Choral am Ende der Reise

Erstellt am: November 16th, 2007

Gewiss, in letzter Zeit hat es ziemlich viel Rummel um die längst versunkene “Titanic” gegeben und speziell nach dem riesigen Erfolg des Filmes gibt es nicht wenig, die von dem Schiff weder etwas hören noch etwas sehen und auch nichts mehr lesen wollen.

Ihnen allen sei trotzdem das Buch “Choral am Ende der Reise” empfohlen, denn es ist eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Es geht in dem Buch um die Mitglieder des Bordorchesters, die bekanntlich ausnahmslos bei der Katastrophe ertrunken sind.

Allerdings beschreibt der Autor nicht die Musiker, die tatsächlich an Bord waren, sondern er hat die Lebensläufe der Figuren frei (und sehr, sehr gut) erfunden. Obwohl man von vornherein, weiß, welch trauriges Ende der Geschichte beschieden ist, bleibt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite absolut spannend; die Vita jedes einzelnen Musikers ist ergreifend und glaubwürdig erzählt.

Da ist der Mann, der in jungen Jahren seine geliebten Eltern verliert und der nachdem er die Tiefen des Lebens durchwandelt hat, auf dem Schiff landet; oder der Russe, der in vorrevolutionärer Zeit sich von einem begnadeten Kabarettisten, der aber auch ein gemeiner Dieb und Lügner ist, missbrauchen ließ. Wir begegnen Leo, der von dem unstillbaren Wunsch, ja der Sucht getrieben wird, etwas Großes zu schaffen, ein Meisterwerk zu komponieren und der zerbricht, weil er dazu nicht fähig ist.; oder David, dem jungen Juden aus Wien mit seiner unglücklichen Liebesgeschichte.

Die letzte Passage widmet sich dem alten und mittlerweile gelegentlich etwas verwirrten Petronio, der früher mit den Puppenspielern durch die Lande zog. Alle ist so gut und detailliert geschildert, das Schiff selbst ist so genau beschrieben, dass man es mitunter plastisch vor Augen zu haben glaubt und der Eindruck entsteht, der Autor sei selber an Bord gewesen.

Eric Fosnes Hansen ist ein relativ junger Mann (Jahrgang 65), ich denke, er hat noch ein große Zukunft vor sich. Wer mit fünfundzwanzig Jahren (das Buch stammt aus dem Jahre 1990) einen solchen Roman schreiben kann, der hat das Zeug zu einem Schriftsteller von Weltrang zu werden.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Choral am Ende der Reise
Autor: Erik Fosnes Hansen
Verlag: Fischer
Seiten: 506
ISBN: 359650211X

Vierundzwanzig Türen

Erstellt am: November 16th, 2007

Nicht nur eine, sondern genau genommen gleich drei Geschichten auf zwei Ebenen erzählt Klaus Modick in seinem neuesten Roman “Vierundzwanzig Türen”. Mehr noch – er nimmt die Leser mit auf eine vorweihnachtliche Zeitreise, die den Bogen vom Ende des Zweiten Weltkriegs über die 50-er Jahre bis in die Gegenwart spannt.

Alles beginnt mit einem Adventskalender, den Stacy, die Frau des Ich-Erzählers, aus Dankbarkeit von einem alten Mann geschenkt bekommt, als sie ihm nach einem Sturz wieder auf die Beine hilft. Miriam und Laura, die pubertierenden Töchter des Hauses, fühlen sich zwar längst dem Adventskalender-Alter entwachsen, aber dieses Exemplar, das mit seinen Spiegeln wie eine Disko-Kugel aussieht, reißt sie doch unisono zu einem anerkennenden “voll geil” hin. Derart enthusiastisch fällt die erste Reaktion des Hausherrs bei weitem nicht aus, doch mit jeder geöffneten Tür gewinnt der unkonventionelle Adventskalender für ihn an Faszination. Hinter den Türen nämlich verbergen sich einzelne Bilder, deren Motive ihm immer vertrauter erscheinen. Unweigerlich ziehen sie ihn in einen Strudel der Erinnerungen an die eigene Kindheit im Norddeutschland der fünfziger Jahre.
Parallel zur Jetzt-Zeit-Geschichte greift Modick die Kalendermotive auf und erzählt, an ihnen orientiert, von einem alles andere als erfolgsverwöhnten Maler. Der lässt sich, um über die Nachkriegszeit zu kommen, von zwei Gaunern überreden, mit ihnen ein Worpsweder Gemälde zu stehlen. Auf dem Heimweg von ihrem Beutezug geraten die drei in ein Unwetter und mit zunehmendem Schneegestöber immer tiefer in eine Szenerie, die als Weihnachtsgeschichte populär wurde.

Klaus Modick, der 1951 in Oldenburg geboren wurde und heute in Wiefelstede lebt, bewegt sich mit sprachlicher Finesse und Sensibilität durch die Ebenen seines vierten Romans “Vierundzwanzig Türen”. Seine Beschreibungen von alltäglichen Gegenwartsszenarien bestechen durch Ironie und ihren Wiedererkennungswert. Ganz anders fallen hingegen Stil und Wortwahl bei der Erzählung der Nachkriegszeit aus. Mit “Vierundzwanzig Türen” tritt Modick, der 1994 mit dem Bettina-von-Arnim-Preis dekoriert wurde, erneut den Beweis an, das anspruchsvolle Literatur und Lesbarkeit nicht unvereinbar sind. Er jedenfalls schafft diese Gratwanderung scheinbar spielerisch mit Witz, Tiefgang und Spannung. (Ensa Maurer)

Titel: Vierundzwanzig Türen
Autor: Klaus Modick
Verlag: Eichborn Verlag
Seiten: 283
ISBN: 382180839X

Er oder ich

Erstellt am: November 16th, 2007

Ole Reuter, ein etwas in die Jahre gekommener Unternehmensberater, leidet heftig unter diversen Symptomen der Midlifecrisis. Nachts wird er von Alpträumen heimgesucht, sein Gedächtnis arbeitet Tag für Tag unzuverlässiger, das Sehvermögen lässt nach und zu allem Überfluss plagt ihn auch noch die Angst, sich bei einer drogenabhängigen Frau mit AIDS angesteckt zu haben. Um wieder zu sich selber zu finden, bereist er einen Monat lang per Bahn die Bundesrepublik. Von Berlin, dem Ausgangspunkt seiner Reise aus, steuert er die verschiedensten großen und kleinen Orte des Landes an. Wohin er fährt, überlässt Reuter weitgehend dem Zufall indem er jeweils in den ersten abfahrenden Zug ein – und an irgendeiner Station wieder aussteigt. Da er eine Netzkarte (erster Klasse!) besitzt, gibt es für ihn in dieser Hinsicht auch keinerlei Beschränkungen. Während der Reise begegnet Reuter allerlei merkwürdigen Typen, die sowohl real, als auch seiner überhitzter Phantasie entsprungen sein können; ebenso machen scheinbar unerklärbare Vorgänge, dem Manne zu schaffen. Seine kostbare Uhr – ein Erbstück von seinem verstorbenen Vater- verschwindet auf seltsame Weise und das teure Ersatzexemplar, das er in einer Uhrenmanufaktur ersteht, nervt vom ersten Tage an durch merkwürdige Fehlfunktionen. Nach einem Selbstmordversuch, den Reuter dank seines schwachen Magens, körperlich nahezu unversehrt übersteht, flieht er für einige Tage nach Sri Lanka, in die Heimat seines Beinahe – Schwiegersohnes. Nach diesem Abstecher fühlt sich Ole vorübergehend besser, doch bald schon holen ihn seine Depressionen und Wahnvorstellungen wieder ein. Schließlich landet er in völlig desolatem Zustand im Krankenhaus…

Vermutlich gibt es etliche Leser, denen Ole Reuter kein Unbekannter ist. Schon in den siebziger Jahren ließ Sten Nadolny in einem Roman namens Netzkarte einen Reuter per Bahn kreuz und quer durch die damals noch kleinere Republik fahren. Leider kenne ich dieses Buch nicht und möglicherweise sind mir daher einige Gags, Pointen, Zitate und pfiffige Querverweise entgangen. Vielleicht hätte mir die Lektüre von “Er oder Ich” auf diese Weise ja mehr Freude bereitet. So jedoch hat mich der Roman meist mehr gelangweilt als belustigt. Die Depressionen eines Herrn mittleren Alters sind nichts, was mir einen besonderen Lesegenuss beschert. Mich stört, dass das Älterwerden ausschließlich als Abbau definiert wird. Ist denn das Leben jenseits der Vierzig nur körperlicher und geistiger Verfall?

Manchmal drängte sich mir beim Lesen das Gefühl auf, dass sich der Autor seiner Sache selbst nicht so ganz sicher war. Warum sonst muss er seine Leser immer wieder fast mit der Nase auf die Zusammenhänge mit Faust, Mephisto usw. stoßen?

Klar gibt es auch einige Stellen des Buches, die mich erheitert haben, Nadolny bietet lustige Wortspiele und treffende Metaphern, er erfreut mit genauen Beobachtungen und witzigen Einzelheiten.

Insgesamt muss ich jedoch sagen, dass mich der Roman enttäuscht hat – von dem Autor, der uns “die Entdeckung der Langsamkeit” geschenkt hat, habe ich mehr erwartet.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Er oder ich
Autor: Sten Nadolny
Verlag: Piper Verlag
Seiten: 263
ISBN: 3492041655

Das Postfach

Erstellt am: November 16th, 2007

Sophie Walker ist 43 Jahre alt, ledig, seit Jahren ohne feste Beziehung und davon überzeugt, dass Kinder einen ‘Angriff auf die weibliche Intelligenz’ darstellen. Sie arbeitet in einer Buchhandlung, bewohnt eine 3-Zimmer-Wohnung im Hamburger Stadtteil Eppendorf und ist mit ihrem Leben rundum zufrieden, eigentlich. Iris ist verheiratet und ein paar Jahre jünger. Genau genommen hat sie jedoch das Alter eines Säuglings, denn Iris wurde just an dem Tag geboren, an dem Sophie beschloss, sich ein zweites Leben zu gönnen – ein vergleichsweise wildes und lustbetontes, eines, das keine Gemeinsamkeiten mit ihrem bürgerlichen, etablierten Dasein hat.

Eine Kontaktanzeige soll ihr dabei helfen. Um der in der Ferne lauernden Gefahr den Garaus zu machen, dass über Iris die Identität der wahren Sophie aufgedeckt und somit das erste Leben in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, mietet sie sich ein Postfach. Wenig später erscheint ihr Inserat: ‘Frau, Ende dreißig, attraktiv, gebunden, sucht Mann für gelegentliche diskrete Treffen … ich freue mich über detaillierte, phantasievolle Zuschriften’. Sebastian, der gelangweilte Familienvater, ist der Erste, den sie zu einem Treffen mehr auffordert denn bittet; Sven, der verheiratete Beamte mit devoten sexuellen Neigungen, ist der Nächste, und beiden eifern fünf weitere Anzeigen-Männer nach.

Sophies Genuss an den zwischen Pflicht und Kür schwankenden Leben währt freilich nicht lange, denn schon bald wird die Ahnung, verfolgt zu werden, zur Gewissheit: Ein Voyeur ist ihr, Sophie, auf der Spur, erpresst sie mit kompromittierenden Fotos ihres Alter egos und droht, die Macht über ihr doppeltes Spiel zu gewinnen. Das geschehen zu lassen widerstrebt ihr verständlicherweise…

Birgit Stobbe zeichnet mit ihrem Roman “Das Postfach” das dramatische Psychogramm einer Frau, die zwischen die Fronten des Wollens und Habens gerät, und beim Versuch, die Kontrolle über ihr Leben wieder an sich zu reißen, zu lebensgefährlichen Mitteln greift.

