Cafe Brazil
Erstellt am: September 21st, 2007Leif Gone hat am 5. März 1997 gegen 17 Uhr auf einem Schrottplatz in Hamburg mit der Ermordung von Knut Leerdam das Kunstwerk seines Lebens begonnen. Herr Allert, der Untersuchungsrichter fordert ihn auf, sich zu erinnern.
Jana hat es ihren Eltern zu verdanken, dass sie als Austauschschülerin in einem rosaroten Zimmer eines amerikanischen Upper-Class-Hauses in einem Kaff in Pennsylvania gelandet ist. Ihre Gasteltern bitten sie, sie “Mom” und “Dad” zu nennen. Ausgerechnet am 24. Dezember dreht Lorraine alias Mom durch, und es kommt zum Eklat.
Lukas mischt sich auf äußerst originelle Weise in das Leben seiner Ex-Freundin Kirsten, die ihn vor Jahren gegen einen Uwe getauscht hat, ein. Dank eines kopierten Schlüssels für ihre Wohnung kann er sich unbemerkt in diese schleichen und Kirstens Habseligkeiten mit Kleinigkeiten aus seinem Besitz anreichern. Manchmal verzichtet er aber auch darauf und begnügt sich damit, ihren Dingen eine neue Ordnung zu geben.
Nessie, die eigentlich Nathalie heißt, sitzt mit ihrem Freund Peter im Café Brazil und verfolgt eher unaufmerksam ein Fußballspiel zwischen Brasilien und Dänemark. Gerade hat die 27-Jährige festgestellt, dass die Liste ihrer Liebhaber, die sie seit ihrem 15. Lebensjahr penibel führt, auf 99 angewachsen ist. Der magischen 100, beschließt sie, wäre es angemessen, nicht wahllos vergeben zu werden.
Katinka besucht ihre Großmutter in Bremen, die gerade in eine Senioren-Wohnanlage umgezogen wurde. Vier Tage lang will sie sich um sie kümmern, für sie einkaufen und ihr vorlesen. Doch schon auf der Anreise spürt sie, dass etwas mit ihr nicht stimmt, und in Bremen angekommen diagnostiziert der konsultierte Notarzt eine Nierenentzündung. Mit der Situation, plötzlich zum Pflegefall geworden zu sein, ist nicht nur Katinka völlig überfordert.
Zwölf kurze Erzählungen hat Tanja Dückers in ihrem Buch “Café Brazil” vereint. Es sind Geschichten, die von völlig unterschiedlichen Protagonisten und Locations, von grotesken Begebenheiten, Dialogen und verblüffenden Momenten leben. Ihre volle Kraft entwickeln sie jedoch erst durch die gleichsam unspektakulären wie effektiv-amüsanten Formulierungen, die feine Selbstironie und die liebevoll verpackten Gemeinheiten der Autorin. Scheinbar mühelos schlüpft Tanja Dückers – zumeist in der Ich-Form erzählend – in die bunte Palette heterogener Charaktere und Situationen, die sie eigenwillig fokussiert beschreibt.
Tanja Dückers wurde 1968 in Berlin geboren und lebt heute in ihrer Heimatstadt und in Barcelona. Sie studierte an der Berliner FU Germanistik und Nordamerikanistik und lieferte journalistische Arbeiten für renommierte Tageszeitungen und Magazine. 1999 erschien ihr vielbeachteter Debüt-Roman “Spielzone”. Für das seinerzeit noch unveröffentlichte Manuskript ihres Erzählbandes “Café Brazil” erhielt Tanja Dückers im Herbst letzten Jahres den Förderpreis “Literaturpreis Ruhrgebiet”. (Ensa Maurer)
Tanja Dückers liest am 18. März ab 15 Uhr im Café Brazil (Gormannstraße 22) in Berlin-Mitte Erzählungen aus “Café Brazil”. Karten für die Veranstaltung können telefonisch unter der Nummer 030 – 28 59 90 26 reserviert werden.
