The Deep End – Trügerische Stille
Erstellt am: Dezember 20th, 2007Sie gehörte zu einer der Lieblingsautorinnen von Alfred Hitchcock, doch trotzdem ist ihr Roman „The Blank Wall“ in Deutschland nahezu unbekannt und ihren Namen kennen auch nur wenige. Dabei war Elisabeth Sanxay Holding eine der führenden Krimiautorinnen ihrer Zeit und veröffentlichte bis zu ihrem Tod 1955 mehr als zwei Dutzend Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Raimond Chandler sagte einmal über sie: „Elisabeth Sanxay Holding ist eine Meisterin des Spannungsromans. Ihre Charaktere sind wunderbar, und sie schreibt mit einer inneren Ruhe, die unwiderstehlich ist.“
All diese von Chandler genannten Eigenschaften treffen auch auf „The Blank Wall“ zu. Doch ihr fesselnder Psychothriller wird aber wohl jetzt, in der zweiten Verfilmung, hoffentlich die gewünschte Aufmerksamkeit finden. 1949 wurde der Roman bereits schon einmal von Max Ophüls verfilmt und 2001 noch einmal unter dem Titel „The Deep End – Trügerische Stille“. Die Verfilmung ist mit Tilda Swinton in der Hauptrolle hervorragend besetzt und könnte vielleicht verhindern, dass die erneute Publikation ihres Romans nur als ein Teil der Merchandisingkette begriffen wird. Denn dazu ist die Geschichte, die Holding erzählt, viel zu spannend geraten:
Die heile und zufriedene Welt einer zweifachen Mutter und Hausfrau gerät über Nacht aus den Fugen, denn als sie am Morgen zum Schwimmen gehen will, entdeckt sie die Leiche eines Mannes. Dabei handelt es sich um den selben Mann, den sie tags zuvor gewarnt hat, seine Finger von ihrer minderjährigen Tochter zu lassen. Jetzt liegt er tot in ihrem Schuppen und alle Anzeichen deuten auf einen Mord hin. Jetzt gerät die ehemals so unbesorgte Frau in einen Zwiespalt, denn ihre Idylle will sie um keinen Preis der Welt gefährden. Deshalb beschließt sie, die Leiche verschwinden zu lassen, doch schon bald tauchen die ersten Komplikationen auf…
Holding bezieht ihre Spannung weniger aus den äußeren Umständen als vielmehr aus dem inneren Disput der Protagonisten, die durch die Ereignisse vollkommen überfordert ist, und das alles gelingt ihr mit Bravour. Eine beinah nervenzerreißende Spannung entwickelt sich, da der Charakter der Hauptakteurin so aufgebaut ist, dass man unweigerlich mitfiebern und Daumen drücken muss.
Fazit: „The Deep End – Trügerische Stille“ verdient die Aufmerksamkeit der treuen Fanschar von Psychothrillern und bietet auch für diejenigen, die den Film gesehen haben, noch genügend Überraschungen, die eine Lektüre rechtfertigen. (Tino Hahn)
Titel: The Deep End – Trügerische Stille
Autor: Elisabeth Sanxay Holding
Verlag: Heyne Verlag
Seiten: 254
ISBN: 3453212401
Parasit
Erstellt am: Dezember 20th, 2007Als plötzlich einige Bewohner einer kleinen Stadt mitten in den USA durchdrehen und ihre Mitbewohner auf sehr grauenvolle Art und Weise töten, schwant noch niemanden wirklich Böses. Doch bereits wenig später findet der Polizist Jake heraus, was die wahre Ursache dafür ist, warum sich die Leichenhalle immer mehr füllt und das Grauen Einzug hält…
Dabei sah am Anfang alles nach der Tat eines verrückten Sexverbrechers aus: Als die sehr attraktive Celia mit ihrem Fahrrad unterwegs ist und plötzlich von einem Lieferwagen von der Fahrbahn abgedrängt wird, drängt sich sofort der Verdacht auf, dass eine Vergewaltigung geplant war. Doch der Fahrer des Lieferwagens kommt bei diesem Unfall ums Leben, während irgendjemand aus dem Wagen flüchten kann. Der Polizist Jake nimmt sofort die Verfolgung auf, muss aber leider bei einer abgelegenen Raststätte unverrichteter Dinge seine Suche abbrechen. Die beiden neuen Besitzer der Raststätte kann er aber immerhin überreden, im Interesse ihrer eigenen Sicherheit nicht die Nacht in dem Gebäude zu verbringen. Doch als die beiden dann doch noch in der selben Nacht zurückkehren, nimmt das Grauen seinen Lauf, denn nicht irgendjemand konnte aus dem Lieferwagen flüchten, sondern irgendetwas…
