About a Boy
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Den zwölfjährigen Marcus könnte man wohl als den typischen Loser bezeichnen. Er trägt statt der modernen angesagten Jugendmode total uncoole, von der Mutter aufgeschwatzte Klamotten, hat eine unmögliche Haarfrisur, eine dicke Brille, hört die falsche Musik – und zu allem Überfluss singt er auch noch gelegentlich ganz in Gedanken spontan vor sich hin. Kein Wunder, dass der arme Kerl in seiner neuen Schule zum Prügelknaben wird.
Fiona, seine alleinerziehende Mutter ist dem unglücklichen Jungen auch keine rechte Stütze, denn sie hat genug mit sich selbst und ihren Depressionen zu tun. Will, ein sechsunddreißigjähriger Faulenzer hat da offenbar das bessere Ende der Wurst erwischt. Gemütlich lebt er in den Tag hinein – zu arbeiten braucht er nicht, denn seinen Lebensunterhalt kann er locker aus den Tantiemen bestreiten, die ihm zufließen, weil sein mittlerweile verstorbener Vater vor Jahren ein sehr beliebtes Weihnachtslied komponiert hat. Seine Zeit vertreibt sich Will mit dem Herumstöbern in Plattenläden, mit dem Ansehen langweiliger Fernsehsendungen, mit Kiffen und mit der Jagd nach weiblichen Sexualobjekten.
Als sich eines Tages die Wege von Will und Marcus kreuzen, beginnt für beide eine komplizierte Beziehung in deren Verlauf sich nicht nur Marcus langsam entwickelt sondern auch Will neue Seiten an sich entdeckt.
Das Buch spielt in London in den Jahren 1993 und 1994. Hornby beschreibt eine Szenerie, die er offenbar aus eigenem Erleben sehr gut kennt, denn seine Figuren, die Art, wie sie reden, was sie tun, das alles wirkt vollkommen lebensecht und ehrlich. Der Roman ist unterhaltsam im besten Sinne. Er ist spannend, lustig, turbulent, anrührend, manchmal auch traurig und er hat durchaus literarisches Niveau – es macht Freude, ihn zu lesen und obwohl er einen gewissen Tiefsinn vermittelt, wirkt er an keiner Stelle piefig oder lehrerhaft, der erhobene Zeigefinger ist nirgends zu sehen.
Marcus’ Pubertätsprobleme werden genauso einleuchtend erörtert, wie Wills Suche nach dem Sinn des Lebens. Auch die Nebenfiguren sind liebevoll gezeichnet – da ist Fiona, die chaotische Mutter von Marcus, Clive, sein ganz sympathischer aber doch untauglicher Vater und Elli, eine fünfzehnjährige Rebellin, die niemanden so sehr verehrt wie den Nirvana-Sänger Curt Cobain.
Einziger Schwachpunkt ist der doch etwas zu lieblich geratene Schluss, der mir persönlich zu sehr nach Hera-Lind schmeckt.
Trotzdem ein empfehlenswertes Buch. Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass sich die Geschichte sehr gut für einen Film eignen würde (mit George Clooney als Will und dem Jungen aus “The Sixth Sense” als Marcus).
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”
Titel: About a Boy
Autor: Nick Hornby
Verlag: Droemer
Seiten: 320
ISBN: 3426616904
Der Verlorene
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Wir schreiben die fünfziger Jahre, die Republik befindet sich im Aufbau und das Wirtschaftswunder läuft an. Doch die Verheerungen, die der gerade erst vergangene Krieg im Leben der Menschen angerichtet hat, sind noch überall spürbar. In einer kleinen Stadt in Ostwestfalen wächst der Ich- Erzähler des kleinen Buches heran. Er spürt, dass über seiner Familie ein dunkler Schatten liegt, der nicht nur die Eltern bedrückt, sondern auch sein eigenes Leben belastet. Es muss mit Arnold zusammenhängen, dem älteren Bruder, der angeblich auf der Flucht vor den Russen verhungert ist – nur ein Bild im Fotoalbum erinnert noch an ihn. Eines Tages erfährt der Erzähler, das der Bruder vermutlich noch lebt, denn er ist nicht verhungert, sondern er ging verloren. Als sich damals russische Soldaten der Mutter des Jungen in den Weg stellten, konnte sie das Kind gerade noch einer Unbekannten in die Arme legen. Später – nach der Vergewaltigung, von der die Mutter und auch der Vater nur in Metaphern und Umschreibungen sprechen – konnte sie ihren Sohn nicht mehr wieder finden.
Seit diesem traumatischen Ereignis dreht sich alles um den Verlorengegangenen. Zwar passt sich die Familie ihrer neuen Umgebung und den Lebensbedingungen im Nachkriegdeutschland an und kommt zu einem gewissen Wohlstand, doch immer wieder kehren die Gedanken und Gespräche der Eltern zu ihrem verschwunden Kinde zurück, die Mutter leidet unter depressionsartigen Zuständen und der Vater versucht den Verlust zu verwinden, indem er sich verstärkt in Arbeit stürzt. Der heranwachsende Zweitgeborene, der seinen Bruder nie kennen gelernt hat, leidet unter den Zuständen in einem Elternhaus und unter der ständig spürbaren Trauer, weiß sich ungeliebt und fühlt sich als das fünfte Rad am Wagen, als unwichtige Nebenfigur, die neben dem alles dominierenden Arnold verblasst. Nichts fürchtet er mehr, als dass die Eltern eines Tages den vermissten Sohn finden.
Diese wenden sich an den Suchdienst des roten Kreuzes. Als dort ein Findelkind ermittelt wird, das möglicherweise mit dem Verschollenen identisch ist, werden aufwendige erbbiologische Untersuchungen angestrengt. Deren Ergebnisse jedoch sind frustrierend. Der Vater stirbt, aber die krampfhaften Versuche der Mutter, zu beweisen, dass es sich bei dem Findelkind um Arnold handelt, gehen weiter und nehmen neurotische Züge an.
Das Buch ist nur 174 Seiten stark. Wie es bei einem solchen relativ kurzen Text eigentlich nicht anders sein kann, ist er sehr knapp und dicht, fast atemlos erzählt. Die Geschichte ließe sich ohne weiteres an einem freien Tag in einem Rutsch lesen. Es gibt keine Kapitel, keine Absätze, ja nicht einmal größere szenische Sprünge, der Text ist ein Ganzes.
Trotz ihrer Kompaktheit ist die Erzählung äußerst präzise geschrieben. Es gelingt dem Autor hervorragend, die Stimmung der Nachkriegsjahre in der noch jungen Bundesrepublik einzufangen. Der Elan des Wiederaufbaues auf der einen Seite aber auch die Nachwehen des verlorenen Krieges und die berühmt – berüchtigte Spießermentalität jener Zeit sind deutlich zu spüren und von einer fast greifbaren Eindringlichkeit. An etlichen Stellen weckt das Buch eigene Erinnerungen und bewirkt Dejá-vu -Erlebnisse.
Die rundherum mit Plastik ausgekleideten Autos, in denen es einem stets übel wurde, der neuangeschaffte Fernseher, der nur für pädagogisch wertvolle Sendungen (oder Fußballländerspiele) eingeschaltet werden durfte, die manchmal für heutige Geschmäcker geradezu barbarisch anmutenden Essgewohnheiten der damaligen Zeit und die dauernd im Familienhaushalt zu Besuch weilende Tante, die mit Vorliebe das Kirchenblättchen liest – dies alles kommt mir so unglaublich bekannt vor. Trotz des durchaus ernsten Themas ist die Geschichte mit flotter Feder und einer fröhlichen Leichtigkeit geschrieben. Treichel erzählt aus der Perspektive eines Kindes und er passt seine Wortwahl, sowie Sprachstil und -rhythmus dieser Vorgabe genau an, ohne dabei jemals platt, infantil, oder albern zu wirken.
Ich persönlich fände es jedoch angenehm, wenn der Autor in seinen Text zumindest einige wenige Haltepunkte eingebaut hätte, die es einem erlauben, das Buch vorübergehend aus der Hand zu legen, ohne dabei fürchten zu müssen, den Faden zu verlieren. Nicht jeder hat genügend Zeit, die Geschichte zu lesen ohne ein einziges Mal abzusetzen.
Dies ist für mich jedoch der einzige Kritikpunkt, ansonsten hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen.
Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”
Titel: Der Verlorene
Autor: Hans-Ulrich Treichel
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 174
ISBN: 3518395610
Die Glut
Erstellt am: Oktober 22nd, 2007Dieses ist eines der schönsten Bücher, das mir in letzter Zeit begegnet ist. Es ist 1942 zuerst erschienen und kürzlich neuentdeckt und wiederaufgelegt worden. Voller Melancholie erscheint vor unserem Auge die Zeit des untergegangenen k.u.k.-Reiches.
Zwei gute Freunde , wie sie unterschiedlicher als sie sind nicht sein könnten, begegnen sich nach 41 Jahren der Trennung wieder: der eine, Henrik, begütert, der andere, Konrad, arm. Henrik ist Soldat aus Tradition, Berufung und Herkunft, Konrad ist sensibel, den schönen Künsten und der Literatur zugetan und Soldat nur wider Willen.
Bei dem Wiedersehen ,das Konrad herbeigeführt hat ,erscheint in langen Gesprächen , vor allem einem langen Selbstgespräch von Henrik, vor dem geistigen Auge des Lesers noch einmal das gemeinsame Leben der beiden in ihrer Jugend; die zusammen verbrachten Jahre auf der Kadettenanstalt, die enge Freundschaft, Begegnungen mit dem Vater von Konrad, dem General, Gespräche über das Dasein , das Verschiedensein der Menschen, über die Welt und die Frauen. Die Sehnsucht von Henrik ,zu denen zu gehören, die musikalisch und poetisch veranlagt sind: sie begleitet sein ganzes Leben und lässt ihn tiefe Einsamkeit empfinden.
Die Ehe von Henrik und Krisztina, die sich in der Rückschau als Lug und Trug erweist, spielt eine zentrale Rolle in der gemeinsamen Lebensgeschichte der Freunde. Um sie herum kristallisiert sich ein Drama , das Henrik erst nach und nach erahnt hat. Konrad, der offensichtlich die Frau seines Freundes Henrik geliebt hat, auch in Versuchung war, seinen Freund auf einer Jagd zu erschießen, ist eines Tages Hals über Kopf verschwunden. Henrik hört und sieht ihn nie wieder bis zu diesem Augenblick des Wiedersehens nach 41 Jahren.
Aber Rache und Aufklärung , wie Henrik sie über Jahre herbeigesehnt hat, ist im Angesicht des Alters plötzlich gar nicht mehr von Bedeutung .
Es ist ein Buch voller Altersweisheit, Empfindungen der Vergänglichkeit und sogar Vergeblichkeit. Wie ein Autor den Bogen vom sprudelnden, leidenschaftlichen und lebensneugierigen Alter der Jugend zum abgeklärten, schon fern dem Leben stehenden , auch der Leidenschaften verlustig gegangenen Abschnitt des Alters beschreiben kann,– das wir Sándor Márai so schnell niemand gleichtun können.
Ein sehr empfehlenswertes Buch ! (Claudine Borries)
Titel: Die Glut
Autor: Sandor Marai
Verlag: Piper
Seiten: 223
ISBN: 3492041620
Gefährliche Geliebte
Erstellt am: Oktober 21st, 2007Mit einiger Beklemmung geht man an die Lektüre dieses Buches, nachdem es im literarischen Quartett am 30.06.00 so heftig kontrovers diskutiert wurde. Beschrieben wird die Entwicklung von Hajime, einem jungen Mann, geb. 1951, zwischen seinem 16. und 37. Lebensjahr. Vorwiegend sind seine Beziehungen zu Frauen Bestandteil der Beschreibung seiner Entwicklungsgeschichte. Hajimes sexuelle Erlebnisse werden sehr deftig und handfest beschrieben. Man fühlt als Leser eine gewisse Ambivalenz bei der Indiskretion dieser Beschreibungen. Sie sind keinesfalls erotisch. Es gibt aber auch Szenen von großer Behutsamkeit und Zartheit bei diesen Begebenheiten.
Nach einigen mehr oder weniger intensiven Erlebnissen und Erfahrungen, die verbunden sind mit Erfolgen aber auch Kränkungen für alle Beteiligten, lernt Hajime nach einer langen Zeit des Alleinseins und der Einsamkeit, er ist inzwischen dreißig Jahre alt, seine spätere Frau kennen; sie heiraten, bekommen zwei Töchter, und er kann sich eine befriedigende berufliche Verbesserung erlauben, die ihm zu gesichertem Wohlstand verhilft.
Lediglich der Hinweis auf seine Zeit während der Studentenunruhen zeigt, dass er sich über die Veränderungen, die sich in ihm ereignen, wundert,– und dass er vieles im Leben als zufällig und schicksalhaft empfindet.
Bis dahin bleibt die Geschichte nicht besonders aufregend. Ein typischer Entwicklungsroman, nachvollziehbar in den verschiedenen Entwicklungsphasen, wie sie junge Menschen durchleben.
Dann aber beginnt eine merkwürdige, wirklich erotische Geschichte: in seiner Bar, die er betreibt, erscheint eines Tages eine Frau, reizvoll, anziehend, schön und geheimnisvoll. Er erkennt sie : es ist Shimamoto, seine früheste Kindheitsliebe aus der Zeit, als sie beide 12 Jahre alt waren. Sie erscheint, verschwindet, — und bleibt geheimnisvoll. Er erfährt nichts über ihr Leben. Sie verweigert jede Auskunft darüber.
Der Leser wird in die Phantasien über ihren Lebenshintergrund hineingezogen. Hajime ist hingerissen, fiebert den Besuchen von ihr entgegen,— sie scheint unerreichbar für ihn zu bleiben.
Nach längerer Abwesenheit sieht er sie wieder. Auf sein Drängen hin verbringen sie eine ekstatische Nacht zusammen,– am nächsten Morgen ist sie verschwunden.
Er kehrt zu seiner Frau zurück.
Es geht in diesem Roman ganz offensichtlich um eine Sinnkrise, wie sie viele Menschen erfahren, wenn sie erst die Nahziele Ihrer Existenz- und Familiengründung erreicht haben. Die unerfüllten Träume, Phantasien, Begehren nach Unerreichbarem, machen sich in solchen Krisen bemerkbar. Das, was nicht erreicht werden kann, wird zum Phantom, das alle anderen Bereiche überlagert. Überschwemmende Gefühle beherrschen das Leben, führen zu Identitätskrisen,– ja, zuletzt ist deutlich spürbar, dass Hajime zur Sicherheit seines Lebens in die Ehe mit seiner Frau und zu seinen Töchtern zurückstrebt. Ein leicht trauriger, melancholischer, vielleicht sogar depressiver Hajime bleibt am Ende übrig. Das Zusteuern auf eine Lebensmitte mit Sinnkrise wird von Haruki Murakami sehr gut in seinem Roman herausgearbeitet. So kann das Leben sein, wenn man wirklich erwachsen geworden ist!
Das Buch ist leicht und unterhaltsam geschrieben. Man findet sich gut und schnell hinein. Es bleibt die Frage,ob es wirklich lesenswert ist. (Claudine Borries)
Titel: Gefährliche Geliebte
Autor: Haruki Murakami, Ditte Bandini, Giovanni Bandini
Verlag: DuMont
Seiten: 230
ISBN: 3770147812
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