Titel: Cafe Brazil
Autor: Tanja Dückers
Verlag: Aufbau Verlag
Seiten: 203
ISBN: 3351029136
Die Sirene – Eine Novelle
Erstellt am: September 21st, 2007Der Inhalt dieser Novelle ist schnell erzählt:
ein alternder Professor für Pädagogik erhält unverhofft einen Anruf von einer jungen Frau, die ihn kürzlich im Fernsehen gesehen hat.
Sie scheint schwer gestört, stammelt etwas von einer verlorenen Liebe, und ob er an Trennungen glaube. Zunächst ist er verwirrt, wundert sich, gerät aber alsbald in eine Art Bann und Verführung durch die Stimme der sich wiederholenden Anrufe dieser jungen Frau.
Zunächst noch zögernd, dann immer dringender wird sein Bedürfnis, die Stimme zu hören und eine Verabredung mit der jungen Frau zu treffen.
In einem steten Hin und Her werden Verabredungen getroffen, von der jungen Frau aber nie eingehalten. Sie bedrängt ihn einerseits und lässt ihn andererseits in der Luft hängen.
Zwei Seiten hat die Erzählung: die offensichtlich psychisch defekte junge Frau, die aus Einsamkeit und Not den Professor an sich zu binden und telefonisch zu verführen sucht. Daneben den alternden Professor, der sich im Alltagstrott und bürgerlichem Einerlei der Familie nur zu gerne der Verführung anheimgibt. Ja, die Anrufe wecken in ihm eine unstillbare Sehnsucht nach einem Abenteuer, spornen seine Phantasie an, sich dieser unerreichbaren ,unsichtbaren Person zu nähern. Seine Sinne werden stimuliert, so dass er sich sogar auf eine Abenteuer mit einer Prostituierten einlässt,–angespornt von der unsichtbaren Stimme, die ihn dazu auffordert. Die junge Frau leidet offensichtlich an schweren kommunikativen Defiziten.
Elsheimer, der Professor, wird durch diese Geschichte aus dem Alltäglichen herausgerissen,– und er lässt sich rausreißen! Leidet auch er an Defiziten? Gewiss nicht mehr, als jeder andere in einer langjährigen Ehe. Seine Frau ist eine nette ,kluge Frau, die Töchter schon halberwachsen.
Es muss Elsheimer schon innerlich sehr schlecht gehen ,dass er sich auf ein so dubioses Abenteuer einläßt. Er erliegt schnell seinen Phantasien, seinen Utopien von einem späten Glück und der fixen Idee um die Sehnsucht nach einer geheimnisvollen Unbekannten, in die er wohl mehr hineinsieht, als sie zu sein scheint. Sie ihrerseits nutzt die Gunst der Stunde, ihn sich emotional gefällig und willfährig zu machen,– ohne sich ihm je in der Realität zu zeigen.
Wie hat Wellershoff das Thema bearbeitet?
Ich finde , dass die Geschichte ein wenig langatmig , vom Muff ältlicher Personen überfrachtet ist. Nichts Frisches, wirklich Jugendliches oder Verführerisches geht von der jungen Frau aus.
Mir kommt die ganze Geschichte von der Idee her zwar vorstellbar, von der Ausführung her aber künstlich und aufgesetzt vor. Ich fand das Buch weder reizvoll, noch spannend,– einfach ein wenig langgezogen und mühsam . Und den Titel in Vergleich zu setzen mit den Sirenen aus dem Lexikon der antiken Mythologie , gibt der Geschichte einen Anspruch , dem sie nicht gerecht wird.
Mit einem Satz und salopp gesagt umkreist D. Wellershoff offensichtlich die immer gleichen Themen:
Liebeswunsch und Wirklichkeit, dargestellt zumeist von älter werdenden Männern und nach Liebe gierenden jüngeren Frauen .
