Der Ruf der Wellen

Erstellt am: November 23rd, 2007

Tate Beaumont liebt das Tauchen und das Suchen nach vergessenen Dingen auf dem Meeresgrund, wie zum Beispiel einem Schiffswrack. Da lernen Sie und ihre Eltern Matthew Lassiter und seinen Onkel kennen, ebenfalls beides Taucher aus Leidenschaft. Und die beiden suchen nach einem ganz bestimmten Gegenstand auf dem Meeresboden, nämlich „Anguelique’s Curse“, einem Collier, das mehr ist als nur ein einfaches Schmuckstück. Und da die Chancen einfach größer sind wenn man sich zusammentut, schließen die Lassiters und die Beaumonts einen Deal und man sucht gemeinsam.

Tate findet Matthew anfangs äußerst arrogant und versucht sich von ihm fernzuhalten, aber seine Erfahrung beim Tauchen und auch sein gewinnendes Wesen ziehen sie immer mehr in den Bann. Und auch Matthew kann seine Augen und Hände nicht von Tate lassen.

Dann erfährt Tate jedoch das Matthews Vater gestorben ist, weil er auf der Suche nach „Anguelique’s Curse“ war. Ist das Schmuckstück etwa wirklich verflucht? Als sich das Glück der kleinen Tauchergruppe wendet, kann man das fast glauben. Aber das Schicksal hat noch einige Überraschungen parat.

Ein interessanter Roman, allerdings kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, das Nora Roberts anfängt ihre älteren Geschichten zu „recyceln“. Es ist nämlich noch nicht lange her da habe ich einen ihrer früheren Romane gelesen indem es auch um das Tauchen nach einem versunkenen Schiff bzw. Schatz ging. Trotz allem nicht nur für Fans der Autorin ein Lesespaß.

Kritik geschrieben von Isolde Wehr, Herausgeberin der romantischen Bücherecke (http://www.die-buecherecke.de)

Titel: Der Ruf der Wellen
Autor: Nora Roberts
Verlag: Heyne (Rondo)
Seiten: 500
ISBN: 3453181905

Träume wie Gold

Erstellt am: November 23rd, 2007

Dora Conroy ist Besitzerin eines Antiquitätengeschäfts. Auf einer Auktion ersteigert sie mehrere ungewöhnliche Teile, eigentlich mehr aus Spaß, als um groß Geld damit zu verdienen. Dora weiß jedoch nicht, daß diese Stücke eigentlich für einen Kunstschmuggler bestimmt waren, und sie damit bald eine tödliche Bedrohung auf sich aufmerksam macht.

Jed Skimmerhorn hat seinen Job bei der Polizei aufgegeben, nachdem sein letzter Fall damit endete, dass man seine Schwester umgebracht hat. Er mietet sich bei Dora Conroy ein, und hat bald ein Auge auf seine hübsche Vermieterin geworfen. Und als er feststellt das ihr Leben bedroht ist, macht er sich mit Dora zusammen auf die Suche nach einer Erklärung für all die seltsamen Todesfälle und Einbrüche.

Dabei entdecken sie nicht nur ungeheuerliches, sondern auch noch ihre Liebe füreinander.

Auch hier kann man sich auf Nora Roberts verlassen. Eine gute Story, zwei interessante Helden und das gemixt mit einem tollen Schreibstil, garantiert dem Leser ein paar unterhaltsame Lesestunden.

Kritik geschrieben von Isolde Wehr, Herausgeberin der romantischen Bücherecke (http://www.die-buecherecke.de)

Titel: Träume wie Gold
Autor: Nora Roberts
Verlag: Heyne Taschenbuch
Seiten: 525
ISBN: 3453177614

Der Medicus von Saragossa

Erstellt am: November 23rd, 2007

Der jüdische Silberschmied Helkias Toledano, der wegen seiner großen handwerklichen Fähigkeiten hoch angesehen ist, lebt mit seiner Familie bis zum Jahre 1489 unbehelligt in der spanischen Stadt Toledo. Doch dann bricht das Unheil über ihn und seine Kinder herein.

Der älteste Sohn Meir, der einen wertvollen Reliquienbehälter von der Werkstatt seines Vaters zur Klosterkirche der Stadt transportieren soll, wird ermordet und des kostbaren Gefäßes beraubt.

Drei Jahre später, im weltbewegenden Jahre 1492, beschließt Königin Isabella, die Juden aus Spanien zu vertreiben. Kurz vor seinem geplanten Aufbruch aus dem Lande wird Helkias vom tobenden Pöbel ermordet. Dessen jüngster Sohn Eleasar flieht gemeinsam mit seinem Onkel; aber Jona, der ältere wird von seinen Angehörigen getrennt und muss sich fortan alleine durchschlagen. Bei seiner Odyssee durch Spanien muss er nicht nur dafür sorgen genug zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, sondern er muss sich auch stets darum bemühen, sein Judentum, dem er sich nach wie vor verbunden fühlt, zu verbergen, denn im Lande wütet die Inquisition. Häufig gibt es Autodafés, bei denen Menschen, die der Ketzerei bezichtigt werden, unter grausamen Qualen hingerichtet werden. Jona irrt kreuz und quer durchs Land, schlägt sich als Hilfsarbeiter bei verschiedenen Grundbesitzern durch, heuert auf einem Handelsschiff an und landet schließlich in Gibraltar als Lehrling bei dem Waffenschmied Fierro. Jona fühlt sich wohl bei dem gutmütigen Mann, doch leider wird dieser eines Tages von Angel Costa, einem undankbaren Mitarbeiter ermordet. Jona selbst kann sich des Mordanschlages nur erwehren, indem er den Angreifer in Notwehr ersticht. Wieder muss Jona, der sich inzwischen Ramón Callicó nennt, fliehen; diesmal macht er sich auf den Weg nach Saragossa, wo Nuno Fierro, ein Bruder seines ermordeten Lehrherrn, als Medicus tätig ist.

