Der weiße Fetischmann
Erstellt am: September 16th, 2007Zum 125. Geburtstag Albert Schweitzers am 14. Januar und zum 35. Todestag des Friedensnobelpreisträgers am 5. September 2000 ließ die Deutsche Grammophon den Schauspieler Klausjürgen Wussow aus den Büchern des elsässischen Geistlichen, Arztes und Organisten vorlesen. Die sonore Stimme Wussows, der mit der “Schwarzwaldklinik” im Fernsehen populär wurde, passt ausgezeichnet zu der getragenen Stimmung, die von Schweitzers “Afrikanischen Geschichten”, von “Zwischen Wasser und Urwald” sowie vom “Albert-Schweitzer-Lesebuch” ausgeht.
Chronologisch folgt der hier vorgelesene Text der Reise Schweitzers von Straßburg über Teneriffa und Dakar in Senegal nach Lambarene, wo der Arzt vor allem gegen die Lepra und die Schlafkrankheit seiner Patienten ankämpfte. Aus den Reiseschilderungen wird deutlich, dass es nicht fremde Landschaften und Gegenden waren, die Schweitzer reizten – er schildert die Meere aus Wasser und Wäldern als monoton -, sondern allein die beseelende Aufgabe, Menschen zu helfen. Sehr gut tritt dabei in diesen unkommentiert vorgestellten Texten Schweitzers die europäische Herablassung zu Tage, mit der die fremde Mentalität eines afrikanischen Volkes als skurril und infantil empfunden wird.
Gerade die zeitliche Distanz lässt es als wünschenswert erscheinen, eine solche Publikation als Forum zu nutzen, um auch mit kritischen Anmerkungen das Lebenswerk Schweitzers zu relativieren. Immerhin entstand diese Produktion in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst Berlin “Schauplatz Museum 1999″, so dass es hätte nahe liegen können, auch afrikanische Sichtweisen auf Schweitzer zu integrieren und von der eurozentristischen Position abzuweichen.
Aus einem rein akustisch orientierten Aspekt heraus ist “Der weiße Fetischmann” aber eine überaus gelungene CD. Das liegt, wie erwähnt, zum einen an der Wahl Wussows zum Sprecher, und zum anderen an der Trennung der einzelnen Kapitel durch Aufnahmen Bachscher Orgelwerke, die Schweitzer selbst spielte und mit denen er einst auf Tournee ging, um Spenden für sein Hospital zu sammeln. Schweitzer trägt hier einige der bekanntesten Werke von Johann Sebastian Bach vor, etwa Toccata und Fuge d-moll (BWV 565, 2 bis 5 und 9 bis 12), Fuge g-Moll (BWV 678, 6 und 7) sowie das Choralvorspiel “Liebster Jesu, wir sind hier” (BWV 731, 1 und 8). Damit ist diese CD mit einem weiteren Jubiläum, dem Bach-Jahr 2000, verknüpft.
Ob man sich also für den Theologen, den Arzt oder den Musikwissenschaftler Schweitzer interessiert – “Der weiße Fetischmann” bedient alle diese Bereiche.
Kritik geschrieben von Manfred Loimeier, BÄNG 2000 – Das kritische Magazin für Leute mit Horizont
Titel: Der weiße Fetischmann
Autor: Albert Schweitzer
Verlag: Deutsche Grammophon
Aufzeichnungen aus Georgien
Erstellt am: September 16th, 2007Am Anfang der schriftstellerischen Laufbahn des 1954 geborenen Autors Clemens Eich steht Mannheim. Die Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Neckar verlieh ihm 1980 einen Förderpreis für seinen Gedichtband “Aufstehn und gehn”, dem 1984 das Theaterstück “So” und 1987 der Prosaband “Zwanzig nach drei” folgten. 1996 erhielt der in Rosenheim am Inn zur Welt gekommene Eich den Mara-Cassens-Preis der Stadt Hamburg für den Roman “Das steinerne Meer”.
Als der Schriftsteller vor etwas mehr als zwei Jahren, am 22. Februar 1998, starb, schrieb Ulrich Greiner in der Wochenzeitung Zeit, dass Eich “auf dem Weg in die erste Reihe der deutschen Autoren” war. “Clemens Eich war eine Figur auf der Grenze und zwischen den Zeiten.” Das trifft sehr genau die Art, was und wie Eich schrieb. Er bewegte sich zwischen den Genres, war auf keine einzelne Gattung festzulegen. Neben Lyrik, Erzählungen und dem genannten Roman verfasste Eich auch eine literarische Reportage, die soeben als Hörbuch veröffentlicht wurde: “Aufzeichnungen aus Georgien” ist zugleich Reisebericht, Innenschau, politisches Feature. Und auch die Themen von Eichs Arbeiten bewegten sich stets “dazwischen”. Hier, in seinem Werk über Georgien, ist es die Suche nach seinem unbekannten Ururgroßvater einerseits und andererseits der Versuch, die frühere Sowjetrepublik und Heimat Stalins sowie Schewardnadses, die Terra inkognita touristisch zu bereisen.
Eich, der als ausgebildeter Schauspieler in Zürich, Landshut, Frankfurt am Main und in Wien tätig war, bewies ein gutes Gespür für emotionale Schwingungen, und als Literat zeigte er ein beneidenswertes Talent, diese Schwingungen in Worte fassen zu können. Seine “Aufzeichnungen aus Georgien” liefern Sachkunde, vermitteln die Kultur des Landes und thematisieren auf eine ungemein subtil-unterhaltsame und selbst-ironische Weise die geradezu anachronistische Position des reisenden Betrachters in Georgien.
Der Schauspieler Matthias Fuchs liest diesen bemerkenswerten Text Eichs in einer Produktion des Südwestrundfunks (SWR). Fuchs’ tiefe und volle Stimme bringt erstaunlich genau zu Gehör, wie sehr ein Text, zumal ein vorgelesener, von der Stimme seines Interpreten lebt. Der Schauspieler Fuchs, der in München, Wien, Hannover, Köln, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg auf der Bühne stand, öffnet die im Text verankerten Türen, die den Zugang zur Psyche der Protagonisten, zur Seele eines Kaukasus-Volkes erlauben, das in ihrer Vielfalt von Eich so hervorragend porträtiert wurde.
Kritik geschrieben von Manfred Loimeier, BÄNG 2000 – Das kritische Magazin für Leute mit Horizont
Titel: Aufzeichnungen aus Georgien
Autor: Clemens Eich; gelesen von Matthias Fuchs
Verlag: Deutsche Grammophon
Weitere Buchbesprechungen im Lesertreff: