Norbert Sternmut, Nachtlichter

Erstellt am: Juli 2nd, 2010

„Ich weiß, / Ich entkomme aus mir. / Aus dieser Stimme, dieser Haut. / Diesem Wunsch nach Einigkeit.“
Mit diesen Zeilen auf der Rückseite präsentiert uns Sternmut seinen neuen Lyrikband und das immer wieder (nicht nur) in der modernen Literatur virulente Problem der Identität bzw. der Integrität einer sich selbst bewussten Persönlichkeit. Schon die Behauptung „Ich weiß ist kühn, denn sie etabliert ein „Ich“ (dessen Existenz ja in der modernen Philosophie / Psychologie / Hirnforschung umstritten ist), wie es an Sokrates und Descartes mahnt. weiterlesen… »

Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß

Erstellt am: Oktober 23rd, 2007

Die meisten Leser kennen Umberto Eco vor allem als Autor des Romans „Der Name der Rose“ und wussten lange Zeit nicht, dass Eco im Hauptberuf Professor für Semiotik an der Universität von Bologna ist. Aber nicht nur das. Seit 1985 schreibt er regelmäßig für das römische Nachrichtenmagazin „L’Espresso“ die Kolumne „La Bustina di Minerva“. Der Titel wie auch die deutsche Übersetzung „Streichholzbriefe“ spielt auf jene kleinen Streichholzbriefe an, auf die man Adressen, Telefonnummern und alle möglichen Einfälle notieren kann. Einige dieser Texte, mit denen Eco, nach eigenem Bekunden, in heiterer Form auf das reagierte, was ihn ärgerte, liegen jetzt in deutscher Übersetzung in einem schmucken Bändchen vor.

Unter der Frage: „Gibt es einen gerechten Krieg?“ erinnert der Schriftsteller an den Kalten Krieg in den fünfziger Jahren und stellt fest, dass sich seit dem Punischen Krieg einiges geändert habe. Er äußert sich über den Golf- und Kosovokrieg, über Rushdie und die Auswirkungen der zunehmenden Migration, überlegt, angesichts des Endes des kommunistischen Ostblocks, was wohl der Zusammenbruch eines Imperiums kosten mag? Dann wieder schlägt er vor, die Vollstreckung der Todesstrafe live im Fernsehen, am besten während des Abendessens, zu übertragen, insbesondere für jene, die immer noch für die Todesstrafe plädieren.

In einem Beitrag zeigt er, wohin es führen kann, wenn man sich streng nach den Regeln der Political Correctness richtet. Es folgen italienische Binnenansichten, zum Beispiel über Andreottis Mafiaprozess und über geschmacklose Fernsehsendungen, von der wir in der Bundesrepublik ebenfalls ein Lied singen können. Fred Astaire und Ginger Rogers, meint Eco an anderer Stelle, hätten die italienische Politik erfunden, weil sich mit ihnen jenes Modell des Lebens als Schau(oder Show) und der Schau als Leben durchgesetzt habe, das heute unsere Gesellschaft beherrscht.

Ferner nimmt der Autor Verhaltens- und Redeweisen, Manien und Moden ironisch unter die Lupe. Sogar die Derrick-Serie wird von seinem Spott nicht verschont. Wie bei uns erfreute sie sich in Italien großer Beliebtheit, obwohl es dafür, laut Eco, keinen triftigen Grund gibt, denn hier sei, bei Licht betrachtet, doch alles recht mittelmäßig: der Held, der Plot und Derricks Gehilfe Harry, „der offensichtlich ohne vorgängigen Intelligenztest in die bayerische Polizei übernommen worden ist.“

Eco erläutert, warum Fußball eine sexuelle Perversion ist. Leider sei er, Eco, in seiner Kindheit und Jugend als „Meister des Eigentores“ zu wichtigen Spielen nie zugelassen worden, bedauert er heute. Er unterscheidet zwischen Büchern zum Nachschlagen und Büchern zum Lesen und stimmt ein Loblied auf die Klassiker an, weil diese moderner waren als wir es heute sind. Er beschreibt den „Heiligen Krieg zwischen Macintosh und Dos“(übrigens wussten Sie schon, dass Macintosh katholisch und Dos protestantisch ist?), liefert die Chronik einer sündigen Nacht und erklärt, wie man sich heiter auf den Tod vorbereitet. Bei alledem erweist sich der Schriftsteller als exzellenter Spurenleser und glänzender Parodist. Intelligent, scharfzüngig und dabei stets unterhaltsam versteht er es, in seinen Glossen, Polemiken, Satiren und Beobachtungen durch unerwartete Wendungen jedem Thema neue Aspekte abzugewinnen. (Einige von Ecos Kurzgeschichten gibt es mittlerweile schon als eBook.) (UH)