Im Hause des Arztes findet Jona freundliche Aufnahme. Er begleitet seinen Gastgeber bei Krankenbesuchen und entdeckt sein großes Interesse für die Medizin. Schließlich lässt er sich zum Medicus ausbilden und nachdem er die Prüfung vor einem strengen Gremium bestanden hat, darf er selber als Arzt tätig werden. Trotz seiner großen Fähigkeiten gelingt es ihm jedoch nicht, seinen Meister, der an einem schwachen Herzen leidet zu heilen. Nach dessen Tode tritt Jona seine Nachfolge als Medicus von Saragossa an und er erbt auch den größten Teil von Nunos Besitz, so dass er zum wohlhabenden Manne wird.

Als er schließlich auch noch die Frau, die er liebt heiratet, scheint sein Glück nahezu vollkommen.

Doch dann ereilt ihn aus seiner alten Heimat Toledo der Ruf ans Krankenbett des Grafen von Tembleque, jenes Mannes, den Jona für den Tod seines Vaters und seines Bruders für verantwortlich hält…

Fans von Noah Gordon mögen es mir verzeihen, aber dies ist das erste Buch dieses Autors, das ich gelesen habe. Sicher würde ich den Roman aus einem anderen Blickwinkel beurteilen, würde ich auch die übrigen Werke aus seiner Feder kennen; ich würde nach Parallelen zu „der Medicus“ oder „der Schamane“ suchen, so aber betrachte ich dieses Buch für sich allein.

Der Roman ist gut gemachte Unterhaltungsliteratur. Er ist spannend von der ersten bis zur letzten Zeile und ganz nebenbei erfahre ich auch noch etwas über einen Teil der Geschichte Spaniens. Gerade die Epoche der Königin Isabella, die mit der Entdeckung Amerikas ein so rühmliches historisches Ereignis aufweist, hat halt auch sehr dunkle und ziemlich abstoßende Kapitel, über die ich bisher kaum etwas wusste.

Offenbar hat sich der Autor bei der Recherche zu dem Buch große Mühe gegeben, denn er überrascht mit vielen präzisen historischen, medizinischen und religiösen Details.

Doch so exakt wie Gordon in diesen Punkten erzählt, so ungenau ist seine Beschreibung der handelnden Personen. Am besten gelingt es ihm noch die Charaktere der Bösewichter herauszuarbeiten, aber leider bleiben die „Guten“ auch Hauptperson Jona ziemlich farblos.

Es gelingt mir beim Lesen nur sehr schlecht, mir ein Bild von ihnen zu machen. Ich kann mich nur partiell in ihre Empfindungen einfühlen, ich erfahre wenig über ihre Gedanken und ich weiß auch nicht so genau, wie die Leute aussehen.

Ich persönlich schätze es sehr, wenn ich mich beim Lesen eines Buches voll und ganz auf die darin vorkommenden Personen und vor allem die Hauptfiguren einstellen kann. Ich will mit ihnen denken, fühlen, ihr Leid und ihr Glück mitempfinden können. Dies fehlt mir ein wenig beim „Medicus von Saragossa“.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Der Medicus von Saragossa
Autor: Noah Gordon
Verlag: Blessing
Seiten: 511
ISBN: 3896670131

Amerikanisches Idyll

Erstellt am: November 23rd, 2007

Der Schriftsteller „Skip“ Zuckerman (wohl das alter ego des Autors) befindet sich schon jenseits des „besten“ Mannesalters, als er Seymour Levov, genannt „der Schwede“, das Idol seiner Jugend, wiedertrifft.

„Der Schwede“ scheint er ein glücklicher Mann zu sein. Er sieht immer noch sehr gut aus, hat eine wesentlich jüngere attraktive Frau und drei wohlgeratene Söhne, mit deren schulischen und sportlichen Leistungen er so penetrant prahlt, dass den Schriftsteller leise Zweifel beschleichen, ob denn mit dem geistigen Gesundheitszustand seines einstigen Idols wirklich alles in Ordnung ist.

Ein halbes Jahr später, als er sich bei einem Klassentreffen mit Levos Bruder unterhält, erfährt Zuckerman die Wahrheit über das Schicksal des „Schweden“.

Zunächst scheint Levov wirklich die Sonnenseite des Lebens für sich gepachtet zu haben; er sieht blendend aus, ist ein hervorragender Sportler, bei seinen Mitmenschen beliebt, er hat ein gut gehendes Geschäft, mit dem er eine Menge Geld verdient, eine hübsche Frau, die sogar einemal den Titel einer „Miss New Jersey“ errang, und eine intelligente Tochter – Merry. Doch eines Tages im März 1968 bricht das Unheil über Levov herein. Ihm widerfährt so ziemlich das Schlimmste, was einem liebenden Vater – vom Tod des Kindes einmal abgesehen – passieren kann: Seine Tochter wird zur Mörderin.

Um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren, legt sie eine Bombe, die nicht nur das Postamt und den einzigen Kaufmannsladen ihres Heimatdorfes zerstört, sondern auch den ganz zufällig dort anwesenden Arzt des kleinen Ortes tötet.

Fünf Jahre lang hört „der Schwede“ nichts von Merry, die nach der Tat in den Untergrund abtaucht – fünf Jahre, in denen er sich jeden Tag fragt, wie es wohl seiner Tochter gehen mag, ob sie überhaupt noch lebt, ob sie genug zu essen hat, ob sie ihre Tat bereut.

Immer wieder grübelt Levov darüber nach, wie es zu dem schrecklichen Ereignis kommen konnte. Was ist schief gelaufen in seiner Familie, was hat er falsch gemacht, hätten er oder seine Frau etwas tun können, um Merrys Leben in geordneteren Bahnen verlaufen zu lassen, hat er sich vielleicht zu sehr darum bemüht, nicht verkehrt zu machen, hat er das Kind verwöhnt oder hat ihre Sprachbehinderung (Merry stottert) die Tochter zu dem gemacht, was sie ist?