Das Thema dieser Novelle mag für den einen oder anderen immerhin wert sein, sich mit der Geschichte zu befassen. Nicht im entferntesten reicht die Novelle an den Roman” Der Liebeswunsch” vom gleichen Autor heran. (Claudine Borries)
Titel: Die Sirene – Eine Novelle
Autor: Dieter Wellershoff
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 162
ISBN: 3462022024
Das Jahr, in dem ich nur spazieren ging
Erstellt am: September 21st, 2007September 1985. Als sich zum permanenten Gefühl, eine Grippe in sich zu tragen, starke Rückenschmerzen gesellen und die Wirkung obligatorischer Hausmittel durch Abwesenheit glänzt, ist ein Arztbesuch für den Studenten Michael Lohmann unabdingbar. Es folgt eine wochenlange Untersuchungstortur, die zunächst keinen Befund ergibt. Doch dann klopft mit der Diagnose “Morbus Hodgkins” plötzlich der Tod an die Tür des 25-Jährigen.
In seinem Buch “Das Jahr, in dem ich nur spazieren ging” erzählt Michael Lohmann eindrucksvoll von seinem schier aussichtslosen Kampf gegen die Krankheit, schildert sein Schwanken zwischen Optimismus und Resignation, zwischen Emotionalität und Rationalität. Unsentimental und ohne etwas zu beschönigen beschreibt er die Auswirkungen, die der Lymphdrüsenkrebs in seiner Psyche angerichtet hat, die körperlichen Reaktionen auf immer neue Therapieversuche, sein Streben nach einem Stück Normalität und die Suche zu sich selbst. Begleitet wird die persönliche und leidvolle Geschichte seiner Krankheit von auch für medizinische Laien verständlichen Informationen der Ärztin Andrea Jox: Eine glorreiche Kombination in einem wichtigen Buch.
Michael Lohmann, der Musik und Jura studierte, erkrankte 1985 als 25-Jähriger an Lymphdrüsenkrebs. Heute arbeitet er als freier Autor und lebt in Köln. Seine Co-Autorin Dr. Andrea Jox, die im Buch für die fachlichen Hintergrundinformationen verantwortlich zeichnet, wurde 1967 geboren und ist seit 1993 an der Kölner Uni-Klinik tätig. Sie promovierte auf dem Gebiet der Hämato-Onkologie. (Ensa Maurer)
Titel: Das Jahr, in dem ich nur spazieren ging
Autor: Michael Lohmann, Andrea Jox
Verlag: Econ Verlag
Seiten: 299
ISBN: 3548710018
Nymphodora Ivanovna
Erstellt am: September 21st, 2007Die Geschichte mit dem Untertitel: “Eine Erzählung aus Sankt Petersburg im Jahre 1836″ ist erst 1960 entdeckt und aus Handschriftenvergleichen und aufgrund von weiteren Merkmalen Goncharov zugeschrieben worden. 1993 ist das Büchlein dann zum ersten Mal in der Zeitschrift Moskva erschienen.
Es ist eine merkwürdig altmodische , ein klein wenig umständlich beschriebene Liebesgeschichte, fast dem Genre Kriminalfall zuzuordnen.
Ivanovna erscheint schüchtern und verschämt auf dem Polizeirevier, um ihren Mann als vermisst zu melden.
Die als zart und empfindsam beschriebene junge Frau ,Ivanovna, hat einen hübschen ,ansehnlichen Mann geheiratet und einen Sohn mit ihm. Nun ist er plötzlich fort! All’ das Geschehen in der Folge dreht sich um ihren Verlust, ihre Verzweiflung nach dem plötzlichen Verschwinden ihrer großen Liebe.
Merkwürdige Dinge ereignen sich: sie vermeint ihn verschiedentlich zu sehen. In eigentümlichen Situationen sieht sie ihn immer wieder. Man hält sie für verrückt,– sie scheint selbst an sich zu zweifeln.
Die Pointe soll hier nicht vorweggeno
mmen werden,– es klärt sich einiges auf, sie ist nicht verrückt. In einem weitausholenden und zuweilen geheimnisvoll anmutenden Stil wird hier eine Liebesgeschichte fast nur skizziert, die in einen Kriminalfall mündet. Gegenüber den heutigen, schnell erzählten und spannenden Liebes- und Kriminalgeschichten, leuchtet hier wirklich eine andere und längst vergangene Zeit zu uns herüber. Wie schön liest sich so etwas in einer ruhigen Stunde mit viel Muße!
Es ist ein kleines Meisterwerk, gepflegt geschrieben, so wie die Aufmachung des kleinen Büchleins auch etwas Gepflegtes an sich hat. Das Büchlein eignet sich als anspruchsvolles kleines Geschenk für den Leser mit gehobenem Geschmack! (Claudine Borries)
Titel: Nymphodora Ivanovna
Autor: Ivan Goncharov
Verlag: Friedenauer Presse
Seiten: 102
ISBN: 3932109171
Der Liebeswunsch
Erstellt am: September 21st, 2007In diesem packenden und spannenden Roman wird in sehr lebensechter Manier die Geschichte und das Soziogramm zweier Paare beschrieben.
Die Handlung dreht sich um Paul, einen Chirurgen, Marlene, Ärztin und seine Frau. Dann gibt es Leonhard, einen angesehenen Richter und zuletzt die Studentin Anja. Letzere stößt zu dem Dreiergespann als jüngste und unreifste Person in diesem nunmehr Vierergestirn. Leonhard heiratet die 14 Jahre jüngere Anja nach nur kurzer Zeit der Bekanntschaft. Die Heirat ist für ihn offensichtlich eine Verlegenheitslösung aus enttäuschter Liebe und eigenen männlichen Versagensängsten . Auch für Anja ist die Heirat eine Lösung aus einer ratlosen inneren Verfassung, da sie keine rechten Lebensperspektiven für sich hat. Damit scheint das Scheitern dieser Ehe geradezu vorprogrammiert.
Der Leser beginnt zu begreifen, dass alle vier Personen in diesem Freundschaftsbund sich mit einem Leben eingerichtet haben, dass nicht so harmonisch und ungetrübt ist, wie es den Anschein hat.
Leonhards Leben und damit auch das Zusammenleben mit Anja wird von Prinzipien geleitet. Bei der als labil und orientierungslos beschriebenen jungen Frau setzt sich eine tiefe Aversion und Ablehnung ihrem Mann gegenüber fest, den sie als unsensibel und bestimmend erlebt.
Paul hingegen, der Mann von Marlene, ist ein freundlicher, sinnenfroher Mensch, der um Marlenes willen seine erste Frau und zwei Kinder verlassen hat. Marlene ist stark. Wie sich herausstellt, hatte sie früher den etwas drögen und mit wenig Sexappeal ausgestatteten Leonhard Pauls wegen verlassen. Ein wirres Geflecht von Beziehungen untereinander tut sich auf. Jeder hat seinen eigenen, ausgeprägten Charakter. Wünsche, die jeder an den anderen hat, und Vorstellungen, die jeder vom anderen hat, vermischen sich mit den Selbstbildern eines jeden von sich selber. So geraten alle immer mehr in eine Selbsttäuschung hinein, die ein Entkommen aus den vorprogrammierten Enttäuschungen unmöglich macht. Alle vier Personen scheinen aber mit dem Leben einigermaßen zurechtzukommen, bis quasi stellvertretend für die anderen Anja (unbewusst) alles aufbricht durch ihren unersättlichen Liebeswunsch, mit dem sie Paul sexuell verführt und sich in einer längerdauernden Affäre mit ihm verbindet. Ihr labiler Charakter, mit dem sie immerhin zu einem bestimmten Zeitpunkt die fest genormten Spielregeln der Freundschaft zu durchbrechen scheint, gibt dem ganzen Beziehungsgeflecht einen Stoß mit ungeahnten Folgen. Sie ist die Kaputte, die nicht funktioniert wie die anderen .
Hervorragend im Stil und mit viel Verständnis beschreibt Dieter Wellershoff langsam sich steigernd die Spannungen , die unter der glatten Oberfläche schwellen , mit der die Beteiligten sich begegnen.