Richard Laymon, der nach seinem Tod im Februar 2001 eine treue Leserschar und eine Bibliographie von mehr als 30 Romanen zurücklässt, konnte mit Romanen wie „Im Zeichen des Bösen“ sein Können unter Beweis stellen, Horror, Atmosphäre und ausufernde Gewalt stimmig zu vereinen. Doch bei „Parasit“ blitzt sein Können nur an einigen Stellen hervor, denn detaillierte Gewaltbeschreibungen ohne die dazu passende Atmosphäre rufen allenfalls Ekel hervor, was eines der am leichtesten zu erzeugenden Gefühle ist. Ebenso leicht ist Langeweile zu erzeugen, die man beim Lesen des Buches zwar selten verspürt, doch ein großer Wurf ist „Parasit“ sicherlich nicht, allenfalls solides Mittelmaß eines talentierten Handwerkers. Laymon hat aber bereits wesentliche bessere Bücher geschrieben, worauf sich wohl auch Stephen Kings vielzitierter Kommentar bezieht, der auch diesmal wieder einen prominenten Platz auf dem Umschlag gefunden hat: „Wer sich Laymon entgehen lässt, verpasst einen Hochgenuss.“ Und wie Joe R. Landsdale, dessen Kurzgeschichte „Die Nacht, in der sie den Horrorfilm verpassten“ zu einem der meistgenanntesten Vertretern des Splatterpunk-Genres gehört und darüber hinaus auch noch sozialkritische Aspekte beinhaltet, zu folgender Aussage kam, ist mir schleierhaft: „Parasit ist eines der gemeinsten, ekligsten und verrücktesten Bücher, die ich jemals gelesen habe.“ Die Moral von der Geschichte lautet schlicht und ergreifend: Auch wenn sich anerkannte und über fast jeden Zweifel erhabene Autoren lobend über einen Autor bzw. sein Buch äußern, kann es trotzdem nur Mittelmaß sein.
Fazit: „Parasit“ von Richard Laymon ist ein solide geschriebener Horrorschocker, der aber Kennern des Genres kaum neue Impulse geben wird und auch im Gesamtwerk von Laymon nur einen Platz im Mittelfeld einnehmen kann. Kein unbedingtes Muss, aber für den heftig-deftigen Lesespaß zwischendurch allemal passabel.
Titel: Parasit
Autor: Richard Laymon
Verlag: Festa Verlag
Seiten: 320
ISBN: 3935822081
Moderne Horrorautoren 2
Erstellt am: Dezember 20th, 2007Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war definitiv das Genre des Serienkillers, und deshalb verwundert es nicht, dass sich der renommierte amerikanische Phantastik-Kenner S.T. Joshi diesmal auch einem der Väter des Serienkiller-Genres annimmt: Thomas Harris, der Autor von „Das Schweigen der Lämmer“, „Roter Drache“ und „Hannibal“ hat maßgeblichen Einfluss darauf gehabt, dass speziell im zweiten Drittel der 90er Jahre ein wahrer Serienkiller-Hype einsetzte. Grund genug für Joshi, Harris’ Werke einer eingehenden und kontroversen Analyse zu unterziehen. Joshi ist schon seit jeher dafür bekannt, allgemein renommierte Autoren zu sezieren und ihnen mittelmäßige literarische Fähigkeiten und fehlende Allgemeinbildung zu attestieren, während er seine persönlichen Favoriten gegen jede Kritik verteidigt. So ist es auch bei Harris: Er wirft dem Autoren vor, in seinem Erstlingswerk „Schwarzer Sonntag“ eine alberne Grundidee entworfen zu haben, die aber leider mittlerweile von der Realität noch überboten wurde und deshalb wurde eindrucksvoll bewiesen, dass die Idee ganz und gar nicht albern war, sondern jederzeit schreckliche Realität werden kann: In „Schwarzer Sonntag“ wollen Terroristen einen mit Sprengstoff gefüllten Zeppelin über einem vollbesetzten Footballstadion zur Explosion bringen.
Weiterhin kritisiert Joshi, dass ihn die Romane von Harris nicht in Schrecken versetzen können, da es sich dabei nicht um reinrassige Horror-Romane handelt. Doch ob der Schrecken dadurch nicht noch stärker wird, interessiert Joshi nicht. Auch die explizite Darstellung von Gewalt stößt bei Joshi auf Ablehnung, so dass man seine Ausführungen auf jeden Fall objektiv lesen sollte, denn sie beinhalten eine wahre Vielzahl an interessanten Argumentationen. Auch wenn man sicherlich des öfteren mit seinen Ansichten konträr gehen wird, sind sie immer sehr interessant zu lesen und man entdeckt oft Körner der Wahrheit daran. Auch Autoren wie Ramsey Campbell, Robert Bloch, Anne Rice, Bret Easton Ellis, Peter Straub, Thomas Ligotti und viele mehr werden im vorliegenden Werk „Moderne Horrorautoren 2“ eingehend unter die Lupe genommen und ihr Gesamtwerk analysiert und kritisiert. Joshis Ausführungen sind unbedingt lesenswert, auch wenn seine Aussagen definitiv polarisieren werden. Aber er trifft oft ins Schwarze oder man kann sich an seinen Argumenten und Ansichten sehr gut reiben. Auf jeden Fall bietet er viel Diskussionsstoff für Fans und Literaturinteressierte.
Fazit: „Moderne Horrorautoren 2“ ist eine weitere Essay-Sammlung von S.T. Joshi, der einmal mehr renommierte und beliebte Horrorautoren seziert und ihr Gesamtwerk mal mehr, mal weniger würdigend analysiert. Kontroverser und sehr unterhaltsamer Lesestoff ist garantiert und sollte jedem ernsthaften Fan dringend ans Herz gelegt werden! (Tino Hahn)
Titel: Moderne Horrorautoren 2
Autor: S.T. Joshi
Verlag: Festa Verlag
Seiten: 254
ISBN: 3935822022
Der besessene Bibliothekar
Erstellt am: Oktober 21st, 2007Mircea Eliade, einer der größten, wenn nicht der größte Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, schrieb seinen Roman „Der besessene Bibliothekar“ in den Jahren 1930 und 1931, lange bevor er Weltruhm erlangte. Der Rumäne war in seinen frühen Zwanzigern, als er in einem indischen Ashram zur Feder griff, um einen Text zu verfassen, der zwar das Epitheton phantastisch trägt, zu Recht aber philosophisch genannt werden müsste. Die äußere Handlung berührt den Bereich des Okkulten, ist aber insgesamt gesehen zu karg, um das Ganze des Romans zu erfassen.
Eines Abends ist der Bibliothekar Cesare vertieft in die Übersetzung griechischer Manuskripte, als in der Bibliothek ein Feuer ausbricht. Als er versucht zu fliehen, stehen plötzlich zwei halbnackte Männer und eine Frau vor ihm: der Direktor, seine Assistentin Melania und ein junger Journalist – Manuel. Bei dem Versuch, Melania zu retten, wird Cesare schwer verletzt und droht zu erblinden. Noch einmal erlangt er das Augenlicht wieder. Aber seine lichte Zeitspanne ist begrenzt. Cesare geht auf Reisen und mit der Zeit wird deutlich, daß er unfreiwillig Zeuge eines sexualmagischen Ritus wurde, der einen Erlöser beschwören sollte. Ist dieser Erlöser Cesare?