Als Merry dann endlich Kontakt zu ihrem Vater aufnimmt, kommen weitere schockierende Erkenntnisse auf den „Schweden“ zu. Die Tochter gesteht ihm neben dem Arzt noch drei weitere Menschen auf dem Gewissen zu haben – doch nicht nur das entsetzt Levov, sondern auch die Tatsche, dass die Tochter während ihres Lebens im Untergrund mehrmals vergewaltigt wurde. Vor allem aber ist er erschüttert über Merrys neue, selbstgewählte Lebensform als Mitleid der indischen Religionsgemeinschaft der „Jaina“ einer Sekte, die die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebensformen zum Prinzip hat und deren strengste Vertreter sogar pflanzliche Kost ablehnen und daher über kurz oder lang verhungern. Die einst pummelige Merry ist bereits stark abgemagert und lebt in der Nähe ihres Heimatortes in einer miserablen Unterkunft unter unwürdigen Bedingungen.

Und nun erfährt der gebeutelte Mann zu allem Unglück auch noch, dass ihn seine Frau mit einem Nachbarn betrügt und dass eine intime Freundin jahrelang sein Vertrauen missbraucht hatte und schwerwiegende Geheimnisse vor verbarg.

Später gründet Seymour mit seiner zweiten Frau eine neue Familie, doch nie wieder wird „der Schwede“ völlig glücklich sein, denn obwohl er sich nach Kräften darum bemüht, die Geschichte seiner ersten Familie zu verdrängen, gelingt es ihm nie und immer wieder holt ihn die Erinnerung an seine Tochter ein.

Obwohl das 574 Seiten umfassende Buch inhaltlich sehr anspruchsvoll ist, ist es relativ leicht zu lesen.

Roth entwirft ein großes Panorama der amerikanischen Gesellschaft während der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Mit Seymour Levov erschafft er einen Romanhelden, der trotz seiner jüdischen Herkunft geradezu das Urbild des weißen Mittelklasseamerikaners darstellt. Erfolgreich, gutaussehend, gleich in sämtlichen drei uramerikanischen Volkssportarten (Football, Baseball und Basketball) ein As, Kriegsfreiwilliger in Korea usw. Roths Wortspielerei mit dem Spitznamen Levovs ist genial – er nennt ihn „der Schwede“, obwohl er doch eigentlich „der Ami“ hätte heißen müssen, denn „schwedisch“ ist nur sein Äußeres im Innern ist er Amerikaner durch und durch.

Das Bild, das Roth von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, ist ziemlich düster, oberflächliche Beziehungen, tiefverwurzelte Vorurteile und Brutalität prägen ihr Aussehen. Doch Roth wertet nicht. Er erzählt einfach und überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Obwohl Roth niemals moralisiert, bleibt er gleichwohl moralisch, denn an keiner Stelle des Buches versteigt er sich dazu, Merrys Taten zu beschönigen oder gutzuheißen. Roth erzeugt Ratlosigkeit – eine simple Begründung für die verhängnisvolle Entwicklung im Leben der Familie Levov hält er nicht parat.

Der Leser wird auf diese Weise dazu gezwungen, sich Gedanken zu machen und selber nach Erklärungen zu suchen.

All dies macht den Roman zu einem hochklassigen Stück Gegenwartsliteratur.

Doch habe ich auch einige kritische Punkte anzumerken: Der Roman ist gelegentlich etwas langatmig – einige Situationen sind zu sehr bis ins kleinste Detail geschildert, etliche Örtlichkeiten zu umfassend beschrieben. Manchmal war ich versucht, ein paar Seiten, die mich langweilten zu überblättern bzw. diagonal zu lesen.

Die Rahmenhandlung nimmt fast ein Drittel des gesamten Buches ein – O.K., sie ist inhaltlich recht gehaltvoll und mehr als nur stilistisches Beiwerk, doch hätte man das Ganze durchaus knapper gestalten können.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Amerikanisches Idyll
Autor: Philip Roth
Verlag: Rowohlt
Seiten: 574
ISBN: 349922433X

Hannas Töchter

Erstellt am: November 23rd, 2007

Marianne Fredriksson erzählt die Geschichte einer schwedischen Familie.

Anna, eine Frau mittleren Alters, sitzt am Bett ihrer hochbetagten Mutter. Die alte Dame ist pflegebedürftig , verwirrt und nicht mehr ansprechbar. Die Tochter, die an ihre Mutter noch so viele Fragen gehabt hätte, versucht nun auf anderen Wegen ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur zu kommen.

Es beginnt bei Hanna, der Großmutter, die in Dalsland, nahe der Grenze zu Norwegen in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Im Alter von zwölf Jahren bereits muss das Mädchen das Elternhaus verlassen und auf einem benachbarten Hof bei wohlhabenderen aber hartherzigen Verwandten seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen. Nach einer Vergewaltigung durch den Sohn der Hofbesitzer wird Hanna mit dreizehn Jahren schwanger und bekommt ihr erstes Kind – Ragnar. Trotz der unglücklichen Umstände seiner Zeugung und Geburt entwickelt sich der Junge prächtig und hellt wie ein Sonnenstrahl das ansonsten trübe und freudlose Dasein seiner Mutter auf.

Deren Schicksal beginnt sich zu wandeln, als John Broman in den Ort kommt, eine alte Mühle pachtet und damit seinen Lebensunterhalt verdienen möchte. Er ist Witwer und braucht, um sein Handwerk ungestört ausüben zu können, eine Frau, die mit ihm gemeinsam Haus und Hof bewirtschaftet. Nach rein rationalen Erwägungen begibt er sich auf die Suche nach einer passenden Partnerin und schließlich fällt seine Wahl auf Hanna. Obwohl zumindest zu Beginn der Ehe kaum Liebe im Spiel war, wird die Verbindung der beiden relativ glücklich. Es herrscht keine materielle Not und Broman ist gemessen an den damaligen Verhältnissen ein recht verständnisvoller und geduldiger Gatte. Ragnar, Hannas Sohn, wird von Broman adoptiert und geliebt wie ein eigenes Kind. Im Laufe der Zeit werden dem Paar drei weitere Söhne geboren und schließlich, als Nachzüglerin Johanna, die einzige Tochter.

Deren kleine Welt bricht zusammen, als Broman, der geliebte Vater stirbt. Die Familie zieht in die Stadt und ein neues Leben beginnt. Hanna, die Mutter bleibt trotz des Umzuges weiterhin den Traditionen ihrer Herkunft verbunden, doch Johanna, das heranwachsende Mädchen orientiert sich mehr und mehr an den Gepflogenheiten der neuen Zeit und des städtischen Lebens.

Auf Drängen ihrer Mutter fängt sie bei einer reichen Familie an, als Dienstmädchen zu arbeiten, obwohl sie sich viel mehr zum Beruf der Verkäuferin hingezogen fühlt. Ihr Arbeitsverhältnis endet abrupt, als ihr Dienstherr versucht, sie zu vergewaltigen. Anders, als ihrer Mutter vor vielen Jahren, gelingt es Johanna, sich zu wehren.

Dieses Erlebnis hinterlässt seine tiefen Spuren in Johannas Bewusstsein und der Hass auf diese verlogene bürgerliche Sippe schärft ihr politisches Bewusstsein. Sie engagiert sich bei den Sozialdemokraten und auf einer Parteiversammlung lernt sie Arne, ihren Mann kennen. Die beiden lieben sich, doch trotzdem wird ihre Ehe von dem schwierigen Verhältnis Arnes zu seiner Mutter und von seinen gelegentlichen unkontrollierten Wutausbrüchen überschattet.

Nach mehreren Fehlgeburten kommt Anna, das einzige Kind der beiden zur Welt. Behütet und vor allem von der Mutter sehr geliebt, wächst das kleine Mädchen heran. Doch Anna wird zunächst nicht glücklich. Eine erste Ehe mit Rickard scheitert an den Seitensprüngen des Mannes, an den Schwierigkeiten Annas, ihren Mann so zu nehmen, wie er ist und vor allen Dingen an ihrer Weigerung, sich ganz auf ihn einzulassen. Erst Jahre später erkennt Anna ihre eigene Unfähigkeit und geht das Wagnis einer erneuten Ehe mit Rickard ein.

Indem Anna ihre Familiengeschichte aufarbeitet gelingt es ihr langsam, zu ihren eigenen Wurzeln zu finden und ihr Leben, das Verhältnis zu Mann und Kindern auf eine neue, tragfähige Grundlage zu stellen.

Das Buch endet mit dem Tod von Johanna und ihrem Mann Arne. Doch nicht Trauer und Verzweiflung bleiben zurück, sondern Hoffnung. Mit Maria und Malin, Annas Töchtern, ist eine neue Generation herangewachsen, die vermutlich ihren Weg machen wird.

Mir hat die Lektüre des Buches durchaus Spaß gemacht, es ist unterhaltsam und leicht zu lesen, ein ruhiges und beruhigendes Buch für beschauliche Stunden.

Die Story ist vielleicht ein wenig banal -Romane, die die ineinander verwobene Geschichte mehrerer Frauengenerationen erzählen, gab es in den letzten Jahren dutzendweise. Doch wer sich für Skandinavien interessiert, dem sei dieser Roman empfohlen.

Nach vielen Schwedenreisen bin ich eine große Freundin dieses nordeuropäischen Landes und seiner Bewohner und daher hat es mir Freude gemacht, Neues über die schwedischen Lebensverhältnisse vergangener Jahrzehnte zu erfahren.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Hannas Töchter
Autor: Marianne Fredriksson
Verlag: Fischer
ISBN: 3596144868

Capri und Kartoffelpuffer

Erstellt am: November 23rd, 2007

Bei diesem Buch handelt es sich um die Fortsetzung von Bosetzkys weitgehend autobiographischem Roman Brennholz für Kartoffelschalen. Handelte das erste Buch von der Grundschulzeit des Jungen Manfred Matuschewski, die dieser während der schwierigen ersten Nachkriegsjahre in Berlin Neukölln verbrachte, so geht es im zweiten Teil um dessen während der fünfziger Jahre verlebte Gymnasialzeit.

Im Jahre 1951 endet für Manfred Matuschweski die Grundschulzeit, er kommt aufs Gymnasium. Von Anfang an gehört er nicht gerade zu den Überfliegern der Klasse, stets plagt ihn die Sorge, wegen unbotmäßigen Verhaltens oder wegen mangelhafter Leistungen von der Schule zu fliegen – einmal rettet ihn nur noch die sofortige Anmeldung zur Konfirmation vor dem vorzeitigen Ende seiner Gymnasiallaufbahn. Statt für die Schule zu büffeln treibt sich der Junge viel lieber auf dem Sportplatz herum, wo er zunächst als Fußballtorwart und später als Leichtathlet sein Glück versucht. Auch in Schmöckwitz, bei seiner geliebten Oma, fühlt sich der Jugendliche bedeutend wohler als in der Schule. Dort, in der wasserreichen Landschaft im Süden Berlins möchte er, wie weiland die Amazonasentdecker, aufregende Abenteuer mit dem Boot erleben.

Doch nicht nur Sport und Abenteuer wecken Manfreds Begeisterung, sondern er beginnt sich auch für Mädchen zu interessieren. Er träumt davon mit einer angeschwärmten Sängerin, Filmschauspielerin oder zumindest doch mit einer Mitschülerin ausgehen zu können. Je älter er wird, um so mehr leidet er darunter, keine Freundin zu haben und „Es“ immer noch nicht getan zu haben.

Die Familie des Jungen genießt derweil das langsam auch in Berlin spürbar werdende Wirtschaftswunder. Endlich kann man in eine neue Wohnung umziehen und es ist immer genug zu essen da, sogar eine erste Urlaubsreise, nach Farchant in der Nähe von Garmisch, steht auf dem Programm.

Doch nicht nur der Elan des Wiederaufbaus ist an allen Ecken und Enden fühlbar, auch die Teilung der Stadt Berlin wird von Jahr zu Jahr deutlicher. Noch ist die Mauer nicht gebaut, aber die politische Trennung in Ost- und Westsektor, ist längst vollzogen, und langsam tut sich die Kluft, die zwischen den beiden Stadthälften immer tiefer wird, auch in den Köpfen und Herzen der Menschen auf. Noch feiern Freunde und Verwandte aus beiden Teilen der Stadt gemeinsame Feste, noch trifft man sich regelmäßig zu kleinen und auch größeren Besäufnissen, aber häufig gerät man in Streit über politische Themen.