“Das Postfach” ist der dritte, im Fischer Taschenbuch Verlag erschienene, Roman der 43-jährigen Autorin, Buchhändlerin, Taxifahrerin und Soziologin, die überdies etliche Kurzgeschichten und Drehbücher verfasst hat. (Ensa Maurer)

Titel: Das Postfach
Autor: Birgit Stobbe
Verlag: Fischer TB
Seiten: 149
ISBN: 3596145228

Niemalsland

Erstellt am: November 15th, 2007

Richard Mayhew ist nach London gezogen und hat einen guten Job und eine, zugegebenermaßen manchmal etwas strapaziöse Freundin. Doch eines Tages stolpert er über ein verletztes junges Mädchen namens Door und bringt sie auf ihr Bitten und gegen den Willen seiner Zukünftigen in seiner Wohnung in Sicherheit.

Damit beginnen die wunderlichen Ereignisse. Zuerst tauchen die beiden unheimlichen Männer Mr. Croup und Mr. Vandemar auf um nach dem Mädchen zu fragen. Dann schickt sie eine Taube um einen gewissen Marquis de Carabas um Hilfe zu bitten. Mit ihm zusammen machen sie sich auf den Weg zu ihrem zu Hause im rätselhaften “Unter-London”.

Als Richard nach einigen ungewöhnlichen Erlebnissen in sein gewohntes Leben zurückkehren will, muss er feststellen, dass es ihm kaum mehr gelingt bemerkt zu werden. Nur wenn er jemand direkt anspricht wird er kurzzeitig bemerkt, aber gleich wieder vergessen. Als er so plötzlich ohne Job dasteht und wildfremde Leute gerade dabei sind, trotz seiner Anwesenheit in seine Wohnung einzuziehen, beschließt er, noch mal nach “Unter-London” zurückzukehren um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch damit wird er in eine höchst gefährliche Geschichte hineingezogen.

Das Buch beruht auf der BBC Serie gleichen Namens. Bekannt wurde Gaiman als Texter für Comics wie “Sandman” oder “Die schwarze Orchidee” und der zusammen mit Terry Pratchett geschriebenen Parodie auf “Das Omen” mit dem Titel “Ein gutes Omen”. Er benutzt einen typisch britischen Humor in dem Buch, trocken und lakonisch, und setzt in deutlich sparsamer ein als Pratchett oder Douglas Adams und seine Geschichte ist auch lange nicht so “abgedreht” wie die Bücher der Beiden.

Neben einer spannenden und voller origineller Ideen steckenden Fantasy-Story steckt in dem Roman auch eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik. “Unter-London” ist von den Menschen bewohnt, die durch das Netz gefallen sind und von der “normalen” Gesellschaft nicht mehr bemerkt werden. Eine Art “Sandler”-Allegorie (für die Leser aus Deutschland – “Sandler” = wienerisch für “Berber”).

Die Übersetzerin hat sich bei der Eindeutschung von Namen erfreulicherweise sehr zurückgehalten.

Leseprobe:

Das Mädchen, dem es, wie er feststellte, bereits gelungen war, den Großteil des Obstes aufzuessen, das Richard mitgenommen hatte, sah ihn verlegen an. Dann lächelte es ein wenig schief und sagte etwas, das so ähnlich klang wie Anaesthesia. “Ich hatte Hunger”, sagte sie.

“Tja, ich auch”, erwiderte er.
Sie warf einen Blick auf die Feuerchen an der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Dann sah sie wieder Richard an.
“Magst du Katze?”, fragte sie.
“Ja”, sagte Richard. “Katzen mag ich ganz gern.”
Anaesthesia wirkte erleichtert. “Bein?” fragte sie. “Oder Brust?”

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Niemalsland
Autor: Neil Gaiman
Verlag: Heyne Verlag
Seiten: 365
ISBN: 3453137574

Griff in den Staub

Erstellt am: November 15th, 2007

Der Nobelpreisträger William Faulkner(1897-1962)ist einer der bedeutendsten amerikanischen Romanciers des 20.Jahrhunderts. “Vor die Wahl gestellt, zwischen dem Leid und dem Nichts, wähle ich das Leid,” sagte er einmal. Sein Engagement galt den Leidenden, den Benachteiligten auf dieser Welt. Das zeigt sich auch in dem 1948 in Amerika und 1951 in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman “Griff in den Staub”. Er spielt im Süden der Vereinigten Staaten, in dem längst zum Mythos und zur Legende gewordenen Landstrich beidseits des Mississippi, den der Autor Yoknapatawpha nannte und in dem auch er zu Hause war.

Der Farbige Lucas Beauchamp – in den Südstaaten sprach man von Neger oder schlimmer noch von Nigger – war ins Gefängnis eingeliefert worden, weil er am Abend zuvor einen Weißen umgebracht haben soll. Keiner im Landkreis dachte daran, ihm, dem schwarzen Mörder, zu helfen. Aber dann fand sich doch jemand: der sechzehnjährige Charles Mallison junior, der zusammen mit seinem Freund Aleck Sander und Miss Habersham das Unmögliche möglich machte. Er bewerkstelligt die Exhumierung des Ermordeten, wobei sich herausstellt, dass der Mord nicht mit Lucas’ altem einundvierziger Colt verübt worden war, sondern mit einer deutschen Luger-Pistole. Auch Charles’ Onkel, von Beruf Rechtsanwalt, der zunächst gesagt hatte, er verteidige keine Mörder, “die Leute hinterrücks erschießen”, ist plötzlich mit von der Partie. Selbst Sheriff Hampton lässt sich am Ende von Lucas’ Unschuld überzeugen.

Obgleich Faulkner sich hier der Mittel der Detektivgeschichte bedient, ging es ihm um mehr als um einen simplen Krimi, ihm ging es vor allem darum, das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den Südstaaten und das dort herrschende Rassenproblem zur Sprache zu bringen. Drückte doch schon die Feststellung “er ist ein Neger” in dieser Gegend in früheren Zeiten ein negatives Urteil aus, hinter dem sich eine Welt voll Verachtung verbarg.

Allerdings ist der Roman wegen seiner inneren Monologe und weitschweifigen Reflexionen und seiner nicht enden wollenden Sätze nicht einfach zu lesen. Zumindest braucht man etwas Zeit und Geduld, um sich einzulesen und um die Feinheiten des Textes zu erkennen: seine subtile Architektonik und ausgefeilte Erzähltechnik. Doch sobald man sich damit vertraut gemacht hat, gewinnt die etwas umständlich entfaltete Geschichte an Spannung und Dramatik.

Zudem verrät sie die enge Beziehung des Autors zur Landschaft beidseits des Mississippi und eine intime Kenntnis ihrer Bewohner, ihrer Traditionen und Legenden. Faulkner lässt seine Gedanken über die Stellung der Südstaaten und die Politik der Nordstaaten miteinfließen und seinen Protagonisten Charles über die Geschichte seines Landes reflektieren und sich in Visionen ergehen. “Eines Tages wird Lucas Beauchamp”, glaubt und träumt Charles, “einen Weißen hinterrücks niederschießen können, ohne sich der Bestrafung durch Lynchstrick oder Benzin mehr auszusetzen als ein Weißer; bald wird er ein Wahlrecht ausüben, wann und wo immer das ein Weißer tun kann” und dergleichen mehr.

Wie gesagt, eine nicht ganz leichte, aber auch heute noch lohnende Lektüre. (Ursula Homann)

Titel: Griff in den Staub
Autor: William Faulkner
Verlag: Diogenes
Seiten: 222
ISBN: 257201516

Der Boden unter ihren Füßen

Erstellt am: November 15th, 2007

Der indische Fotograf Rai befindet sich mit dem weiblichen Popstar Vina auf einer Konzerttournee in Mexiko als sie bei einem starken Erbeben ums Leben kommt. Vina war die Ehefrau des genialen Musikers Ormus Cama und die zeitweilige Geliebte von Rai. Rai erzählt nun die Geschichte dieses außergewöhnlichen Liebespaares und seine eigene. Er und Ormus wuchsen in Indien auf und kannten sich seit ihrer Kindheit. Vina wurde nach einer tragischen und turbulenten Kindheit ebenfalls nach Indien verschlagen und lernt die Beiden dort kennen und Ormus und sie verlieben sich unsterblich ineinander.