Mit subtilen Feinheiten werden Charakteristiken skizziert, die den Leser immer wieder verblüffen. Die wechselnden Ebenen zwischen der Icherzählform und der in distanzierender Erzählform gestalteten Erzählung gibt dem ganzen Roman einen besonderen Anstrich: teils persönlich und teils verfremdet.
Wir erleben in diesem Buch eine Analyse zwischenmenschlicher Verstörungen und Störungen, wie sie heute( sicher unerkannt auch früher!) in vielen Paarbeziehungen zu finden sind. Das Buch wirkt geschlossen in sich. Vielleicht ist die kühle Distanz des Autors ein wenig störend: so recht mag man sich für keine der Gestalten erwärmen.
Ich finde das Buch ist faszinierend , spannend und ganz nah an der Realität der wahren Beziehungsdramen. Man könnte sich das Buch sehr gut verfilmt vorstellen! (Claudine Borries)
Titel: Der Liebeswunsch
Autor: Dieter Wellershoff
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 397
ISBN: 3462029398
Die Giftköchin
Erstellt am: September 21st, 2007Der Rest von Linnea Ravaskas Leben könnte wirklich schön sein. Die alte Dame, seit Jahrzehnten verwitwet, lebt zusammen mit ihrer Katze in einem kleinen, roten Haus im Dörfchen Harmisto, 50 Kilometer von Helsinki entfernt. Leider jedoch wird die Idylle regelmäßig einmal im Monat jäh von dem Tag zerstört, an dem ihre Rente zur Abholung in der Genossenschaftsbank bereitliegt. Zwar sind Zahltage per se eher ein Grund zur Freude, doch die Anziehungskraft, den das Geld auf Linneas rabiaten Neffen Kauko Nyyssönen und seine nicht minder skrupellosen Kumpel ausübt, lässt sie schier an ihnen verzweifeln.
Als Kauko seiner Tante schließlich ihr eigenes, bereits formuliertes Testament präsentiert, das ihn als Erben vorsieht, zweifelt Linnea keine Sekunde daran, dass er ihr fortan nicht mehr nur nach dem Geld, sondern nach dem Leben trachten würde. Von panischer Angst getrieben packt sie einige ihrer Habseligkeiten, überlässt dem geldgierigen Trio unfreiwillig Haus nebst Hof und nutzt den nächstbesten Moment zur Flucht.
Jaakko Kivistö, der zugleich ein alter Freund, Liebhaber und Arzt von Linnea Ravaska ist, gewährt ihr Asyl und verspricht, sie in jeder Hinsicht zu unterstützen. Die Witwe jedoch beschließt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und dabei leisten ihr ein medizinisches Fachbuch aus Jaakkos reichhaltigem Fundus sowie sein Rezeptblock unverzichtbare Dienste.
Es sind der spezielle skandinavische Humor, Arto Paasilinnas bissig-geistreicher Erzählstil sowie sein scharfer, ironischer Blick auf kleine Details und große Zusammenhänge, die “Die Giftköchin” zu einem höchst amüsanten Lesevergnügen machen. Dass dabei die Spannung ein wenig auf der Strecke bleibt, verzeiht man ihm gern.
Arto Paasilinna, 1942 in Kittilä/Lappland geboren, ist Journalist und Schriftsteller und zählt zu den populärsten Autoren Finnlands. Für seine Werke erhielt er – auch fernab seiner Heimat – etliche Literaturpreise. Ebenfalls bei BLT ist sein Roman “Das Jahr des Hasen” erschienen. (Ensa Maurer)
Titel: Die Giftköchin
Autor: Arto Paasilinna
Verlag: Bastei-Lübbe
Seiten: 211
ISBN: 3404920546
Judiths Liebe
Erstellt am: September 21st, 2007Ein witziger, amüsanter, fast schemenhafter Roman ist das vorliegende Buch von Meir Shalev.
“In der Liebe gibt es Regeln, und wo Regeln sind , ist die Welt einfacher”. Eine von vielen Weisheiten, die man in diesem Buch finden kann.