Ebenso wie der erste Band glänzt auch die Fortsetzung durch hohe Authentizität und einen lebendigen, farbigen Erzählstil, jede Zeile erscheint glaubwürdig und echt. Beim Lesen habe ich mich mehrfach gefragt, ob Bosetzky ein unglaublich gutes Gedächtnis hat oder ob er über viele Jahre hinweg akribisch Tagebuch geführt hat, denn manche Szenen sind so detailliert geschildert, als sei der Autor erst vor wenigen Stunden Zeuge des Ganzen gewesen. Die Berliner Örtlichkeiten in Ost und West sind so treffend beschreiben, dass jeder, der sich auskennt, die Gegend wiedererkennt. Zu meiner persönlichen Freude wird, wenn auch nur in einem Nebensatz, sogar das Krankenhaus Moabit, in dem ich zu jener Zeit allerdings noch nicht gearbeitet habe.

Bosetzky lässt seine Leserschaft nicht nur an den politischen Turbulenzen in Berlin teilhaben sondern auch am seelischen Auf und Ab eines heranwachsenden Jungen. Einfühlsam schildert er die Aufregungen, die durch das Erwachen des Sexualtriebes hervorgerufen werden und er konfrontiert uns mit dem lähmenden Entsetzen, das Manfred befällt, als er die Nachricht vom Tode eines gleichaltrigen Freundes erhält.

Doch ein politisches Ereignis jener Zeit, das für Berlin weiß Gott nicht ganz unwichtig war, lässt der Roman aus – den Volksaufstand des siebzehnten Juni 1953! Für mich ist das schwer zu verstehen, wo doch ansonsten der Autor den historischen Gegebenheiten jener Jahre viel Raum gibt. Manchmal ist er dabei sogar für meine Begriffe etwas zu weitschweifig – warum zum Beispiel zitiert er den kompletten Wortlaut der Radioreportage des 1954er WM-Endspiels, die doch sowieso (fast) jeder auswendig kennt?

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Capri und Kartoffelpuffer
Autor: Horst Bosetzky
Verlag: Fischer
Seiten: 519
ISBN: 3596139929

Das Haus der Schwestern

Erstellt am: November 23rd, 2007

Die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel 1996/1997 möchte die erfolgreiche deutsche Strafverteidigerin Barbara gemeinsam mit ihrem Mann Ralph auf Westhill, einem einsamen Gutshof in Yorkshire, im Norden Englands, verbringen. Sie hofft, auf diese Weise in ihre Ehe, die in eine schwere Krise geraten ist, noch mal ein wenig frischen Wind bringen und ihr damit eine neue Chance gegen zu können.

Doch wie der Zufall so spielt – kaum ist hat sich das Ehepaar in seiner Ferienbehausung wohnlich eingerichtet, bricht ein heftiger Schneesturm los, durch den das Haus schließlich völlig von der Außenwelt abgeschnitten wird. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, die Telefone bleiben stumm, die Heizung funktioniert nicht mehr und obendrein sind im ganzen Haus bis auf ein paar kärgliche Reste kaum noch Lebensmittel zu finden. Barbara und ihr Mann müssen Hunger leiden und um nicht zu erfrieren sind sie gezwungen, das in einem Schuppen lagernde Holz ofenfertig zu verarbeiten. Die Stimmung zwischen den Eheleuten wird immer unfreundlicher. Da findet Barbara durch Zufall im Schuppen unter einer losen Fußbodendiele ein viele Seiten umfassendes Tagebuch, das im Jahre 1980 von Frances, der ehemaligen Besitzerin von Westhill, kurz vor deren Tode geschrieben wurde.

Die Aufzeichnungen beginnen mit der Jugend der Verfasserin zur Zeit der Jahrhundertwende und enden im Jahre 1943 mit einem dramatischen Finale. Frances, eine intelligente, selbstbewusste und unbeugsame Frau hat viel erlebt. Sie unterstützte die Suffragetten bei ihrem Kampf um das Frauenwahlrecht und ging dafür sogar ins Gefängnis, half während des ersten Weltkrieges in einem Lazarett in Frankreich, verhalf der in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen elterlichen Farm in Westhill zu neuer Blüte, nahm später, während des zweiten Weltkrieges die Töchter ihrer Londoner Freundin in ihren Haushalt auf. Doch das schlimmste Trauma ihres Lebens konnte sie nie verwinden: Ihr Nachbar John, mit dem sie seit frühester Jugend eine besondere Beziehung verband, ehelicht ihre hübsche Schwester Victoria. Doch es ist nicht die Treulosigkeit Johns oder Victorias, die zu dieser Verbindung führt – Frances muss es ihrem eigenem Zögern und ihrer Unentschlossenheit zuschreiben, dass der einzige Mann, den sie je geliebt hat, ausgerechnet ihre Schwester, zu der Frances seit jeher ein von Eifersucht und Missverständnissen geprägtes Verhältnis hat, heiratet.

Barbara beginnt in Frances Autobiografie zu lesen und kann sich nicht mehr davon losreißen, auch weil sie glaubt, viele Gemeinsamkeiten zwischen sich und der längst verblichenen Autorin zu entdecken.

Als Barbara schließlich herausfindet, dass die Geschichte noch immer nicht zu Ende ist, als sie erkennt, welche Rolle Fernand, der reichste Mann des Ortes und Laura, die alte Dame, die ihnen das Haus vermietet hat, spielen, kommt es, kurz bevor endlich die Räumfahrzeuge eintreffen, und den Anschluss von Westhill an die Welt wieder herstellen, zum Eklat …

Charlotte Link erzählt die Lebensgeschichte von zwei Frauen und entwirft auf diese Weise ein Panorama unseres Jahrhunderts. Sie erzählt dabei so plastisch, dass wir eintauchen in die englische, ländliche Idylle des Sommers 1907 und in die Londoner Gesellschaft des Jahres 1910. Wir nehmen teil an den Empfindungen einer jungen Frau, die sich den Gräueln des Krieges gegenübersieht und spüren ihre persönliche Verletzung und Demütigung, die sie empfinden muss, als sie sich plötzlich und unerwartet auf der Hochzeit ihrer Schwester und ihres Freundes John wiederfindet. Die Personen des Romans sind klar gezeichnet und die unterschiedlichen Charaktere sind glaubwürdig. Was mich allerdings stört, ist die große Zahl von Depressiven, die das Buch bevölkern. Fast jede Romanfigur schleppt eine nicht heilen wollende Seelenwunde mit sich herum.