Alle drei werden durch verschiedene Umstände in den Westen verschlagen, Vina zuerst nach Amerika, Ormus und zuletzt Rai nach England. Während Vina in Amerika kleine Erfolge als Sängerin hat, beginnt auch die musikalische Karriere von Ormus in England Gestalt anzunehmen. Doch bei einem Autounfall wird er so schwer verletzt, daß er Jahrelang im Koma liegt. Erst als Vina davon erfährt und zu ihm reist, kehrt er in das Leben zurück. Von da an beginnt ihr gemeinsamer Aufstieg zu Superstars der Popmusik aber auch ihre turbulente Beziehung zueinander.

Rushdies Epos über Rock & Roll, nahezu perfekter und unerfüllter Liebe und dem Tod, der oft eine beängstigende Begleiterscheinung dieser beiden Themen zu sein scheint. Sowohl die wirklich große Liebe als auch viele der wirklichen Superstars mussten früh sterben um unsterblich zu werden.

Rushdie schreibt darüber in einer unglaublich farbigen und lyrischen Sprache, vernachlässigt dabei aber die zu erzählende Geschichte nicht. Immer wieder zieht er Parallelen zu den griechischen und indischen Mythen und als Leser hat oft den Eindruck, einem orientalischen Geschichtenerzähler beim fabulieren zuzuhören. Er scheint fast jede seiner Romanfiguren mit allen ihren Eigenarten ins Herz geschlossen zu haben und die wenigen wirklich negativen Figuren schont er durch untypisch sparsame Beschreibung als ob er ihre Bösartigkeit nicht wirklich verstehen und darum nicht darüber schreiben könne.

Sowohl durch die erzählte Geschichte als auch durch seine Sprache beherrscht eine schwermütige Lebensfreude die Stimmung im Buch und eine starke selbstzerstörerische Ader das Leben seiner Protagonisten. Schlussendlich verlieren sie den Titel gebenden “Boden unter ihren Füßen” mit Ausnahme des Erzählers Rai.

Die Geschichte spielt übrigens in einer Welt, die der unserer sehr ähnlich, aber in manchen Details nicht identisch ist. Dadurch wird der Eindruck der Märchenhaftigkeit noch verstärkt, was durch die oftmalige Bezugnahme auf die indische Kultur und Geschichte beim aus dem Westen stammenden Leser auch schon so geschieht. Das bedeutet aber nicht eine verklärte Sicht auf den Orient und Indien im Speziellen und er lässt es nicht an Kritik sowohl über dortige Verhältnisse als auch über die westliche Gesellschaft mangeln.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Der Boden unter ihren Füßen
Autor: Salman Rushdie
Verlag: Kindler
Seiten: 742
ISBN: 3463403021

Der Gott der kleinen Dinge

Erstellt am: November 15th, 2007

Dezember 1969: Mit gemischten Gefühlen sehen die indischen Zwillinge Estha und Rachel der bevorstehenden Ankunft ihrer Cousine Sophie entgegen. Der Junge Estha und seine Schwester erfahren im Hause ihrer Großmutter nur wenig Liebe, stets wird ihnen vor Augen geführt, dass sie und ihre Mutter Ammu dort eigentlich nur geduldet werden, denn Ammu ist nach ihrer Heirat mit einem “falschen” Manne und erst recht nach der Ehescheidung bei ihren Angehörigen in Ungnade gefallen.

Nun müssen die Kinder befürchten, dass auch noch das letzte Quäntchen Zuneigung der neunjährigen Sophie Mol entgegenkommt und für sie überhaupt nichts mehr übrig bleibt.

Einzig bei Velutha, der als Schreiner und unentbehrliches “Mädchen für alles” im Betrieb der Großmutter arbeitet, fühlen sich die Zwillinge geborgen, sie lieben den freundlichen jungen Mann, einen “Unberührbaren” mit der ganzen Inbrunst, zu der sie in der Lage sind.

Als sich Ammu, kurz nach der Ankunft der kleinen Sophie und ihrer Mutter Magarete, in Velutha verliebt, bricht das Unheil, das bereits drohend, wie eine dunkle Wolke, seine tiefen Schatten vorausgesandt hatte, herein.