Die archaische, fast alttestamentarische Sprache, mit der die Geschichte von Sejde erzählt wird, findet man schon in ” Der Sündenfall, ein Glücksfall?”, einer modernen Auslegung biblischer Geschichten vom selben Autor.
Hier also rankt sich eine dörfliche Beschreibung vom Tun und Treiben der Dorfbewohner um das Leben des 12 jährigen Sejde ,Judiths Sohn , der ( ungewöhnlich!)drei Väter hatte: sie alle haben um Judith geworben .Von jedem hat Sejde etwas: die großen Füße vom einen, die blonden Haare vom anderen und die hängenden Schultern vom dritten. Mosche Rabinowitz , auf dessen Hof Judith arbeitet, gibt Sejde ein Zuhause und Halbgeschwister. Von Globermann, einem ungehobelten Viehhändler, bekommt er Lebensweisheiten aller Art. Von Jakob Scheinfeld , dem Feinsinnigen und dem Hobbykoch aber stammen die meisten und tiefsinnigsten Ratschläge und Lebensweisheiten für Sejde. Er kann auch viel Wissenswertes über seine Mutter Judith von ihm erfahren , der vielgeliebten und von allen drei Männern begehrten.
Das Dorf mit seinen Gerüchen, den malerischen Beschreibungen der Häuser, der Tiere und den Eigenarten der dort lebenden Menschen, die Ereignisse , die beschrieben werden,—-alles wird einem beim Lesen ganz gegenwärtig. Bei allen Geschichten, die man im Laufe dieses Romans über die Menschen im Dorf und ihre Sonderlichkeiten erfährt, überrascht der Witz und Humor, zuweilen auch die makabre Ausgestaltung der Geschichten, so bei der Beschreibung von Todesfällen.
Eine Menge praktischer Ratschläge fürs Leben vermischen sich mit tiefen Einsichten und Erkenntnissen darüber, wie das Leben in seinen vielen Schichten erscheinen kann. Der Leser wird das eine oder andere an eigenen Erkenntnissen und Lebenserfahrungen wiederfinden, über manches auch zum Schmunzeln kommen. Ein liebenswertes und weises Buch. Wer Sinn für derlei Sprache ,Witz und Erkenntnisse hat, der wird es mit Vergnügen lesen. (Claudine Borries)
Titel: Judiths Liebe
Autor: Meir Shalev
Verlag: Diogenes
Seiten: 390
ISBN: 325706171
Gleissendes Glück
Erstellt am: September 21st, 2007A.L.Kennedy, Jahrgang 1965, gilt in Großbritannien lange als herausragende Schriftstellerin. In Kulturzeit 3 SAT hochgelobt, ist dieses doch eines der merkwürdigsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe.
Helen Brindle ist mit einem scheinbar annormal veranlagten Mann verheiratet: er neigt zu brutalen Ausschweifungen in der Liebe.
Sie spricht mit Gott, von dem sie sich einen Liebhaber wünscht.
In Gestalt des Professors Edward E. Gluck begegnet ihr auf einem Psychologenkongress ein Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlt, von dem sie aber in erster Linie Hilfe in ihrer Lebenslage erwartet .
In sonderlichen, mir etwas künstlich anmutenden Gesprächen, nähern sie sich einander an. Es bleibt eine zarte und nicht zu nahe Beziehung, bis er ihr in einem nächtlichen Telefongespräch beichtet, dass nur pornographische Bilder in ihm Reaktionen auszulösen vermögen. Er fühlt sich schuldig, sagt, dass er nicht in der Lage sei, ihr zu helfen. Man ahnt jedoch , dass er Hilfe von ihr erwartet.
Sie besucht ihn in London, wohnt auch bei ihm. Es ereignet sich dann eine Annäherung , die unnatürlich wirkt. Sie geht wieder zurück zu ihrem Mann. Als dieser eine der Postkarten von Edward E. Gluck an sie bei ihr entdeckt, geht er voll Wut auf sie zu und schlägt sie zusammen. Sie landet mit einem Schädelbruch im Krankenhaus.