Sicher ist es weder wünschenswert noch sinnvoll, ein Buch ausschließlich mit Clowns, Spaßvögeln, frohgemuten Sonnenkindern und anderen fröhlichen Gemütern auszustatten, doch eine winzige Prise Heiterkeit, ein kleiner Hauch Humor hätte Charlotte Links Roman gewiss sehr gut getan.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Das Haus der Schwestern
Autor: Charlotte Link
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 599
ISBN: 3442448360

Die Totenwäscherin

Erstellt am: November 23rd, 2007

Eigentlich müsste die Überschrift eher im Plural stehen, denn der Roman erzählt die Geschichte einer ganzen Dynastie von Frauen, die an soeben Verstorbenen ihre Dienste tun und sie für ihre letzte Reise herrichten. Die Geschichte beginnt im neunzehnten Jahrhundert mit Katherine, der Urahnin von Anna- Barbara, die in der heutigen Zeit lebt und das letzte Glied in einer langen Kette bildet.

Katherine ist eine arme Bäuerin. Sie lebt in dem kleinen mecklenburgischen Flecken Gebbin. Um sich und ihre Familie vor Hunger und Not zu bewahren, lässt sie sich mit dem Grafen von Siggelow, der in der Nähe des Ortes ein herrschaftliches Anwesen besitzt, ein. Immerhin kann sie so ihrer Familie einen bescheidenen Wohlstand sichern, doch die Demütigung, die das Verhältnis für sie bedeutet, kann sie nicht verwinden und so stirbt sie schließlich noch jung an Jahren verbittert und unglücklich.

Magdalena, Katherines Tochter, wird einige Jahre später ebenfalls ihr Leben an der Seite eines ungeliebten Gatten verbringen. Echtes Liebesglück bleibt ihr nur für einen einzigen Tag vergönnt – doch dieser kurzen und stürmischen Beziehung zu Seraphino entspringt schließlich Barbara, ihr einziges Kind. Wirkliche Ruhe und Befriedigung findet Magdalena hingegen, wenn sie ihre Dienste an den Toten verrichtet, wenn sie sie wäscht, in den Sarg bettet und die Spuren des Todeskampfes aus den Gesichtern der gerade Verstorbenen hinweg streicht. Barbara wird später mit sehr viel Erfolg die berufliche Tradition ihre Mutter fortsetzen, doch auch eine andere ziemlich unglückliche Familientradition setzt Barabara fort – wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter bindet sie sich aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen an einen ungeliebten Mann. Dieser – der Tuchhändler Hermann Wotersen – ermöglicht Barbara den Aufstieg ins Bürgertum, doch ihr Herz gehört Friedrich-Carl Siggelow, dem Enkel des alten Grafen.

Anton, ihr erster Sohn entstammt ihrer kurzen Beziehung zu dem Adligen.

Jahre später wird sich eben dieser Anton ausgerechnet in Emily, eine Tochter Friedrich-Carls verlieben – ohne zu wissen, dass es sich bei der Frau m seine Halbschwester handelt. Später heiratet Anton die Jüdin Hilda, mit der er noch drei Kinder bekommt. Aus einem Gefühl jungendlichen Überschwangs tritt er selber zum Judentum über und entwickelt sich schließlich zu einem strenggläubigen Anhänger dieser Religion. Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen wird für ihn und einen großen Teil seiner Familie diese Tatsache zum Verhängnis.

Nur die älteste Tochter Antonia überlebt die Barbarei. Sie, die ihre Jugend weitgehend in Hamburg bei ihrer Großmutter Barbara verbrachte und dort in die berufliche Tradition der Familie eingeführt wurde, entfernt sich so weit vom Judentum, dass sie während der Nazizeit unentdeckt und nahezu unbehelligt bleibt. Der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist jedoch hoch, und das nicht nur, weil auch sie sich an einen ungeliebten Mann binden muss.

Romane über berufliche Traditionen, die sich innerhalb einer Familie fortsetzen, gibt es zu Hauf – über Schauspieler und Musiker, Kaufleute, Zirkuskünstler, Ärzte, Wissenschaftler, Seeleute, Mafiosi und Industriemagnaten. Doch mit Sicherheit gab es bisher kein Buch über eine Dynastie von Totenwäscherinnen. Doch so grauslig, wie es sich vielleicht anhören mag, ist die Handlung des Buches nicht – im Gegenteil, der Roman vermittelt eine gewisse Ruhe und vermag sogar stellenweise die Angst vorm Sterben, vor Tod und allem, was damit zusammenhängt eine wenig abzubauen. Und eigentlich geht es bei der ganzen Geschichte ja nicht in erster Linie um die Toten, sondern um die Lebenden – um das Schicksal mehrerer Generationen von Frauen. Alle Frauen kämpfen auf ihre Art um das Überleben ihrer Kinder – und alle schließen dafür äußerst schmerzhafte Kompromisse.

Besonders interessant war für mich der Lebensweg von Antonia, der Vorletzten in dieser langen Reihe. Ihre Nöte, ihre Gewissenskonflikte und letztlich der Verrat, den sie an ihrer Familie begeht, resultieren aus dem Wunsche, Anna Barbara der Tochter das Überleben zu sichern.

Ob es Anna Barbara, letztlich gelingen wird, mit der unheiligen Tradition des Verzichtens um der Kinder willen endgültig zu brechen, bleibt offen, doch der Schluss lässt die Hoffnung zu, dass sie im reifen Alter von siebenundfünfzig Jahren den richtigen Weg einschlägt.