Titel: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß
Autor: Umberto Eco
Verlag: Hanser Verlag
Seiten: 186
ISBN: 3446199063

Der kirschrote Schuh

Erstellt am: Oktober 23rd, 2007

‚Juanéis empfand plötzlich eine warme Zuneigung für seinen Freund. Er wußte allerdings nicht so recht, wieso: ob es an der Müdigkeit lag, am Marihuana, an der Kälte, an der gemeinsamen Mutlosigkeit. Er hätte ihm gern den Arm um die Schultern gelegt wie früher, als sie zusammen zur Schule gegangen und enge Freunde gewesen waren.‘

Juan und Sergio sind trotz offensichtlichster Gegensätzlichkeiten Freunde – bis sie eines Abends zu Rivalen werden, weil jeder von ihnen denkt, nur er allein wäre mit der geheimnisvollen Sara in einer Madrider Bar verabredet. Reichlich alkoholisiert und unter Drogen landen die drei im Retiro-Park und ergattern ein Ruderboot. Als die beiden Männer Sara für einen Moment aus den Augen lassen, passiert etwas Unfassbares: das Boot dümpelt plötzlich leer – bis auf Saras kirschroten Schuh – auf dem See. Trotz der Befürchtung, dass Sara ertrunken sein müsse, machen sich Juan und Sergio im nächtlichen Madrid auf die verzweifelte Suche nach der Frau, die sie ebenso entzweit wie vereint.

In den Mittelpunkt seines rasanten und ebenso kurzweiligen wie tiefgründigen Romans „Der kirschrote Schuh“ stellt Ignacio García-Valino das alte Thema einer Dreieicksbeziehung, der er allerdings völlig neue Aspekte und Nuancen verleiht. Mehr noch beeindruckt er jedoch mit der ausgefeilten, in ein stilistisches Wechselbad getauchten Beschreibung der Charaktere seiner Protagonisten.

Ignacio García-Valino wurde 1968 in Zaragoza geboren und ist als Psychologe tätig. Er machte als Drehbuchautor für Kinofilme auf sich aufmerksam und verfasste seitdem nebst einem Erzählband drei Romane, von denen „La Caricia del Escorpión“ 1998 in die Shortlist des renommierten Premio Nadal aufgenommen wurde. „Der kirschrote Schuh“ ist der erste Roman des Autors, der ins Deutsche übersetzt wurde. (Ensa Maurer)

Titel: Der kirschrote Schuh
Autor: Ignacio García-Valino
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seiten: 352
ISBN: 3630870856

Griff in den Staub

Erstellt am: Oktober 23rd, 2007

Der Nobelpreisträger William Faulkner(1897-1962)ist einer der bedeutendsten amerikanischen Romanciers des 20.Jahrhunderts. „Vor die Wahl gestellt, zwischen dem Leid und dem Nichts, wähle ich das Leid,“ sagte er einmal. Sein Engagement galt den Leidenden, den Benachteiligten auf dieser Welt. Das zeigt sich auch in dem 1948 in Amerika und 1951 in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman „Griff in den Staub“. Er spielt im Süden der Vereinigten Staaten, in dem längst zum Mythos und zur Legende gewordenen Landstrich beidseits des Mississippi, den der Autor Yoknapatawpha nannte und in dem auch er zu Hause war.

Der Farbige Lucas Beauchamp – in den Südstaaten sprach man von Neger oder schlimmer noch von Nigger – war ins Gefängnis eingeliefert worden, weil er am Abend zuvor einen Weißen umgebracht haben soll. Keiner im Landkreis dachte daran, ihm, dem schwarzen Mörder, zu helfen. Aber dann fand sich doch jemand: der sechzehnjährige Charles Mallison junior, der zusammen mit seinem Freund Aleck Sander und Miss Habersham das Unmögliche möglich machte. Er bewerkstelligt die Exhumierung des Ermordeten, wobei sich herausstellt, dass der Mord nicht mit Lucas‘ altem einundvierziger Colt verübt worden war, sondern mit einer deutschen Luger-Pistole. Auch Charles‘ Onkel, von Beruf Rechtsanwalt, der zunächst gesagt hatte, er verteidige keine Mörder, „die Leute hinterrücks erschießen“, ist plötzlich mit von der Partie. Selbst Sheriff Hampton lässt sich am Ende von Lucas‘ Unschuld überzeugen.