Am Ende genesen, kehrt sie zu Gluck zurück, und es gelingt den beiden, zu einer befriedigenden Erfüllung miteinander zu finden. So weit so gut. Der Inhalt mutet fast banal an.
Die Schreibweise ist gekonnt, mal deutlicher , mal mehr verhalten den Inhalt bearbeitend. Was soll das Ziel der ganzen Geschichte sein? Ist es die Banalität des Bösen, die hier Gestalt angenommen hat?
Man könnte es so verstehen. Unter der Oberfläche der nach außen in Erscheinung tretenden Normalität lauert das Grauen, die Perversion, die Abgründe des menschlichen Daseins in Form von verborgenen Phantasien, die das Grauen heraufbeschwören. Ja, so kann das Leben auch sein.
Ein Vergnügen war es für mich nicht, dieses Buch zu lesen. (Claudine Borries)
Titel: Gleissendes Glück
Autor: A.L.Kennedy
Verlag: Klaus Wagenbach Berlin
Seiten: 188
ISBN: 3803131510
Adressat Unbekannt
Erstellt am: September 21st, 2007Ein kleines Büchlein nur, sehr knapp, sehr kurz, aber dem Inhalt nach ein dramatisches Geschehen.Schon 1938 in der New Yorker Zeitschrift” Story “erstmals erschienen, erregte dieser fiktive Briefwechsel zwischen einem Amerikaner und einem Deutschen großes Aufsehen und Interesse in Amerika. Deutete sich doch ” das zersetzende Gift des Nationalsozialismus” in diesem Briefwechsel an.
Zwei Freunde haben in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kalifornien eine Kunsthandlung aufgemacht und mit Erfolg betrieben. Beide stammen aus Deutschland. Der eine, Max, ist jüdischer Herkunft, der andere, Martin, ist Deutscher und kehrt just 1932 nach Deutschland zurück. Beide haben gutes Geld verdient, so dass Martin sich ein Schlösschen in München und eine Frau mit vielen Söhnen/ Kindern leisten kann.
Die Geschichte wird durch einen Briefwechsel zwischen den beiden erzählt. Max beneidet Martin, dass er nach Deutschland zurückkehren kann. Er hingegen wird für beide weiter die Geschäfte in der Galerie Schulse-Eisenstein in San Francisco führen .
Während die ersten Briefe noch von gegenseitiger Herzlichkeit und brüderlicher Verbundenheit beinahe überströmen, setzen bei Martin schon sehr bald Zweifel und Hoffnungen ob der Machtübernahme Adolf Hitlers ein.
Wie ein Sog scheint aber die Hoffnung auf Erneuerung für das deutsche Volk nach den Jahren der Demütigung und verbitterter Scham über den verlorenen ersten Weltkrieg und die Folgen Martin in seinen Bann zu ziehen. Er distanziert sich sehr bald verletzend, abwertend und abwehrend gegenüber dem einst ihm so eng verbundenen jüdischen Freund, mit dessen schöner Schwester er vermutlich vor Zeiten eine kurze Affäre hatte.
Am Ende bittet er Max, ihm nicht mehr privat zu schreiben und die Galerie umzubenennen, da ihm der Kontakt und die Gemeinschaft mit einem Juden in seinem Ansehen und beruflichem Fortkommen im Deutschland des Nationalsozialismus schaden könne.
Schließlich , dramatisch und schnell, geben die Veränderungen in Deutschland Anlaß, dass Max um das Leben seiner in Deutschland verbliebenen Schwester bangen muß. Er fleht den Freund brieflich um Hilfe für sie an, die dieser nicht leistet, vielleicht auch nicht mehr leisten kann. Er ist strammer Nazi in hoher Position geworden. Die Schwester stirbt unter der Verfolgung durch die Nazis.