Insgesamt hat mir der Roman recht gut gefallen – vielleicht war er an machen Stellen ein wenig langatmig. Es würde das Lesen jedoch sehr erleichtern, wenn es im Anhang des Buches so etwas wie eine Ahnentafel für die Familien Winkelmann/ Wotersen und auch für die Siggelows geben würde.

Zartbesaiteten Gemütern möchte ich raten, sich nicht von dem etwas herben Titel abschrecken zu lassen und das Buch trotzdem zu lesen – es lohnt sich.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Die Totenwäscherin
Autor: Helga Hegewisch
Verlag: Ullstein Verlag
Seiten: 398
ISBN: 3898340023

Jane Eyre

Erstellt am: November 23rd, 2007

Das Schicksal meint es nicht gut mit Jane Eyre. Im zarten Alter von einem Jahr verliert sie beide Eltern und auch der Onkel, der die Waise aufnimmt, stirbt früh. Dessen Witwe, die nun für Janes Erziehung und Pflege verantwortlich ist, hat eine unüberwindliche Abneigung gegen sie, so dass das Mädchen in den ersten Lebensjahren kaum Liebe erfährt.

Im Alter von zehn Jahren kommt Jane schließlich in ein Waiseninternat, wo sie zunächst unter dem Regiment des bigotten Pfarrers Brooklehurst ein ebenso freudloses Dasein fristen muss, wie im Haushalt ihrer Tante. Erst als der Pfarrer wegen seines Geizes bei seinen Gönnern in Ungnade fällt, geht es für Jane aufwärts.

Mehr als acht Jahre bleibt sie in dem Internat, ehe sie sich in einem fremden Haushalt als Gouvernante verdingt. Sie wird freundlich aufgenommen in Thornfield, dem Sitz des zwar gelegentlich etwas schroffen, aber doch recht liebenswerten Gutsherrn Rochester. Janes wacher, stets widerspruchsbereiter Geist findet in Rochester einen ebenbürtigen Partner. Im Laufe etlicher anregender Gespräche und vieler Neckereien, entwickelt sich zwischen den beiden, nach Alter Herkunft so unterschiedlichen Personen, eine tiefe Zuneigung.

Doch Janes Liebe wird bitter enttäuscht. Am Tage der geplanten Hochzeit erfährt sie das bisher streng gehütete düstere Geheimnis ihres Verlobten…

Hals über Kopf flieht sie, verzweifelt, ohne Habe, ohne Geld!

Hungrig, müde und dem Tode nahe wird sie nach mehreren Tagen des ziellosen Umherirrens in einem fremden Ort, von dem dortigen Pfarrer St.John Rivers und dessen beiden freundlichen Schwestern aufgenommen. Sie findet Arbeit als Dorfschullehrerin. Eines Tages erfährt Jane, dass im fernen Madeira ein ihr bisher unbekannter Onkel verstorben ist und ihr ein großes Vermögen hinterlassen hat. Überdies stellt sich heraus, dass es sich bei ihren freundlichen Gastgebern um niemanden anders handelt, als um ihren Cousin und ihre Cousinen, von deren Existenz sie bis dahin nichts geahnt hatte.

Jane könnte jetzt eigentlich glücklich sein, doch noch immer brennt in ihrem Herzen die Liebe zu Rochester und die Gedanken an ihn und sein unbekanntes Schicksal lassen ihr keine Ruhe; sie ahnt, dass auf Thronfield seit ihrer Flucht die Dinge nicht zum Besten stehen.

Als St.John ihr einen Heiratsantrag macht und sie bittet, mit ihm als Missionarsgattin nach Indien zu ziehen, lehnt Jane ab, vor allem Dingen, weil sie weiß, dass ihr Cousin ihr nicht die Liebe entgegenbringt, die für eine glückliche Ehe nötig ist.

Stattdessen begibt sie sich auf den Weg nach Thornhill, um zu erfahren, was aus ihrem geliebten Mr. Rochester geworden ist.

Es ist ein traurige Los, das dem armen Manne seit Janes Verschwinden widerfahren ist. Bei dem Brand seines Gutes erlitt er einen Unfall, durch den er erblindete und zum Krüppel wurde.

Doch der Weg zur Ehe der beiden ist nun frei und schließlich heiratet Jane den schwer Geprüften, so dass sich beider Schicksal letztlich doch zum Guten wendet.

Das Buch, das im Jahre 1847 in England erschien, war für seine Zeit so ungeheuerlich, dass sich die Autorin zunächst scheute, es unter eigenem Namen zu veröffentlichen; statt dessen wählte sie ein männliches Pseudonym (Currer Bell).

Jane Eyre hat nichts, was den Damen der englischen Gesellschaft seinerzeit geziemte . Sie ist weder schön, noch lieblich, nicht charmant und schon gar nicht brav, anpassungsbereit und gefügig. Doch anders als die Personen in „Sturmhöhe“, dem wunderbaren Roman von Charlotte Brontës Schwester Emily, deren Handeln von wilden ungezügelten Leidenschaften bestimmt wird, ist Jane Eyres ganzes Wesen durch und durch vernunftbetont bei allem, was sie tut, lässt sie sich von ihrem klaren Verstand leiten. Selbst Janes Gefühlsausbrüche (z.B. gegenüber ihrer Tante Reed) sind „vernünftig“, denn Aufbegehren gegen Bosheit, Ungerechtigkeit und Willkür ist vielleicht nicht immer klug, aber doch sinnvoll, richtig und nachvollziehbar.

Obwohl „Jane Eyre“ mit etlichen höchst unwahrscheinlichen Zufällen gespickt ist und manchmal fast ein wenig märchenhaft anmutet, ist das Buch ein typischer Gouvernantenroman. Wegen der Stärke seiner Hauptfigur belegt das Buch einen ganz besonders herausgehobenen Platz in diesem von mir ohnehin sehr geschätzten Genre.