Am Ende sind Sophie und Velutha tot, die Zukunft der Zwillinge Estha und Rahel ist zerstört, Margarete und Ammu in Verzweiflung und Depressionen gestürzt.

Auslöser der Katastrophe sind Verrat, Eifersucht, Lügen, Hass, Brutalität und nicht zuletzt eine überkommene Gesellschaftsordnung, in der die einen (Männer und Angehörige der oberen Kasten) alles, die anderen aber (Frauen und vor allem “Unberührbare”) so gut wie gar nichts dürfen.

Das Buch entführt seine Leser in ein fernes, den meisten vermutlich unbekanntes Land. Die Autorin erzählt anschaulich und poetisch mit zum Teil wunderschönen Bildern. Sie spielt mit der Sprache, erfindet kleine Rätsel und Aphorismen, jongliert mit Wörtern und Sätzen.

Die schönste Passage des gesamten Werkes präsentiert uns Arundhati Roy gleichsam als Dessert mit Sahnehäubchen ganz am Ende des Romans.

Selten habe ich eine schönere Beschreibung einer erotischen Begegnung gelesen. Die Liebesszene zwischen Ammu und Velutha ist zärtlich, erregend und beglückend, aber an keiner Stelle kitschig oder gar peinlich. Wie viele von Männern geschriebene erotische Texte habe ich schon gelesen ohne auch nur das geringste Prickeln zu verspüren.

Arundhati Roy jedoch gelingt es mühelos, mich zu verzaubern und zu stimulieren. Offenbar können Frauen so etwas besser als Männer!!!!!

Irgendein Kritiker hat Arundhati Roy mit Salman Rushdie verglichen. Ich kann mich dieser Bewertung nicht so ganz anschließen, denn mir gefällt “der Gott der kleinen Dinge ” bei weitem besser als die “satanischen Verse” (Verzeihung Mister Rushdie!).

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”

Titel: Der Gott der kleinen Dinge
Autor: Arundhati Roy
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 379
ISBN: 3442448387

Kelch und Schwert

Erstellt am: November 15th, 2007

Ceridwen ist auf der Flucht, sie will keinesfalls mit Caradoc, dem Keiler von Balor Keep verheiratet werden. Caradoc hat den Ruf ein äußerst brutaler Mann zu sein. Und Ceridwen hat in ihrem Buch ihre Zukunft gelesen, und das was dort beschrieben stand, darf niemals eintreten. Jedoch ist sie jetzt einem viel schlimmeren Mann in die Hände gefallen, Ragnor the Red, dem Hauptmann der Wach in Wydehaw Castle. Zur Belustigung wurde sie im Saal der Burg an der Wand festgekettet. Da taucht jedoch plötzlich unerwartet Hilfe auf. Denn der Lord von Wydehaw hat seinen Magier rufen lassen, Dain Lavrans, der einzige Mann vor dem selbst Ragnor sich fürchtet.

Dain wird beauftragt das Mädchen zu pflegen und seine Gesundheit und Schönheit wieder herzustellen. Also nimmt er Ceridwen mit in seinen Turm. Und schon bald ist die junge Frau nicht mehr nur eine lästige Pflicht für ihn. Denn eigentlich lebt Dain nur für sich selbst und seinen Vorteil. Das ändert sich je besser er Ceridwen kennen lernt. Es fällt ihm immer schwerer zu glauben, das er sie an seinen brutalen Freund ausliefern will, sobald Ceridwen wieder gesund ist.

Als jedoch Beltaine anbricht, wirken mehr als nur erdliche Kräfte. Rhuddlan, der Anführer der Quicken-Tree, einer magischen Sippschaft die im Wald lebt, weiß das Ceridwen magische Kräfte besitzt und nur zusammen mit Dain wird es ihr möglich sein, das Tor zwischen Zeit und Raum zu öffnen. Noch mehr außergewöhnliche Abenteuer müssen Dain und Ceridwen bestehen und sehen, ob das Schicksal eine gemeinsame Zukunft für sie vorgesehen hat.