In einer wiederum nur als dramatisch zu bezeichnenden Form schreibt Max daraufhin weitere Briefe , die Martin vor den Nazischergen ins Zwielicht bringen, vielleicht sogar bringen sollen! Martin ist daraufhin von Verfolgung bedroht, und er fürchtet, dass er in einem Konzentrationslager enden könnte. Unverdrossen adressiert Max seine Briefe an die Privatadresse seines Freundes,– und die letzte Seite des kleinen Büchleins endet mit der Abbildung eines Briefcouverts an Martin Schulse und dem Stempel darauf : Adressat unbekannt.
Man liest die Zeilen mit atemberaubender Spannung, kann den politischen Sog und die Veränderungen der Menschen in dieser Zeit nicht fassen, legt das Bändchen erschüttert beiseite.
Sehr zu empfehlen nicht nur für politisch Interessierte ,sondern auch für alle jene, die sich ein Bild über die politischen Verhältnissen von einst machen möchten. (Claudine Borries)
Titel: Adressat Unbekannt
Autor: Kressmann Taylor
Verlag: Hoffmann & Campe
Seiten: 69
ISBN: 3455076742
Diese Einsamkeit ohne Überfl
Erstellt am: September 21st, 2007Sigrid Damm ist uns als historisch gut recherchierende Schriftstellerin bekannt, die sich mit Cornelia Goethe und dem Buch über Christiane und Goethe ehrenden Ruhm erworben hat.
Hier legt sie einen ungewöhnlichen Erzählband vor: sie beschreibt ihre Impressionen auf einer Schottlandreise, die mit einem Studien- und Lehrauftrag verbunden ist. “Impressionen” ist der richtige Ausdruck für ihre Erzählweise: sie beschreibt die Farben des Himmels und der Landschaft, des Meeres, der Wiesen; die Besuche und das Wohnen bei Freunden, die Küchen und das gemeinsame Essen. Alles ist so aufgeschrieben, daß man durch ihre Augen zu schauen meint, so als wäre der Leser unmittelbarer Teilnehmer ihrer gerade stattfindenden Eindrücke.
Sie macht Ausflüge und Wanderungen, und sie liebt das Alleinsein unterbrochen nur von Begegnungen mit Menschen, die ihr liegen.
Sie schildert psychologisch feinfühlig ihre Eindrücke von jenen, denen sie begegnet. Es ist eine sehr positive Sichtweise, mit der sie die Freunde und andere ihr neu begegnende Zeitgenossen beschreibt. Fast immer sind es wohl Künstler, Schriftsteller, Maler und sonstige Angehörige verwandter Berufe. Es hat den Anschein, als wären sich alle sehr zugetan und in herzlicher Freundschaft verbunden. Fast möchte man neidisch werden auf so viel Freundschaft!
Hineingewoben in diese fast bildergleichen Schilderungen sind die Erinnerungen aus Szenen ihres eigenen Lebens. Da gibt es Söhne, Erinnerungen an ihren eigenen Vater, die nicht geliebte Mutter, ungute Erinnerungen an ihre Bindung zu ihrem letzten Lebensgefährten,– und die Korrespondenz mit einem guten Schriftstellerkollegen–oder ist er mehr als ein Freund?
Diese verhaltenen Andeutungen machen das Buch eher reizvoll.
Zuweilen habe ich den Eindruck, dass ihre Sprachgewandtheit und ihr Einfallsreichtum mit ihr durchgehen so als fielen Kaskaden von Beschreibungen über den Leser her.
Es werden aber auch kleine Geschichtsausflüge eingeflochten.
Man kann einiges über Schottland lernen und der Leser bekommt einen guten Eindruck von dem Land.
Sicher ist diese Lektüre nicht für jedermann geeignet. Aber wer sich für schöne Bilder erwärmen kann, der wird auch dieses Büchlein mit Vergnügen lesen. (Claudine Borries)
Titel: Diese Einsamkeit ohne Überfl
Autor: Sigrid Damm
Verlag: Suhrkamp / Insel Verlag
Seiten: 215
ISBN: 3458167129
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