Nicht die Handlung macht den Roman aus, sondern die Gespräche der Figuren beziehungsweise deren Innensicht, der (geschichts)philosophische Gehalt. In indirekter Rede gibt der Erzähler ein Gespräch wieder, dessen Zeuge Cesare wurde, und zwar aus der Perspektive des Bibliothekars:
„… Der stotternde Reisende schlug anstelle eines vollkommen abhängigen und determinierten Kosmos eine Reihe von ‘Agenten’ vor, Machtmenschen oder Ideen, die plötzlich in der Welt auftreten, die elektrisieren, umstürzen, unvorhergesehene Handlungen auslösen, ohne daß jemand von ihnen wüßte. Diese Sorte Menschen, die immer nach den Ursachen forscht, ahnt oder erfindet allerlei Erklärungen, aber eine einfache Begründung kann sie nicht liefern – wenngleich es auch keine übernatürliche gibt. Cesare schätzte seine [und zwar seine eigene] tiefgehende und geradlinige Argumentation, obwohl diese von Nebensächlichkeiten und Paradoxien verdorben war.“ (S. 92)
Man könnte diesen Gedankengang auf die Opposition Hegel versus Nietzsche reduzieren. Doch die ironische Anmerkung des Erzählers – „von Nebensächlichkeiten und Paradoxien verdorben“ – läßt dies nicht zu. Anspielungen auf eine sozialdarwinistische oder marxistische Weltsicht finden sich zur Genüge, spiegeln letztlich aber nur eine Zeit im Umbruch wider, zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland.
Die optische Metapher – Blindheit versus Sehen – führt zurück in einen platonischen Kontext und ruft die Metaphorik der Aufklärung in Erinnerung. Tatsächlich bleibt die Reflexion über die Universalien nicht aus. Das Gegensatzpaar Ideen und Gegenstände leitet über in einen seit Jahrhunderten diskutierten poetologischen Kontext. Aber auch hier bleibt es nicht bei einer bloßen Opposition. Wo die Figur Cesare sich im Pathos zu verlieren droht, greift die Ironie des Erzählers relativierend ein und entlarvt das Pathetische als bloße Pose: „… er würde ein Magier sein, ein Zarathustra, weil das Licht von nun an für ihn eine Nahrung wäre und keine Leere, wie für die anderen, und das Nahen des Todes würde ihn das wahre Leben schätzen lehren. Einem Erlöser gleich. Cesare opferte sich selbst. In der Agonie würde man es sehen. Seine Erblindung würde die offenbarte Wahrheit besiegeln, weil es keine Wahrheit aus bloßen Gedanken, sondern eine aus Fleisch und Blut war – wie ein Lieblingsschriftsteller Fräulein Martas zu sagen pflegte.“ (S. 154)
Der junge Eliade spart nicht mit versteckten Seitenhieben auf alle Strömungen des Zeitgeists der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre. Er reflektiert die Situation des Intellektuellen in der Gesellschaft – seine absolute Nutzlosigkeit und zugleich die Notwendigkeit seiner Existenz.
Mircea Eliade, „Der besessene Bibliothekar“, in der Übersetzung von Richard Reschika ist erschienen im Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1995, ISBN 3-458-16719-6, 358 Seiten. Erstmals erschien der Roman 1934 in rumänischer Sprache unter dem Titel „Lumina ce se stinge“ (Das verlöschende Licht). (Alexander Amberg)
Titel: Der besessene Bibliothekar
Autor: Mircea Eliade
Verlag: Suhrkamp Verlag
Seiten: 357
ISBN: 3518393286
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