Der Roman gefällt mir von der ersten bis fast zur letzten Zeile – einzig der Schluss ist nicht so ganz nach meinem Geschmack. Ich hätte der Heldin ein angenehmeres Schicksal gegönnt, als den Rest ihres noch jungen Lebens an der Seite eines hilflosen und schwer behinderten Mannes zuzubringen. Dieser feige Rochester, der nicht einmal den Mut hatte, seiner Verlobten rückhaltlos die Wahrheit über sein bisheriges, verpfuschtes Leben zu berichten, hat so eine tolle Frau wie Jane doch gar nicht verdient!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland“

Titel: Jane Eyre
Autor: Charlotte Bronte
Verlag: Diogenes
ISBN: 3257215819

Mein Name ist Ascher Lev

Erstellt am: November 22nd, 2007

Dieses Buch ist schon 1972 erstmals erschienen, jetzt eine Neuentdeckung auf dem Markt.

Ascher Lev ist zu Beginn der Erzählung ein kleiner vierjähriger Junge jüdischer Abstammung . Die Handlung ist etwa um das Jahr 1953 und danach angesiedelt. Er und seine Eltern , seine Onkel und Tanten ,leben in New York, in Brooklyn. Die Vorfahren der großen Familie entstammen den Lubavitcher Chassidim . Die Erzählung wird in der Ichform vorgetragen.

Ascher Lev ist das einzige Kind seiner Eltern. Der Vater betätigt sich für die jüdische Gemeinde in einer Hilfsorganisation zur Rettung russischer Juden aus der Sowjetunion. Mit dieser Aufgabe sind für den Vater viele Reisen verbunden, so dass Ascher viel mit seiner zarten und empfindsamen Mutter alleine ist. Er ist ein sensibler, in sich gekehrter Junge. Er kennt nur eine Passion: er malt und zeichnet ohn‘ Unterlass, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Er passt nicht auf in der Schule , er lernt nicht ordentlich, er hört nicht zu, er ist geistesabwesend,– er malt, und er malt sogar in Gedanken, wenn er kein Blatt Papier vor sich hat. So wie diese Geschichte erzählt wird, gewinnt der Leser den Eindruck, unmittelbar in die Gedankenwelt des Ascher einzutauchen. Seine klaren , direkten Fragen nach dem Leben, dem Tod, warum dies und das so oder so ist,– immer sieht man ihn mit großen ,gedankenverlorenen Blicken die Welt beobachten, in sich aufnehmen, aber auch ein wenig abgewandt von dieser Welt.

Anrührend ist diese stete und ungebrochene Passion von Ascher Lev, durch Malerei allen seinen Gedanken ,Gefühlen und Beobachtungen einen Ausdruck zu geben.

Wir erleben die Entwicklungsgeschichte und die Besessenheit eines Genies. So etwas ist uns aus der Malerei der vergangenen Jahrhunderte bekannt, beispielsweise von van Gogh oder Toulouse Lautrec u.a. Die jüdische Welt aber ist eine besondere: der Zusammenhalt, die Gläubigkeit, das strenge Einhalten der Feiern und Traditionen,– dieses alles sind Merkmale der Unterscheidung zu Familien der uns bekannten Glaubensrichtungen.

Die Familie und die Gemeinde hat es schwer, sich mit diesem eigenwilligen und seinen eigenen Weg suchenden Genie zu arrangieren.

Im weiteren Geschehen nimmt die Geschichte einen zunehmend dramatischen Verlauf: der Vater entwickelt Wut und Zorn gegen den Sohn, dessen künstlerische Ambitionen ihm als Torheit erscheinen und für dessen Entwicklung er andere Vorstellungen hatte. Die Mutter steht zwischen dem Sohn und dem Vater. Ascher geht mit Billigung des Rebbe ( Rabbi) zu einem anerkannten und berühmten Künstler in die Lehre. Immer wieder spielen die Spannungen zwischen der Familie, dem jüdischen Glauben, der sehr streng organisierten und in der Hierarchie dominierenden jüdischen Gemeinde und dem Künstler Ascher Lev eine herausragenden Rolle in diesem Roman. Denn Ascher ist und bleibt ein frommer , den Glauben praktizierender Jude.

In vielen abgehandelten Gesprächen über Kunst kann man einiges erfahren über Kunsttheorien, Künstler der Moderne und verschiedene Auffassungen über Kunst im Allgemeinen.

Das Ende ist tragisch: getrieben von seinen inneren Impulsen malt Ascher eine Kreuzigung, später auch als die “ Brooklyn-Kreuzigung“ bezeichnet. In dieser Darstellung malt er die Mutter, den Vater, das Leiden , aber als Kreuzigung im christlichen Sinne. Er stellt sich damit gegen die jüdische Tradition, nach der man überhaupt kein Abbild von Gott oder den Menschen malen darf.

Die Eltern, besonders der Vater, wendet sich tief enttäuscht von ihm ab; die Mutter leidet ; der Rabbi gibt ihm zu verstehen , dass er ihn verstehe, dass er aber “ eine Grenze überschritten habe“, die ein Verbleiben in der Gemeinde, unter den Menschen seines Glaubens und derer, die ihn lieben, nicht mehr möglich sein lässt. Er wird nach Paris geschickt , fort aus seiner Heimat Brooklyn.

Ascher ist eine tragische Gestalt, getrieben von den eigenen inneren Bildern, denen er in der Malerei Gestalt zu geben vermag , ja ,geben muss, wohl wissend, dass er sich damit abseits stellt von seiner ursprünglichen Lebenswelt.

Es ist ein sehr ergreifendes Buch , in dem man etwas lernen kann über die strengen Regeln , die im Judentum herrschen, die Frömmigkeit und den Konflikt zwischen Welt und Glauben, in die ein Mensch mit einer inneren Mission, der der Malerei, geraten kann.

Das Buch stimmt nachdenklich und regt an zum Nachforschen über Kunst und Religion und zum Erkennen einer Welt, die nicht mit christlichen oder auch anderen Religionen und deren Traditionen zu vergleichen ist. (Claudine Borries)

Titel: Mein Name ist Ascher Lev
Autor: Chaim Potok
Verlag: rororo
Seiten: 273
ISBN: 3499140128

Weitere Buchbesprechungen im Lesertreff:

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