Ein geradezu göttlich-gutes Buch. “Kelch und Schwert” erzählt eine wundervolle Fantasy-Liebesgeschichte, die den Leser geradezu in seinen Bann zieht. Wer diese Geschichte verpasst, dem entgeht ein unvergleichlicher Lesespaß. Also nichts wie auf und das Buch gekauft, denn “Kelch und Schwert” gehört zu den Büchern, an die man sich noch nach Jahren erinnern wird und die man immer wieder gerne liest.

Kritik geschrieben von Isolde Wehr, Herausgeberin von Die romantische Bücherecke

Titel: Kelch und Schwert
Autor: Glenna McReynolds
Verlag: Goldmann
Seiten: 571
ISBN: 3442352274

Small World

Erstellt am: November 13th, 2007

Konrad Lang, ein älterer Herr hütet die griechische Sommerresidenz einer steinreichen Familie. Als das Haus durch Langs Unachtsamkeit ein Raub der Flammen wird, entschließt sich die Matriarchin der Familie, Elvira Senn, Herrn Lang zurück in die Schweiz zu holen. Obwohl Konrad der alten Dame durchaus lästig und unbequem ist, fühlt sie sich aus irgendeinem, zunächst nicht näher bekannten Grund, verpflichtet, ihn zumindest so weit zu unterstützen, dass er genug zum Leben und ein Dach über dem Kopf hat.

Herr Lang vermag es sich zunächst nicht einzugestehen, aber er leidet an einer zunehmenden Schwäche seines Kurzzeitgedächtnisses. Am Anfang sind es nur Kleinigkeiten, die er vergisst, aber im Laufe der Zeit wird es immer schlimmer. Er verläuft sich, irrt halbnackt bei schneidender Kälte im Schnee umher, erinnert sich nicht mehr an den Namen oder das Gesicht seiner Lebensgefährtin, selbst die simpelsten Verrichtungen, wie Essen und Trinken misslingen ihm, so dass er schließlich zum Pflegefall wird – Alzheimer. Doch mit dem Verschwinden der Erinnerungen an gerade erst Erlebtes kommen uralte, längst verschüttet geglaubte Bilder wieder an die Oberfläche seines Gedächtnisses. Erlebnisse aus seiner frühen Kindheit sind ihm plötzlich so gegenwärtig, als wären sie erst gerade eben passiert.

Elvira Senn, seiner reichen “Gönnerin” ist diese neue Fähigkeit Langs ausgesprochen unheimlich, denn es scheint ein dunkles Geheimnis zu geben, das sie mit Konrad verbindet. Damit das Unrecht, das Lang in seiner Kindheit durch Elvira Senn angetan wurde, niemals offenbar wird, beschließt die alte Dame seinen Tod. Eine Insulinspritze soll ihn ins Jenseits befördern. Dank der Aufmerksamkeit einer jungen Pflegerin überlebt Lang den Anschlag.

Doch nicht nur das – die teure Behandlung durch einen Alzheimerspezialisten zeigt langsam Wirkung, Langs Zustand bessert sich zusehends. Die durch die Insulinspritze ausgelöste vorübergehende Unterzuckerung des Blutes scheint ebenfalls zu Konrads Gesundung beizutragen, so dass er am Ende wieder fast der alte ist.

Mir hat das Buch gut gefallen, es liest sich flüssig und durchweg spannend. Es vereint Elemente des Krimis und des psychologischen Romans mit Gesellschaftskritik und gibt dem Leser darüber hinaus einen Einblick in die Probleme von Pflegern und Patienten.

Die nahezu vollständige Heilung eines Alzheimerpatienten durch moderne Medikamente (vielleicht in Kombination mit einer massiven Unterzuckerung des Blutes) ist kein Hirngespinst des Autors, sondern es liegen wissenschaftliche Erkenntnisse vor, die tatsächlich in diese Richtung zu weisen scheinen.

Insgesamt kann ich sagen: Das Buch ist sehr empfehlenswert.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland”.

Titel: Small World
Autor: Martin Suter
Verlag: Diogenes
ISBN: 3257230885

Weitere Buchbesprechungen im Lesertreff: