492225926

Amerikanisches Idyll

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Der Schriftsteller „Skip“ Zuckerman (wohl das alter ego des Autors) befindet sich schon jenseits des „besten“ Mannesalters, als er Seymour Levov, genannt „der Schwede“, das Idol seiner Jugend, wiedertrifft.

„Der Schwede“ scheint er ein glücklicher Mann zu sein. Er sieht immer noch sehr gut aus, hat eine wesentlich jüngere attraktive Frau und drei wohlgeratene Söhne, mit deren schulischen und sportlichen Leistungen er so penetrant prahlt, dass den Schriftsteller leise Zweifel beschleichen, ob denn mit dem geistigen Gesundheitszustand seines einstigen Idols wirklich alles in Ordnung ist.

Ein halbes Jahr später, als er sich bei einem Klassentreffen mit Levos Bruder unterhält, erfährt Zuckerman die Wahrheit über das Schicksal des „Schweden“.

Zunächst scheint Levov wirklich die Sonnenseite des Lebens für sich gepachtet zu haben; er sieht blendend aus, ist ein hervorragender Sportler, bei seinen Mitmenschen beliebt, er hat ein gut gehendes Geschäft, mit dem er eine Menge Geld verdient, eine hübsche Frau, die sogar einemal den Titel einer „Miss New Jersey“ errang, und eine intelligente Tochter – Merry. Doch eines Tages im März 1968 bricht das Unheil über Levov herein. Ihm widerfährt so ziemlich das Schlimmste, was einem liebenden Vater – vom Tod des Kindes einmal abgesehen – passieren kann: Seine Tochter wird zur Mörderin.

Um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, legt sie eine Bombe, die nicht nur das Postamt und den einzigen Kaufmannsladen ihres Heimatdorfes zerstört, sondern auch den ganz zufällig dort anwesenden Arzt des kleinen Ortes tötet.

Fünf Jahre lang hört „der Schwede“ nichts von Merry, die nach der Tat in den Untergrund abtaucht – fünf Jahre, in denen er sich jeden Tag fragt, wie es wohl seiner Tochter gehen mag, ob sie überhaupt noch lebt, ob sie genug zu essen hat, ob sie ihre Tat bereut.

Immer wieder grübelt Levov darüber nach, wie es zu dem schrecklichen Ereignis kommen konnte. Was ist schief gelaufen in seiner Familie, was hat er falsch gemacht, hätten er oder seine Frau etwas tun können, um Merrys Leben in geordneteren Bahnen verlaufen zu lassen, hat er sich vielleicht zu sehr darum bemüht, nicht verkehrt zu machen, hat er das Kind verwöhnt oder hat ihre Sprachbehinderung (Merry stottert) die Tochter zu dem gemacht, was sie ist?

Als Merry dann endlich Kontakt zu ihrem Vater aufnimmt, kommen weitere schockierende Erkenntnisse auf den „Schweden“ zu. Die Tochter gesteht ihm neben dem Arzt noch drei weitere Menschen auf dem Gewissen zu haben – doch nicht nur das entsetzt Levov, sondern auch die Tatsche, dass die Tochter während ihres Lebens im Untergrund mehrmals vergewaltigt wurde. Vor allem aber ist er erschüttert über Merrys neue, selbstgewählte Lebensform als Mitleid der indischen Religionsgemeinschaft der „Jaina“ einer Sekte, die die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebensformen zum Prinzip hat und deren strengste Vertreter sogar pflanzliche Kost ablehnen und daher über kurz oder lang verhungern. Die einst pummelige Merry ist bereits stark abgemagert und lebt in der Nähe ihres Heimatortes in einer miserablen Unterkunft unter unwürdigen Bedingungen.

Und nun erfährt der gebeutelte Mann zu allem Unglück auch noch, dass ihn seine Frau mit einem Nachbarn betrügt und dass eine intime Freundin jahrelang sein Vertrauen missbraucht hatte und schwerwiegende Geheimnisse vor verbarg.

Später gründet Seymour mit seiner zweiten Frau eine neue Familie, doch nie wieder wird „der Schwede“ völlig glücklich sein, denn obwohl er sich nach Kräften darum bemüht, die Geschichte seiner ersten Familie zu verdrängen, gelingt es ihm nie und immer wieder holt ihn die Erinnerung an seine Tochter ein.

Obwohl das 574 Seiten umfassende Buch inhaltlich sehr anspruchsvoll ist, ist es relativ leicht zu lesen.

Roth entwirft ein großes Panorama der amerikanischen Gesellschaft während der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Mit Seymour Levov erschafft er einen Romanhelden, der trotz seiner jüdischen Herkunft geradezu das Urbild des weißen Mittelklasseamerikaners darstellt. Erfolgreich, gutaussehend, gleich in sämtlichen drei uramerikanischen Volkssportarten (Football, Baseball und Basketball) ein As, Kriegsfreiwilliger in Korea usw. Roths Wortspielerei mit dem Spitznamen Levovs ist genial – er nennt ihn „der Schwede“, obwohl er doch eigentlich „der Ami“ hätte heißen müssen, denn „schwedisch“ ist nur sein Äußeres im Innern ist er Amerikaner durch und durch.

Das Bild, das Roth von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, ist ziemlich düster, oberflächliche Beziehungen, tiefverwurzelte Vorurteile und Brutalität prägen ihr Aussehen. Doch Roth wertet nicht. Er erzählt einfach und überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Obwohl Roth niemals moralisiert, bleibt er gleichwohl moralisch, denn an keiner Stelle des Buches versteigt er sich dazu, Merrys Taten zu beschönigen oder gutzuheißen. Roth erzeugt Ratlosigkeit – eine simple Begründung für die verhängnisvolle Entwicklung im Leben der Familie Levov hält er nicht parat.

Der Leser wird auf diese Weise dazu gezwungen, sich Gedanken zu machen und selber nach Erklärungen zu suchen.

All dies macht den Roman zu einem hochklassigen Stück Gegenwartsliteratur.

Doch habe ich auch einige kritische Punkte anzumerken: Der Roman ist gelegentlich etwas langatmig – einige Situationen sind zu sehr bis ins kleinste Detail geschildert, etliche Örtlichkeiten zu umfassend beschrieben. Manchmal war ich versucht, ein paar Seiten, die mich langweilten zu überblättern bzw. diagonal zu lesen.

Die Rahmenhandlung nimmt fast ein Drittel des gesamten Buches ein – O.K., sie ist inhaltlich recht gehaltvoll und mehr als nur stilistisches Beiwerk, doch hätte man das Ganze durchaus knapper gestalten können.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Amerikanisches Idyll
Autor: Philip Roth
Verlag: Rowohlt
Seiten: 574
ISBN: 349922433X

Der Geliebte der Mutter

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des Geliebten der Mutter. „Er war steinalt, kerngesund noch im Tod.“ Edwin war Musiker gewesen, ein guter Dirigent, der vor allem sein „Junges Orchester“ und seine Karriere im Kopf hatte und nie bemerkte, wie sehr ihn die Mutter liebte – ihr Leben lang. Als junger Mann war er mausarm gewesen, die Mutter jedoch reich. Am Ende war es umgekehrt. Durch den Börsenkrach 1929 hatte sie all ihr Hab und Gut und ihren Vater verloren.

Edwin lernte die Mutter durch ihre Freundin kennen, die Cellistin in seinem Orchester war und später in Treblinka ermordet wurde. Eines Tages fragte Edwin die Mutter, ob sie eine Art Mädchen für alles werden wolle, die Betreuung des Orchesters, der Solisten und der Kasse und die Vorbereitung der Gastspiele übernehmen wolle. Mit Feuereifer stürzt sich die Mutter, die jetzt nur noch Augen für Edwin hat, in die Arbeit. Einige Male schläft sie mit ihm. Als sie schwanger wird, lässt sie auf Edwins Geheiß hin das Kind abtreiben. Edwin aber heiratet die Alleinerbin einer Maschinenfabrik. Die Mutter versucht, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Immerhin hat sie jetzt auch ein eigenes Haus, einen Mann und einen Sohn, den Erzähler nämlich. Erst später setzt der Kult der Mutter um Edwin ein. Manische Depressionen, Selbstmordversuche und Aufenthalte in Sanatorien mit Elektrotherapien wechseln einander ab. Mit zweiundachtzig Jahren setzt die Mutter ihrem Leben ein Ende. Sie springt aus dem Fenster – auf den Fiat des Hausmeisters, der sich dann wegen der Versicherungssumme fast ein Jahr lang mit der Versicherung der toten Mutter herumstreitet. Nun tritt der Sohn auf den Plan und erzählt „die Geschichte einer sturen Leidenschaft“, in „Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.“ Doch als er auf Edwin trifft, erliegt auch er, statt ihn energisch zur Rede zu stellen, der Blendung des egomanischen Dirigenten und drückt nur seine Bewunderung für dessen Konzerte aus. Der figurenreiche Roman mit erstaunlich vielen Nebenschauplätze enthält nicht nur das Psychogramm einer unerwiderten Liebe. Er handelt auch von der Entwicklung in der modernen Musik, die gekennzeichnet ist durch Namen wie Bartók, Krenek oder Prokofjew, und von der Politik des 20.Jahrhunderts. Auf kaum hundertdreißig Seiten hat Urs Widmer ein ganzes Jahrhundert eingefangen. Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin, Männer in braunen Uniformen tauchen am Rande auf. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart bilden die Kulisse dieses tragischen Lebens, das durch die Rücksichtslosigkeit eines Künstlers zu Grunde gerichtet wird – zweifellos nicht der erste und sicherlich auch nicht der letzte Fall.

Mit einfachen Bildern, in einer bestechenden Sprache verdeutlicht Widmer Opfer-Täter-Beziehungen – schon der Vater hatte in der Familienhierarchie den untersten Platz eingenommen, um später desto energischer den Familientyrannen herauszukehren. Das nur auf den ersten Blick und beim flüchtigen Lesen unplausibel wirkende Verhalten der Mutter findet seine Begründung in ihrer Veranlagung und in ihrer Jugend. Daneben geht es aber auch um Geld und Macht. Vor allem jedoch holt der Erzähler durch dieses kleine poetische Meisterwerk die Mutter aus ihrem Schattendasein hervor, nicht ohne Witz und Humor und mit einem Hauch von Melancholie. Hat diese Frau wirklich gelebt? Gleicht das hier erzählte Schicksal etwa dem der eigenen Mutter von Widmer? Wir wissen es nicht. In einem Fernsehinterview sagte der Schriftsteller, er habe sich bemüht, in der Nähe seiner Mutter zu bleiben. Um das Wahrscheinliche und das Mögliche zu beschreiben, habe er viel erfinden müssen. (Ursula Homann)

Titel: Der Geliebte der Mutter
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 128
ISBN: 3257062451

Vergeltung

Erstellt am: Oktober 22nd, 2007

In der Oktobersendung des „Literarischen Quartetts“ wurde dieses Buch einhellig gelobt. Da mich bisher Bücher, denen diese Ehre zuteil wurde, nur sehr selten enttäuscht haben, war das für mich Kaufempfehlung genug. Der Roman wurde bereits 1956 zum ersten Male veröffentlicht, geriet jedoch rasch und sehr zu Unrecht in Vergessenheit. Der Autor, der in den fünfziger Jahren noch zwei weitere Werke veröffentlichte (Stalinorgel – 1955 und Faustrecht- 1957) zog sich danach vom Literaturbetrieb zurück, lebte in einem bayrischen Dorf und war nur noch journalistisch tätig, die Schriftstellerei gab er, wohl auch aus Enttäuschung über einige ungerechte Kritiken, völlig auf.

Auf eine nicht näher bezeichnete deutsche Stadt geht an einem Sommertag zwischen13:01 und 14:10 ein schwerer Bombenhagel nieder. Die Menschen erleben das Chaos und die Verwüstung in ganz unterschiedlichen Situationen.

Eine Gruppe von Soldaten und jungen Flakhelfern versucht, die Stadt gegen die gegnerischen Flugzeuge zu verteidigen; aber gleich zu Anfang der Abschwehrschlacht verlieren drei Kanoniere und sieben Flakhelfer, die eigentlich noch Schüler sind, durch einen Rohrkrepierer ihr Leben.

Ein Lehrer sucht verzweifelt seinen kleinen Sohn. Er fürchtet, dass sich der Junge im Bahnhof befindet, der durch die Bomben schwer getroffen wurde. Durch die brennende Stadt versucht sich der Mann dorthin durchzuschlagen und hofft sein Kind noch lebend anzutreffen und aus dem Inferno zu erretten.

Ein amerikanisches Flugzeug wird abgeschossen. Ein Besatzungsmitglied landet mit dem Fallschirm in der Stadt. Der Soldat versucht sich vor den Bombentreffern in Sicherheit zu bringen, doch die Wut der Bevölkerung auf den „Feind“ vereitelt alle seine Hoffnungen.

Ein älteres Ehepaar spielt in seiner von Flammen umzingelten Wohnung Bridge. Die Leute spielen zu zweit, obwohl Bridge doch eigentlich ein Spiel für vier Personen ist, doch ihre beiden früheren Mitspieler, die Söhne Walter und Rudolf sind tot – gefallen! Ein junges Mädchen wird gemeinsam mit einem Mann in einem Keller verschüttet. Bevor die beiden sterben, wird das Mädchen noch von ihrem Leidensgefährten vergewaltigt.

Eine Gruppe russischer Kriegsgefangener ist von Hunger und Krankheit so geschwächt, dass sie das Chaos, das sich um sie herum abspielt nur undeutlich wahrnehmen; ihr Leben und erst recht das ihrer Mitmenschen ist ihnen gleichgültig geworden, ihre größte Sorge gilt dem Essen.

Hunderte von Leuten – Soldaten und Zivilisten harren in einem Bunker aus.

Eine resolute Milchverkäuferin versucht einen jungen Mann daran zu hindern, den Helden zu spielen und rettet so vermutlich sein Leben.

Menschen fallen in Bombentrichter, werden verschüttet, verbrennen, werden erschlagen, erschossen, verbluten. Es gibt keine Möglichkeit, dem Grauen zu entrinnen.

Gert Ledig schont seine Leser nicht. Er lässt wenig Raum für Hoffnung, kaum je findet sich in dem von ihm beschriebenen Desaster Menschlichkeit nirgendwo gibt es das klitzekleine Stückchen Glück am Rande der Katastrophe. Selbst zaghafte Versuche einzelner, zumindest ein kleines bisschen Barmherzigkeit zu zeigen, scheitern grausam. Der Soldat, der versucht, , nur tote statt lebender Menschen zu treffen, indem er seine Bomben über einem Friedhof abwirft, wird später grausam umgebracht. Und die Frau, die ein junger Soldat unter Einsatz seines eigenen Lebens aus einem brennenden Haus schleppt, möchte gar nicht gerettet werden sondern lieber sterben.

Ledig hat am eigenen Leibe den Krieg miterlebt und erfahren, was es bedeutet in einem Bunker zu hocken, während um einen herum die Welt in Schutt und Asche versinkt. Und das merkt man dem Buch an – authentischer kann ein Text nicht mehr sein! Gott sei Dank ist mir die Erfahrung, was Krieg ist, bisher erspart geblieben, doch Ledig schafft es mit seinem Buch, einen Eindruck von dem Entsetzen und der Verzweiflung zu vermitteln, das Bomben, Luftangriffe, Hunger und Geschützdonner hervorrufen. Durch die verschiedenen Erzählstränge, die er verfolgt, hängen lässt und später wieder aufnimmt, vermittelt er uns ein Gefühl des Chaos, des totalen Durcheinanders. Er schreibt extrem kurze, knappe Sätze und unterstreicht so die Härte seiner Aussagen. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, konnte ich in der folgenden Nacht nur schlecht schlafen. Bomben und Feuer mischten sich in meine Träume.

Das Buch ist als Bettlektüre nicht zu empfehlen und vielleicht auch nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter. Für Menschen, die etwas über das Grauen des Krieges erfahren wollen, ist das Buch jedoch ein Muss!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland“

Titel: Vergeltung
Autor: Gert Ledig
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 210
ISBN: 3518410644

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