Obgleich Faulkner sich hier der Mittel der Detektivgeschichte bedient, ging es ihm um mehr als um einen simplen Krimi, ihm ging es vor allem darum, das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den Südstaaten und das dort herrschende Rassenproblem zur Sprache zu bringen. Drückte doch schon die Feststellung „er ist ein Neger“ in dieser Gegend in früheren Zeiten ein negatives Urteil aus, hinter dem sich eine Welt voll Verachtung verbarg.

Allerdings ist der Roman wegen seiner inneren Monologe und weitschweifigen Reflexionen und seiner nicht enden wollenden Sätze nicht einfach zu lesen. Zumindest braucht man etwas Zeit und Geduld, um sich einzulesen und um die Feinheiten des Textes zu erkennen: seine subtile Architektonik und ausgefeilte Erzähltechnik. Doch sobald man sich damit vertraut gemacht hat, gewinnt die etwas umständlich entfaltete Geschichte an Spannung und Dramatik.

Zudem verrät sie die enge Beziehung des Autors zur Landschaft beidseits des Mississippi und eine intime Kenntnis ihrer Bewohner, ihrer Traditionen und Legenden. Faulkner lässt seine Gedanken über die Stellung der Südstaaten und die Politik der Nordstaaten miteinfließen und seinen Protagonisten Charles über die Geschichte seines Landes reflektieren und sich in Visionen ergehen. „Eines Tages wird Lucas Beauchamp“, glaubt und träumt Charles, „einen Weißen hinterrücks niederschießen können, ohne sich der Bestrafung durch Lynchstrick oder Benzin mehr auszusetzen als ein Weißer; bald wird er ein Wahlrecht ausüben, wann und wo immer das ein Weißer tun kann“ und dergleichen mehr.

Wie gesagt, eine nicht ganz leichte, aber auch heute noch lohnende Lektüre. (Ursula Homann)

Titel: Griff in den Staub
Autor: William Faulkner
Verlag: Diogenes Verlag
Seiten: 222
ISBN: 3257201516

Figurentheater

Erstellt am: Oktober 23rd, 2007

Das „Figurentheater“ von Raymond Dittrich handelt von Gauklern und Gedichten. „Figurentheater“ ist ein Gedichtband, gegriffen aus dem Leben, handelt vom Alltag.

Dittrich arbeitet als Musikbibliothekar in Regensburg. Er veröffentlichte musikwissenschaftliche Beiträge und Gedicht in Anthologien. „Figurentheater“ fängt das Leben ein. All seine Gedichte, wie z. B. „Stechuhr“, „Hafenkneipe“ oder „Werbewelten“ sprechen Situationen an, die wir kennen, selbst erlebt haben.

„Figurentheater“ beginnt mit den Zeilen „Gaukler stehen vor unseren Toren.“ Doch was haben Gaukler mit Gedichten zu tun? Für den Autor ist dies recht einfach, Gaukler und Gedichte ähneln einander. Beide fangen das Leben ein, sowohl in Bild als auch mit Worten.

Auf 60 Seiten gibt Dittrich Gedichte über das tägliche Leben zum Besten. (Patrick Fiekers)

Titel: Figurentheater
Autor: Raymond Dittrich
Verlag: Wiesenburg Verlag
Seiten: 60
ISBN: 3932497422

In Eigenproduktion ist der Gedichtband „In den Morgen hinein ballt sich die Wahrheit zusammen“ von Rank Reinhard erschienen. Reinhard hat seine Gedichte im Books On Demand – Verfahren veröffentlicht.

„Neue Gedichte“ lautet der Untertitel des Buches. Seine Gedichte sprechen mit jeder Silbe etwas anderes an. Er bedient sich dabei verschiedenen Sprachtypen. Zum Teil bedient er sich der Alltagssprache, spricht von alltäglichen Dingen. Die Titel seiner Gedichte lauten „Pflanzentod“, „Christi Höllenfahrt“ oder „Löwenzahntraum“. Auf knapp 100 Seiten hat der Autor zahlreiche Gedichte zusammengetragen.

Er schreibt über alltägliche Dinge, über Last und Leid. Fünf Bereiche in dem Buch sind mit verschiedenen Gedichten bestückt:

– Und wenn Ihre Dunkelheit in Dich hineinströmte, wurde Sie Blut
– Aber in Deinen Gedanken stößt Du Sie an, das kannst Du.
– Eine Idee sei doch zumindest erlaubt
– Nur ein zuckender Punkt unterm wandernden Himmel
– Meine Mutter hat sich im See der Toten gewaschen (Patrick Fiekers)

Titel: In den Morgen hinein ballt sich die Wahrheit zusammen
Autor: Frank Reinhard
Verlag: Books On Demand
Seiten: 102
ISBN: 3898112004

Oben lag der Apennin, unten legte ich mich hin

Erstellt am: Oktober 23rd, 2007

Warum denn immer nur Romane besprechen, warum nicht auch einmal einen Gedichtband?

Vor allem, wenn es sich dabei um so ein durch und durch heiteres und erheiterndes Büchlein handelt, wie dieses?

Carola Rönneburg veröffentlicht als Herausgeberin eine Sammlung witziger Verse, die im Laufe der Zeit in einer Rubrik der „taz“ erschienen. Die Gedichte stammen von verschiedenen Autoren und sind pfiffig, humorvoll, oft mit überraschenden Pointen und verblüffenden Endreimen. Es geht in den flotten Versen meist um ganz banale Alltagsdinge – ums frühe Aufstehen, um Zahnschmerzen, Tierfilme, den Berliner Spätwinter, die S-Bahn, um Wahlwerbung, um gutes Essen und ebenso guten Wein oder um ein schwedisches Möbelhaus, doch erfreut uns das Buch auch mit herrlich blühendem Unsinn, wie stolzen Beutelwölfen, lateinischen Postkartengrüßen und fröhlichen Nilkrokodilen.

Die Gedichte heben sich wohltuend ab von der seufzend tränenschweren Poesie, die leider immer noch allzu häufig in den Feuilletons der „seriösen“ Tageszeitungen zu finden sind; aber sie sind handwerklich perfekt gemacht – keine holprigen Knüttelverse, kein „Reim‘ dich oder ich freß‘ dich“. Die Gedichte sind genau richtig, um einen nach einem frustrierenden Arbeitstag wieder aufzuheitern, um in ein verregnetes Wochenende doch noch ein paar Sonnenstrahlen zu bringen.

Der Band ist auch bestens zum Verschenken geeignet; für eine liebe Freundin zum Geburtstag, als Mitbringsel ans Krankenbett, als kleine Weihnachtsgabe für Leute die schon fast alles haben und, und, und ….

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland“

Titel: Oben lag der Apennin, unten legte ich mich hin
Autor: Carola Rönneburg
Verlag: Edition Nautilus
Seiten: 112
ISBN: 3894012919

Zwischen den Lichtern

Erstellt am: Oktober 21st, 2007

Gertraud Schleichert, eine Lyrikerin, die im Verborgenen wirkt, gibt in diesen Gedichten verhalten ihre Befindlichkeit und ihre Empfindungen preis. Sie spricht von ihren wechselnden Impressionen: am Wasser, während der Sommersonnenwende, von der bitteren Fülle des Sommers, vom Sand, der im November über die Weg treibt. Dann wieder leiht sie ihre Stimme einer Blutbuche „ich aber stehe in all meiner gefasstheit harrend der kettensäge.“ Naturerlebnisse, Erfahrungen mit verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, aber auch Erinnerungen an einzelne Menschen veranlassen sie immer wieder zu hochexpressiven kleinen Versen. Sie spricht von verborgenem Kummer, vom Wetterumsturz, der ihr zu schaffen macht, von ihrem Hin- und Hergerissensein “ zwischen banalität und symbolismus“ und nimmt im letzten Gedicht sogar ein Stadium des Alters vorweg:“langsam kommt mir die Sprache abhanden/ die Sprache/ abhanden/langsam/was/ noch sagen/was noch.“ Vieles klingt elegisch und zeugt von Abschied, stiller Resignation und Wehmut. Unterstützt, aber auch aufgefangen werden Gertraud Schleicherts lyrische Empfindungen durch Iutta Maria de las Manos-Waloscheks leichtfüßig hingestrichelte Zeichnungen.

Titel: Zwischen den Lichtern
Autor: Gertraud Schleichert
Verlag: Edition Doppelpunkt
Seiten: 88
ISBN: 3852730201

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